Die Bewegung der Schweizer Reisenden (BSR) ist noch kein Jahr alt, doch an Selbstbewusstsein fehlt es ihr nicht: «Wir sind bereit, anstelle der Radgenossenschaft die Inte­ressen der Schweizer Fahrenden zu vertreten», sagt BSR-Präsident Mike Gerzner. Die Bewegung sei mit den Kantons- und Gemeindebehörden gut vernetzt und bei den Fahrenden breit ab­gestützt. «Wir sind draus­sen bei unseren Leuten, wir wissen, wo sie der Schuh drückt», so Gerzner.

Kritik an Radgenossenschaft

Bekannt wurde die Bewegung im Frühling, als sie Fahrende dazu aufrief, die Berner Allmend zu besetzen und so auf fehlende Durchgangsplätze aufmerksam zu machen. Ihre Gründer werfen der Radgenossenschaft vor, sich zu wenig für die Fahrenden einzusetzen – und sehen sich darin bestärkt, seit der Beobachter im Juli publik machte, dass Radgenossenschafts-Präsident Daniel Huber seine Organisation durch hohe Geldbezüge in die Handlungsunfähigkeit getrieben hatte.

Ob der Bund – der die Radgenossenschaft seit 1986 als Dachverband der Fahrenden anerkennt und heuer mit 270'000 Franken unterstützt – auf das Angebot der Bewegung eingeht, ist offen. Zwar ist das Verhältnis zu Radgenossenschafts-Präsident Huber seit dessen Geldbezügen arg getrübt; das Bundesamt für Kultur (BAK) hatte gar seinen Rücktritt gefordert.

Gemäss David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft im BAK, steht jedoch noch nicht fest, wie die Zusammenarbeit mit den Fahrenden künftig aussehen soll. Sicher ist nur: Das BAK ist auf eine Jenischen-Organisation angewiesen. Die Schweiz hat die Fahrenden in einem Rahmen­abkommen des Europarats als nationale Minderheit anerkannt, sie ist damit verpflichtet, ihre Kultur zu fördern. «Dazu brauchen wir auf der jenischen Seite einen Ansprechpartner», sagt Vitali.

Mike Gerzner, Präsident «Bewegung der Reisenden».

Quelle: Gian Ehrenzeller/Keystone
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100'000 Franken aufs Konto

Radgenossenschafts-Präsident Daniel Huber erklärt heute gegenüber der Newsplattform «20 Minuten online», die Finanzprobleme seiner Organisation seien behoben, der drohende Konkurs abgewendet – vor allem dank eines Legats von 80'000 Franken, das nun zu einem grossen Teil ausbezahlt worden sei. Wie sehr Hubers Frohlocken mit Vorsicht zu geniessen ist, zeigt allerdings ein Schreiben der Revisionsstelle, die im Auftrag des BAK die Buchhaltung der Radgenossenschaft unter die Lupe nahm. In dem Brief, der dem Beobachter vorliegt, stellt der Revisionsexperte Anfang September klar, dass das Legat wegen Steuerbelastungen und Honorarabgaben einerseits wohl schmaler ausfallen dürfte als von Huber erwartet – und dass anderseits selbst bei Berücksichtigung des Legats zur Sanierung der Radgenossenschaft weiterhin über 60'000 Franken fehlten. Sein Fazit: «Ohne externe Hilfe (Mittelzuschüsse von aussen) wird die Radgenossenschaft der Landstrasse wohl kaum zu retten sein.»

Huber machte vergangene Woche seine Geschäftsführerin Sandra Bosshard für das Loch in der Kasse der Radgenossenschaft verantwortlich. Mit der Wahrheit nahm er es dabei nicht allzu genau. So behauptete er etwa, Bosshard habe «mit Einzelzeichnungsberechtigung allein alle Zahlungen von den Konten der Radgenossenschaft» ausgeführt – ein Blick ins Handelsregister zeigt dagegen, dass die Geschäftsführerin nur zu einer Kollektivunterschrift zu zweien berechtigt ist; der Präsident oder der Vizepräsident müssen mitunterzeichnen.

Aus Bankauszügen, die dem Beobachter vorliegen, geht zudem hervor, dass sich der Radgenossenschafts-Präsident bis Ende Mai über 68'000 Franken Lohn auszahlen liess. Die erste grosse Tranche von 14'000 Franken floss bereits am 3. Januar, dem ersten Werktag des neuen Jahres. Anfang April folgte eine Lohnüberweisung von rund 20'000 Franken, Ende Mai kamen weitere 26'000 Franken hinzu. Nicht zu vergessen die Spesen: Bis Ende Mai liess sich Huber fast 10'000 Franken Fahr- und 3000 Franken Essenspesen auszahlen. Zusammen mit Überstundenentschädigungen und anderen Zahlungen flossen so  innerhalb eines knappen halben Jahres rund 100'000 Franken von der Radgenossenschaft auf Hubers Konto.

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Geschäftsführerin unter Druck gesetzt

Geschäftsführerin Bosshard hatte das Führungsgremium und das Bundesamt für Kultur im Juli über die finanziellen Probleme unterrichtet. In ihrem Schreiben bezeichnete sie es als Fehler, dass sie die Gelder ausbezahlt habe. Huber habe sie aber «unter Druck» gesetzt, da er in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt habe.

Tatsächlich scheint die 49-Jährige unter starkem Druck gestanden und gesundheitlich darunter gelitten zu haben. Nachdem sie bereits Anfang Jahr gekündigt hatte, zog sie die Kündigung zwar wieder zurück, da das BAK der Radgenossenschaft sonst eine Subventionstranche nicht ausbezahlt hätte – wobei das BAK laut einem Sitzungsprotokoll vom März «froh» war, dass sie weiterhin im Amt blieb.

Im Sommer kündigte sie jedoch erneut; aus «medizinischen Gründen» und mit ärztlicher Unterstützung, wie aus einem Arztzeugnis hervorgeht, das dem Beobachter vorliegt. Als sie einige Wochen darauf auf das Loch in der Kasse hinwies, stellte Huber sie frei.