Es passiert immer wieder. Auch am 16. Mai dieses Jahres. Katrin Joos Reimer, Biologin aus Reinach, ruft frühmorgens per Internet die Daten der Lärm-Messstation in Binningen ab, dann jene der Messstation Neuallschwil. Die Zahlen sind eindeutig: 27 Flugzeuge sind am Vortag von Süden her über die Dörfer des Kantons Basel-Landschaft gedonnert, um dann in Basel-Mulhouse auf Piste 33 aufzusetzen. Joos wechselt die Website, ruft die Statistik des Flughafens ab – dessen Tabelle vermerkt bloss 22 Maschinen.

Joos meldet sich bei der Umweltabteilung des Flughafens, bittet sie, die Zahlen zu überprüfen. Ende Monat wird die Statistik des Euro-Airports für den besagten Tag tatsächlich 27 Südanflüge aufführen.

Fünf nicht registrierte Flugzeuge – das klingt nach Erbsenzählerei bei den fast 88'000 Maschinen, die im letzten Jahr in Basel-Mulhouse starteten und landeten. Doch hinter Joos’ Nachforschungen steckt mehr: Die Angst, der Flughafen überziehe die Region nach und nach mit einem immer dichteren Netz lärmiger Flugzeuge.

Katrin Joos überprüft die Statistik des Euro-Airports seit 2008. Unregelmässigkeiten bemerkt sie fast täglich: Landungen, die klar stattgefunden haben, aber nicht ausgewiesen sind; Flugbewegungen, die später aus ­Tabellen verschwinden; Zahlen zurückliegender Monate, die sich laufend verändern. So weist etwa die am 1. März 2012 erstellte Statistik für den Vormonat Februar 2654 Anflüge aus – am 12. März sind es nur noch 2643 Anflüge.

Imposant auch, wie sich 2010 eine ganze Flotte in Luft auflöst: Die 22 Südanflüge eines Januartages, die am 1. Februar noch ausgewiesen werden, fehlen Tage später plötzlich. Als Joos nachhakt, erhält sie vom Flughafen per Mail die lapidare Antwort: «Vielen Dank für den Hinweis auf die fehlerhafte Statistik. Es handelt sich dabei um ein Problem mit einer Excel-Tabelle. Wir haben die Daten korrigiert.»

Was auffällig ist: Aus den Landestatistiken verschwinden praktisch nur Flugzeuge, die Basel-Mulhouse von Süden her ­angeflogen haben. Über Piste 33 also, auf die Flugzeuge geleitet werden, wenn der Rückenwind auf der Hauptlande­piste den Wert von fünf Knoten übersteigt. Statt den Flughafen von Frankreich her anzusteuern, treten die Maschinen dann über den südlichen Jurahauptkamm in den Schweizer Luftraum ein. Über Balsthal drehen sie ab, beginnen den Landeanflug, überfliegen Dornach, Aesch, Reinach, Binningen und Allschwil und setzen schliesslich auf französischem Boden in Basel-Mulhouse auf.

Flughafen: Probleme mit der Software

Nur: Als der Flughafen 2008 ein Instrumen­tenflugsystem für die Südanflüge in Betrieb nahm, bestimmten die Schweiz und Frankreich – die den einzigen binationalen Flughafen der Welt gemeinsam betreiben –, dass aufs Jahr gesehen höchstens acht Prozent aller Blindanflüge über diese Route abgewickelt werden dürften. Sollte der Wert auf über zehn Prozent steigen, müssten die Zivilluftfahrtbehörden Massnahmen ausarbeiten, um die Quote und damit den Lärm wieder zu senken.

Wie diese Massnahmen konkret aus­sehen sollen, ist nirgends festgehalten, es dürfte wohl aber auf eine Beschränkung des Flugbetriebs hinauslaufen – und das liegt kaum im Interesse der Flughafen­betreiber. Haben die fehlerhaften Statistiken also System? «Ich sage nicht, dass der ­Euro-Airport seine Zahlen schönt», betont Katrin Joos. «Ich stelle nur fest, dass sie des Öftern nicht stimmen – zufälligerweise fast ausschliesslich mit positiver Wirkung auf die Statistik der Südanflüge.»

Der Flughafen sieht das anders. Die Divergenzen in den Statistiken seien lediglich eine Folge davon, dass man die Daten so schnell wie möglich publizieren wolle, sagt Sprecherin Vivienne Gaskell. Die dazu verwendeten Angaben eines manuell gespeisten Systems müssten hinterher zuweilen korrigiert werden. Gaskell räumt aber ein, dass es Anfang Jahr ein technisches Pro­blem gab: «Das Software-System, das die Daten speichert, wurde komplett erneuert. In der Anfangsphase kam es zu Schwierigkeiten mit der Datenbehandlung.»

Bei Rückenwind von mehr als fünf Knoten müssen die Flieger von Süden her auf der Piste 33 landen. Die Grafik zeigt die typische Anflugschneise* (rot).

Quelle: Thierry Gachon/MAXPPP/Keystone

Die Bevölkerung ist misstrauisch

Wie immer die fehlerhaften Statistiken zustande kommen: Bei den Bewohnern der Dörfer auf der Südanflugroute wirken sie nicht sonderlich vertrauensbildend. Zumal dort das Verhältnis zum Flughafen ohnehin schon angespannt ist. Besonders seit Ende Mai das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) den Entwurf des «Sachplans Infrastruktur der Luftfahrt (SIL)» für den Euro-Airport in die Vernehmlassung gegeben hat. Damit legt der Bund fest, wie sich der Flughafen Basel-Mulhouse weiterentwickeln kann.

Vor allem ein Punkt sorgt für Aufregung – der Flughafen soll einen Bahnanschluss erhalten, heisst es im Sachplan: «Ein solcher Anschluss steigert die Attraktivität des Flughafens und dient einer Entlastung der langfristig an ihre Kapazitätsgrenzen stos­senden Landesflughäfen Zürich und Genf.» Für die Skeptiker ist klar: Basel-Mulhouse soll Flüge übernehmen, die Zürich nicht mehr abwickeln kann. Mehr Anflüge dank Anbindung ans Schienennetz also – und damit auch mehr Südanflüge und mehr Lärm über Schweizer Territorium.

Kritik am geplanten Bahnanschluss kommt vor allem aus dem elf Gemeinden umfassenden «Gemeindeverbund Flugverkehr» und dem «Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Basel-Mülhausen», in dessen Vorstand auch SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer sitzt. Aber auch nichtorganisierte Anwohner wehren sich. Etwa die Basler Anwältin Andrea Strahm, die beim Bazl als Privatperson eine Stellungnahme zum aufgelegten Sachplan abgegeben hat. «Man wird einfach den Verdacht nicht los, dass der als Regionalflughafen konzipierte Euro-Airport klammheimlich zu einem Interkontinentalflughafen ausgebaut werden soll», sagt sie. Da seien einmal die unklaren Statistiken und der geplante Bahnanschluss – sowie ein im SIL erwähnter «Ausbau des Pistensystems» und die Tatsache, dass bei einer Pisten-Nachsanierung 2011 der tragfähige Mittelstreifen auf 18 Meter verbreitert wurde. «Damit verfügt der Euro-Airport über eine Piste, die auch der Riesenvogel Airbus A380 mit seinem breiteren Radstand anfliegen kann», so Strahm.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt weist den Vorwurf zurück, Basel-Mulhouse durch die Hintertür zur Interkontinentaldrehscheibe hochrüsten zu wollen. Bei der Nachsanierung sei es aus rein technischen Gründen einfacher gewesen, den Mittelstreifen breiter zu machen, sagt Bazl-Sprecher Daniel Göring. «Die Piste wäre schon zuvor für den A380 nutzbar gewesen. Aber Basel ist aufgrund anderer infrastruktureller Belange nicht für den Riesenvogel zertifiziert.» Und soll es auch nicht werden – genauso wenig, wie er eine zusätzliche Piste erhalten solle: «Eine zweite Piste ist im französischen Pendant zum SIL als mögliche Option enthalten; im Sinne der Kongruenz haben deshalb auch wir sie aufgeführt», sagt Göring. «Pläne gibt es dafür aber keine.»

«Die Nachfrage steigt»

Der Bazl-Sprecher räumt ein, die Formulierung im Sachplan zum Bahnanschluss sei missverständlich. «Der Flughafen Basel-Mulhouse soll nicht zu einem Überlaufgefäss für Zürich werden.» Ziel sei es vielmehr, den Anteil der Flugpassagiere zu erhöhen, die mit dem öffentlichen Verkehr anreisten. Der Airport sei heute von Basel aus zwar mit dem Bus erreichbar, «doch ein Bahnanschluss würde den Passagieren die Anreise ebenso einfach machen wie in Genf oder Zürich».

Dass die Zahl der Flüge von und nach Basel-Mulhouse zunimmt, streitet Göring jedoch nicht ab. «Die Nachfrage steigt, unabhängig davon, ob der Flughafen einen Bahnanschluss hat oder nicht», sagt er. Tatsächlich geht das Bundesamt davon aus, dass 2020 gut 5,8 Millionen Flugpassagiere über Basel reisen werden, fast eine Million mehr als heute. 2030 sollen es gar 7,2 Mil­lio­nen sein. Das heisst: 102000 Flugbewegungen in acht Jahren, im Jahr 2030 gar 113'000. Zum Vergleich: 2004 waren es erst 54'000 Bewegungen. Angesichts dieser Entwicklung dürften auch die Süd­anflüge über die Schweiz zunehmen. Doch der Bazl-Sprecher versichert: «Das Flughafenregime wird nicht geändert, 90 Prozent der Flüge kommen weiterhin von Norden her über französisches Gebiet herein.»

Anwohnerin Katrin Joos beruhigen solche Versprechungen wenig. Zu viele Ungereimtheiten sind für sie rund um den Euro-Airport im Spiel, zu viele «technische Pro­bleme» und «missverständliche Formu­lierungen». Sie wird die Statistik des Flughafens im Auge behalten.