Beobachter: Herr Steinegger, wie häufig haben Sie in den letzten Monaten nach Hannover zur Expo 2000 geschielt?
Franz Steinegger:
Franz Steinegger: Ich war einmal dort. Und ich fand die Ausstellung besser, als sie oft dargestellt wird. Von der Expo.02 sind dort immer wieder Leute präsent, auch jetzt wieder zum Abschluss. Interessant für uns sind vor allem die Organisation, der Betrieb und der Ablauf.

Beobachter: Und die zweischneidige Bilanz der Weltausstellung? Ein interessanter Anlass, hiess es, aber mit weniger als 20 statt 40 Millionen Besuchern und Besucherinnen. Macht Ihnen das keine Angst?
Steinegger:
Nein. Denn die Frage ist, ob die Besucherschätzung realistisch war. Ich bin nicht sicher, dass die Expo 2000 den budgetierten Ansturm überhaupt hätte bewältigen können.

Beobachter: Wo wurde falsch budgetiert?
Steinegger:
Das internationale Interesse lag unter den Erwartungen, in der Grossregion Hannover war die Ausstellung aber ein Erfolg. Insofern bin ich beruhigt. Denn für 80 Prozent der Menschen in der Schweiz ist die Expo.02 in einem Tagesausflug erreichbar. Hinzu kommt der nationale Aspekt unserer Ausstellung – damit können sich die Leute eher identifizieren.

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Beobachter: Haben Sie keine Bedenken, dass die Zeit der Mega-Ausstellungen ganz einfach vorbei ist?
Steinegger:
Natürlich stellt sich diese Frage. Sie tauchte in der Diskussion um die Expo.02 immer wieder auf. Die Antwort kennen wir aber erst in zwei Jahren. Ich habe und hatte aber primär andere Sorgen.

Beobachter: Nämlich?
Steinegger:
Erstens hat uns die Politik die Auflage gemacht, eine Themenausstellung dezentral an vier Standorten durchzuführen. Es gibt aber weder national noch international Erfahrungen, wie ein solcher Anlass erfolgreich bewältigt werden kann. Und zweitens hatte die Expo Probleme mit den internen Abläufen. Unsere Aufgabe in den letzten Monaten war es, die Projektorganisation effizient zu organisieren und personell zu verstärken.

Beobachter: Sie rechnen mit 4,8 Millionen Besucherinnen und Besuchern. Ist diese Zahl bei einer Bevölkerung von sieben Millionen nicht viel zu optimistisch?
Steinegger:
Das habe ich zuerst auch gedacht. Doch die Zahlen liegen im Rahmen der früheren Landesausstellungen. Die Landi 1939 beispielsweise hatte vergleichbare Besucherzahlen, die Expo 1964 sogar noch höhere. Dabei hatten die Leute damals schlechtere Verkehrsverbindungen, weniger Freizeit und weniger Geld. Sollten unsere Schätzungen komplett daneben liegen, käme in der Tat eine völlig veränderte Einstellung zu einem solchen Anlass zum Ausdruck.

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Beobachter: Oder der Ausflug ist zu teuer. Für vier Expo-Arteplages reicht ein Tag nicht – ein 3-Tage-Pass kostet aber 120 Franken. Eine Familie, die auch noch übernachten und essen muss, reist fast billiger in die Karibik.
Steinegger:
Mit den Familienrabatten wird ein Expo-Besuch bezahlbar. Zudem gehe ich davon aus, dass die wenigsten drei Tage in der Region bleiben. Wahrscheinlicher ist, dass die Leute zwischen Mai und Oktober zwei- oder dreimal anreisen.

Beobachter: Für einen Publikumserfolg müssen die Massen begeistert oder zumindest interessiert werden. Bisher hört man aber zum Thema Expo.02 fast nur kritische Stimmen.
Steinegger:
Eine Landesausstellung zeigt auch die nationale Befindlichkeit. Dazu gehört offenbar, dass immer wieder die Kritiker ihr Haupt erheben. Das beunruhigt mich nicht. Wichtig ist: Fast alle Leute in der Schweiz wissen, dass eine Expo im Entstehen ist. Auf dieses Fundament können wir bauen.

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Beobachter: Irgendwann aber muss der Funke springen. Mit Schlagzeilen wie «Expo-Direktoren haben Streit» oder «Höhere Baukosten» wird dies schwierig.
Steinegger:
Natürlich braucht es für die Ausstellung eine positive Dynamik. Expo.02-intern habe ich aber gesagt: Für den Augenblick wollen wir eher arbeiten statt ankündigen. Auch wenn uns das weh tut – wir können und dürfen nicht auf jede negative Meldung reagieren. Kopf runter und Gas geben. Erstens wird es für uns einfacher, je mehr konkrete Projekte wir zeigen können. Und zweitens fehlt uns das Geld, um bis zum Jahr 2002 noch einen breiten Marketingteppich zu legen.

Beobachter: Was heisst das?
Steinegger:
Die Expo hat bisher über 20 Millionen Franken für Kommunikation ausgegeben, es bleiben noch etwas mehr als 50 Millionen. Dieses Geld wollen wir erst ab Mitte 2001 einsetzen, wenn auch der Billettverkauf startet. Bisher ging es darum, den Bundesrat, das Parlament und die Wirtschaft von der Expo zu überzeugen. Das ist nicht schlecht gelungen – es fehlen uns noch rund 70 Millionen Franken von Sponsoren. Diesen Betrag holt man aber nicht mit nationalen Werbekampagnen.

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Beobachter: Sondern mit Ihrem Einfluss als FDP-Präsident bei möglichen Sponsoren?
Steinegger:
Das ist nicht primär meine Aufgabe. Wirtschaftsvertreter im Komitee sind ABB-Chef Alois Sonnenmoser und der frühere Kuoni-Chef Riccardo Gullotti. Die beste Wirkung bei Firmen haben wir aber nicht mit Klinkenputzen. Das beste Signal ist unsere Präsenz und unser Glauben an eine gute Expo.

Beobachter: Aber erst 27 der gut 40 Ausstellungen sind finanziert. Sind Sie nicht besorgt?
Steinegger:
Überhaupt nicht. Viele Leute machen sich falsche Vorstellungen über die Abläufe in der Wirtschaft. Eine Firma, die bei der Expo.02 einsteigen will, kann dies sehr schnell entscheiden. Da gibt es nicht so lange Vorlaufzeiten wie in der Politik.

Beobachter: Dennoch geht das Gespenst einer abgemagerten «Expo light» um.
Steinegger:
Da kann ich beruhigen. Nicht alle Projekte sind für die Expo von gleicher Bedeutung. Es kann zwar durchaus sein, dass am Ende fünf oder sechs kleinere Ausstellungen nicht zustande kommen. Diese werden aber den Gesamtcharakter der Expo.02 nicht in Frage stellen. Man kann auch mit 35 bis 40 Projekten eine sehr gute Ausstellung machen. Momentan sind wir dabei, diese Manövriermasse festzulegen.

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Beobachter: Und wann steht das Expo-Konzept definitiv?
Steinegger:
Die künstlerische Direktion von Martin Heller möchte so lang wie möglich zuwarten, damit den Sponsoren eine Auswahl bleibt. Das finde ich richtig. Dabei kommt uns die Grundidee der Expo entgegen. Die Arteplages sind nicht, wie viele meinen, einfach ein Dach für Ausstellungen. Vielmehr wird wie bei einem Campingplatz eine Infrastruktur mit Anschlüssen für Strom und Wasser gebaut. An diesen Stellen werden die einzelnen Projekte andocken. Jede Ausstellung liefert ihre Hülle und damit die Wettersicherheit selber. Das macht es einfacher, lang flexibel zu bleiben. Ich denke, dass wir damit das definitive Programm erst Mitte 2001 festlegen müssen.

Beobachter: Die Expo hat ein Problem: Was zu sehen sein wird, tönt noch immer sehr abstrakt. Wann werden Sie konkret?
Steinegger:
Man darf nicht vergessen, dass die Expo mitten im Aufbauprozess steckt. Wäre sie schon fertig, könnten wir morgen eröffnen. Wir sind jetzt in der Phase der Vorprojekte – wie die Ausstellungen dann am Ende aussehen, ist noch nicht klar. Um viele Details wird weiter gerungen. Etwa Ende Jahr oder Anfang 2001 werden die wichtigsten Projekte so weit sein, dass man etwas zeigen kann.

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Beobachter: Als «Katastrophen-Franz» haben Sie Hochwasser- und Lawinenkrisen bewältigt. Sehen Sie sich bei der Expo wieder als Notmanager?
Steinegger:
Nein. Aber ich weiss, dass ich mit meinem Engagement ein erhebliches Risiko eingehe. Das gilt für alle Exponenten der Expo. Wir riskieren, als Leute in die Geschichte einzugehen, die einen Flop produziert haben.

Beobachter: Ihr Ruf war bisher makellos. Die Expo ist es Ihnen offenbar wert, diesen aufs Spiel zu setzen.
Steinegger:
Ja, das ist so. Ich bin im Gegensatz zu früher überzeugt, dass unser Land wieder eine Auseinandersetzung mit sich selber braucht. Und all die Probleme und Querelen gehören dazu. Mich tröstet, dass es auch vor den früheren Landesausstellungen tumultuös zu und her ging. Das Resultat wurde aber jeweils als gut befunden. Ich hoffe, das gelingt uns wieder. Übrigens ist es interessant zu sehen, wer im Vorfeld jeweils am meisten Kritik übt.

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Beobachter: Nämlich?
Steinegger:
Vor der CH 91 kam die Kritik aus dem links-grünen Lager. Man befürchtete, dass eine rückwärts gerichtete Identität zementiert würde. Jetzt ist es vor allem das rechte Lager, das am lautesten kritisiert. Diese eher rückwärts orientierten Leute haben offenbar Angst, die Expo.02 könnte ihr Bild der Schweiz in Frage stellen. Ich schaue gern vorwärts – umso mehr braucht es die Expo.

Beobachter: Es heisst, Bundesrat Couchepin habe Sie in den Regen geschickt, damit er im Trockenen bleiben kann. Stört Sie das?
Steinegger:
Ich glaube nicht, dass es so ist. Die Expo steckte vor einem Jahr in einer verzwickten Situation. Für das neue Steuerungskomitee hatten vier Personen mehr oder weniger zugesagt – sofern noch ein Präsident komme. Pascal Couchepin konnte selber nicht gehen. Sonst hätte es geheissen, als Bundesrat sei man offenbar nicht ausgelastet. Also musste er jemanden finden. Sollte die Expo aber ein Misserfolg werden, trägt er die politische Verantwortung. Und das weiss er ganz sicher auch.

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Beobachter: In ziemlich genau zwei Jahren geht die Expo.02 zu Ende. Welches Fazit werden Sie am 20. Oktober 2002 ziehen?
Steinegger:
Ich hoffe, dass wir sagen können: Es war wirklich eine Landesausstellung. Erstens, weil die Menschen gekommen sind. Zweitens, weil sie in einer sich rasant verändernden Welt etwas erlebt haben, das ihre Identität als Schweizer und Schweizerin stärkt. Und drittens möchten wir ein paar Scheinwerferkegel in die Zukunft geworfen haben