Die Euro 08 bringt viele Gäste und Farbe ins Land, aber auch Lärm und Verkehr, besonders in die Städte, wo die Spiele ausgetragen werden: Zürich, Basel, Bern und Genf. Hupkonzerte in der Nacht, Torjubel aus 10'000 Kehlen, grölende Fans: Wer exponiert wohnt, wird viel aushalten müssen. Toleranz und Flexibilität sind gefragt, denn die Polizei lässt - solange friedlich - grundsätzlich feiern.

Manche wohnen gar in einer Sperrzone, die Bewohner des Basler Freidorfquartiers zum Beispiel. An einem Tag, an dem im St.-Jakob-Park gespielt wird, brauchen sie einen Passierschein, um mit dem Auto in die Stadt oder zurück nach Hause zu fahren. Wer keine Bewilligung hat, kommt motorisiert nicht an Checkpoints und Sicherheitspersonal vorbei. Die Massnahme heisst Verkehrsperimeter, schliesst neun Stunden vor Matchbeginn einzelne Quartiere mit Wohnungen und Geschäften ein und hat zum Ziel, Raum für Sicherheitskräfte zu schaffen sowie Such- und Schleichverkehr im grösseren Umkreis des Stadions zu verhindern.
In Basel wurden bisher rund 3500 Bewilligungen ausgestellt, in Zürich für die Sperrzone ums Stadion Letzigrund rund 11'500. Auch in Bern und Genf werden an Spieltagen Verkehrsperimeter errichtet.

Die Polizei sieht 3-D
Die Weltmeisterschaft vor zwei Jahren hat wieder einmal gezeigt, dass zu einer Siegesfeier immer auch ein Hupkonzert gehört, je nach Mannschaft auch mal ziemlich ausgelassen. Doch wie viel Freudentaumel ist dem Fussball-Normalo zuzumuten? Martin Jäggi, Projektleiter Sicherheit der Euro 08, sagt: «Wer sich gestört fühlt, wird ersucht, beide Augen beziehungsweise beide Ohren zuzudrücken. Die Freude feiernder Fans soll nicht zunichte gemacht werden.» Was darüber hinausgeht, regelt die Polizei - «situationsbezogen», wie Jürg Mosimann von der Kantonspolizei Bern sagt, denn auch er weiss: «Irgendwo gibts eine Schmerzgrenze.» Nehme das Gehupe kein Ende, werde man die Autolenker darauf aufmerksam machen. Zur Anwendung kommt, wie generell während der Euro 08, die 3-D-Strategie «Dialog, Deeskalation, Durchgreifen». Mosimann erklärt: «Bussen verteilen wir erst, wenn das Gespräch nichts hilft oder wenn andere Leute wegen des Fahrverhaltens gefährdet werden.»

Das Strassenverkehrsgesetz ist nicht ausser Kraft gesetzt. Wer angetrunken, mit überhöhtem Tempo oder gefährlich Fahnen schwingend durch die Strassen fährt, macht sich strafbar. Wie die Polizei solche Verkehrssünder aber aus der hupenden Menge fischen will, ist eine andere Frage. Grosse Kontrollen seien nicht vorgesehen, so die Polizeisprecher, aber man werde das Geschehen beobachten, Stichproben machen und punktuell eingreifen.

Gefeiert wird freilich nicht nur im Auto und im Stadion, sondern auch vor jeder Grossleinwand. «Public Viewing» wird an der Euro 08 im ganz grossen Stil inszeniert. Nebst den offiziellen Fanzonen der Spielstädte, 16 grossen Arenen in weiteren Schweizer Städten und einem temporären neunten Stadion in Liestal gibt es Hunderte kleinere Public Viewings von Gastrobetrieben, Vereinen und Privaten.

An den Zugängen werden generell Sicherheitskontrollen durchgeführt. Dort kommen die Besucher mit privaten Sicherheitsleuten (siehe «Sicherheitskräfte: Wer darf was?») in Kontakt, die vom Veranstalter engagiert und damit beauftragt sind, das Hausrecht durchzusetzen. Sie machen Taschenkontrollen und halten unerlaubte Gegenstände wie etwa Glasflaschen zurück. Zudem sorgen sie für die Sicherheit im Inneren der Public-Viewing-Zonen.

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«Die Euro ist kein Freipass»
Bis wann darf bei den Public Viewings und in den Fanmeilen gefestet werden? Wie laut? Wo sind die Grenzen? Die Regelungen sind unterschiedlich. In Basel zum Beispiel gilt eine permanente Freinacht. Alle Beizen, Restaurants und die Fanmeile dürfen rund um die Uhr geöffnet bleiben. «Es wird wie an der Fasnacht sein, lauter als sonst, aber auch fröhlicher», sagt Klaus Mannhart, Sprecher der Stadtpolizei. Es herrsche eine Art Ausnahmezustand.

Und was, wenn johlende Horden in einem Quartier abseits der Fanmeile nachts um zwei durch die Strassen ziehen? «Das geht unter Nachtruhestörung», sagt Mannhart. «Wer rumlärmt, wird gebeten, Ruhe zu geben.» Die Polizei sei da, um für Ordnung zu sorgen. Wer nicht recht tue, werde mitgenommen, Strafgesetzbuch und Bussenkatalog seien ganz normal in Kraft. «Wer jemandem in den Vorgarten pinkelt, muss 100 Franken zahlen, wenn er dabei erwischt wird.» Aus Zürich tönts ähnlich: «Die Euro ist kein Freipass, Unerlaubtes zu machen», meint Adrian Feubli, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich.

Klar geregelt ist in Zürich, dass die Verkaufsläden während der Euro 08 täglich bis 24 Uhr geöffnet bleiben dürfen, dass Boulevardcafés und Gartenwirtschaften ihre Fernsehübertragungen bei den Vorrundenspielen um 23 Uhr, ab den Viertelfinalspielen spätestens um 24 Uhr beenden müssen und dass in der Fanmeile an normalen Spieltagen um ein Uhr nachts Feierabend ist. Bei Wochenend-, Final- und Schweizer Spielen sowie an Spieltagen in Zürich müssen die Gäste das Gelände um zwei Uhr verlassen. Freinächte sind in Zürich bisher nicht vorgesehen.

Drei Wochen dauert der ganze Spuk. Martin Jäggi empfiehlt, «sich mit dem Fussball anzufreunden und mitzufesten». Wer ganz und gar nichts mit der Euro 08 zu tun haben will, geht am besten in die Ferien.

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Sicherheitskräfte: Wer darf was?

Während der Euro 08 sind rund um die Uhr mehrere zehntausend Sicherheitskräfte im Einsatz; Angehörige der Polizei, der Armee, von privaten Sicherheitsdiensten sowie Polizisten aus dem Ausland. Ihre Kompetenzen im Überblick:

  • Polizistinnen und Polizisten (rund 16'000) sorgen für Sicherheit im öffentlichen Raum und intervenieren bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im privaten Raum. Sie dürfen Personen und Ausweise kontrollieren, Leute festnehmen, ausweisen und Rayonverbote aussprechen.
  • Ausländische Polizeikräfte (rund 500 aus Frankreich und Deutschland) unterstützen die Schweizer Polizei im Ordnungsdienst und sind ihr unterstellt. Auch sie haben hoheitliche Befugnisse.
  • Private Sicherheitsleute (2500 vom Konsortium PriSec-E08 und weitere von verschiedenen Firmen) bewachen Gebäude, kontrollieren Parkplätze, machen Eingangskontrollen und setzen in Fanzonen oder in Public-Viewing-Arenen Hausrecht durch. Grundsätzlich haben diese Sicherheitsleute nicht mehr Rechte als jede andere Privatperson. Sie dürfen auf frischer Tat Ertappte nur festhalten. Kontrollieren, durchsuchen oder festnehmen dürfen sie im öffentlichen Raum niemanden.
  • Armeeangehörige (bis zu 15'000) helfen bei Aufbau- und Abbauarbeiten, Führungsaufgaben sowie im Personen- und Objektschutz. Sie leisten keinen Ordnungsdienst.