Wenn Samuel Schmid dereinst seine Memoiren schreibt, wird er das Kapitel zum Fall Nef mit einem grossen Seufzer beginnen. Wie er seine eigene Rolle darstellen wird, wissen wir nicht. Aber eins wissen wir schon jetzt: Schmid hat einen Skandal fürs Lehrbuch abgeliefert.

Politische Skandale gehören zum Spektakel, das gekrönte und ungekrönte Häupter seit je aufführen. Scandalon bezeichnete im Altgriechischen das Hölzchen im Schnappmechanismus einer Falle. Die übertragene Bedeutung verdanken wir sinnigerweise einem Komödiendichter: Bei Aristophanes ist Scandalon das aufsehenerregende Ärgernis, der empörende Vorgang - die moralische Falle.
Lange wurde der Skandal als politisches Phänomen unterschätzt. Und weil er etwas Schmutziges und Triviales hat, wurde er lange auch nicht wissenschaftlich untersucht. Seit jedoch in den modernen Demokratien Interessengruppen das Mittel der Skandalisierung entdeckten und Medien die öffentliche Entrüstung aktiv bewirtschaften, interessieren sich die Sozialwissenschaftler dafür. Eine Erkenntnis der Skandalforscher: Skandale folgen einer festen Dramaturgie. Es gibt bestimmte Rollen und wiederkehrende Motive, mehrere Akte und am Schluss einen Eklat. Schmid zeigt derzeit auf der medialen Bühne ein Skandalspiel, das Aristophanes nicht besser hätte inszenieren können. Wenden wir die Resultate der Skandalforschung an, stellen wir fest, wie sehr die Affäre dem Muster folgt.

Drei Rollen müssen besetzt sein, damit ein Skandal seinen Lauf nehmen kann.

Der Skandalisierte: Zuerst nahm Armeechef Nef diese Rolle ein, als bei der Berufung das Strafverfahren ruchbar wurde. Bald aber geriet Schmid als oberster Verantwortlicher in diese Rolle. Er ist aus Sicht der Skandalforschung ohnehin die beste Besetzung. Denn bei exponierten Amtsträgern, die bestimmte Normen verkörpern und Vertrauen geniessen, sind Fallhöhe und öffentliche Empörung am grössten.

Der Skandalisierer: Diese Rolle spielte die SVP, die Schmid, den «Abtrünnigen», stets als charakterlos und unfähig darstellt. Hinzu kamen die Medien, die als Wachhunde der Demokratie anschlugen.

Das Publikum: Ohne Zuschauer kommt kein Skandal in Fahrt. Im Fall Schmid/Nef kam das Publikum von selbst, da sogleich wichtige Personen und Werte in Frage standen.

Sind die Rollen verteilt, durchläuft jeder Skandal vier Akte.

Am Anfang steht eine moralische Verfehlung - hier die unseriöse Besetzung der Armeespitze.

Es folgt die Enthüllung. Dieser zweite Akt hatte mehrere Szenen, die schrittweise das Ausmass der Verfehlung offenbarten. Der Gipfel war erreicht, als Schmid gestehen musste, dass er von Anfang an vom Strafverfahren wusste.

Im dritten Akt kommt es zur kollektiven Entrüstung. Diese stellte sich ein, als Schmid sich mit «Vergesslichkeit» entschuldigte. Reihum kündigten ihm Politiker das Vertrauen.

Schmids bisherige Reaktionen entsprechen genau dem, was Skandalforscher als gängige Rechtfertigungsstrategien kennen: Ignorieren. Schweigen. Zuständigkeit bestreiten. Bagatellisieren. Nichtwissen vorschieben. Nur zugeben, was bekannt ist. Ausreden bringen. Und als letztes Mittel, auf Schonung spekulieren, wie es Schmid mit der Bitte tat, man möge ihm die menschliche Schwäche der Vergesslichkeit nachsehen.

Hätte er den Skandal abwenden können? Vielleicht am Anfang, wenn er getan hätte, was jeder Berater empfehlen würde: offensiv informieren, Transparenz herstellen, Lösungen präsentieren. Schmid hätte die Informationshoheit behalten und die Definitionsmacht darüber, wie der Fall gesehen wird. Aber er blieb in Deckung. So wurde er zum Gejagten.

Nun verlangt das Publikum nach Sühne. Im Schmid-Skandal hat jetzt der vierte Akt begonnen. Die Ordnung muss wiederhergestellt, der Verantwortliche bestraft werden. Schmid ist angezählt. Demnächst tritt er mit dem Rüstungsprogramm vors Parlament, seinem wichtigsten Sachgeschäft. Doch daraus ist nun eine Personenabstimmung geworden. Ein isolierter Bundesrat, der im wichtigsten Sachgeschäft trudelt, im zentralen Personalgeschäft versagt hat und dessen Reputation darniederliegt, ist politisch erledigt. Er kann nur hoffen, den Moment für einen halbwegs würdigen Abgang zu erwischen.

Wir empfinden Skandale als Betriebsunfälle. Aber sie sind ein wichtiges Instrument der Herrschaftskontrolle. Bei den antiken Dichtern war das Ziel des Schauspiels Katharsis: Reinigung und Läuterung. Auch politische Skandale sind rituelle Waschungen für die politische Hygiene. Im Fall Schmid werden nun Regeln überprüft und Normen bekräftigt. Das Bonmot stammt vom Skandalforscher Christian Schütze: «Wo es Skandale gibt, ist einiges faul. Wo sie fehlen, alles.» Ein Skandal stärkt die guten Sitten. Erst als Dauerphänomen würden sie das Vertrauen in die Ordnung erschüttern.

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