Die erlösende SMS von Max Göldi kam am 13. Juni: «Ich bin auf dem Weg zum Flughafen.» Eine halbe Stunde darauf: «Ich sitze auf Sitz 1A.» Fünf Minuten später: «Das Flugzeug rollt.» Was an jenem Sonntag geschah, bleibt für immer in meinem Kopf und meinem Herzen eingebrannt. Nach 23 Monaten konnte Max Göldi endlich Libyen verlassen. Bis zur letzten Minute wussten wir nicht, ob er wirklich freikommt.

Als Max schliesslich nachts um 1.30 Uhr in Zürich landete, sahen wir uns zum ersten Mal. Ich sagte: «Hoi Max, ich bi dr Ron.» Wir umarmten uns. Es war ein wunderschöner Moment, ich war zutiefst gerührt. All die 23 Monate zuvor kannten wir voneinander nur die Stimme am Telefon.

Meine Geschichte mit Max hatte an einem anderen Sonntagmorgen begonnen, am 20. Juli 2008. Ich frühstückte gerade in Bern, als ich von der ABB hörte, Max sei in Tripolis verhaftet worden. Binnen weniger Stunden war unser Krisenteam in Aktion. Von da an war ich der Verbindungsmann von der ABB zu Max, zu seiner Familie und zum Eidgenössischen Departement des Äusseren. Vor allem mit Max’ Familie habe ich während der zwei Jahre viel zusammengearbeitet und eine enge Beziehung aufgebaut. Mein erster Besuch nach Beginn der Affäre galt denn auch seiner Mutter und seinem Bruder.

Der Tiefpunkt war, als Max verschwand

Als Leiter der Corporate Responsibility bei der ABB bin ich verantwortlich für alles, was Menschenrechtsfragen betrifft, deshalb habe ich diese Aufgabe übernommen. Denn was mit Max geschah, war auch eine Frage der Menschenrechte. Wobei es bei der ABB noch nie einen ähnlichen Fall gegeben hat. Das war für uns eine vollkommen neue Situation.

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Ich konnte mit Max nur via SMS oder telefonisch Kontakt halten. Manchmal sprachen wir täglich mehrmals, manchmal nur ein paarmal die Woche, manchmal war gar kein Kontakt möglich oder notwendig. In den knapp zwei Jahren gab es sehr viele entscheidende Pha­sen, dann war der Austausch jeweils sehr intensiv. Etwa bevor Max im vergangenen März den Entschluss fasste, ins Gefängnis zu gehen: Da hatten wir in langen Gesprä­chen das Für und Wider abgewogen.

Der Tiefpunkt für mich war, als Max am 18. September 2009 verschwand. Er und Rachid Hamdani – der andere Schweizer, den Libyen festhielt – waren an einen unbekannten Ort gebracht worden. Es belastete mich, nicht zu wissen, was vor sich ging – und diesen Zustand für unbestimmte Zeit aushalten zu müssen. Wir alle waren so erleichtert, als nach 53 Tagen der Anruf kam, dass Max wieder in der Botschaft sei.

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Ein anderer harter Moment war, sehen zu müssen, wie man Max in Handschellen ins Gefängnis abführte. Das kollidierte ja mit der Freilassung von Rachid Hamdani. Natürlich waren wir darüber glücklich, aber weil Max immer noch gefangen war, erlebten wir – und nicht zuletzt auch Ham­dani – die Sache mit gemischten Gefühlen.

Es ist vorbei! Micheline Calmy-Rey und Max Göldi am 14. Juni am Flughafen Zürich

Quelle: Steffen Schmidt/Keystone

Manchmal half es, Distanz zu schaffen

Max und ich versuchten, sachlich und professionell zu bleiben. Das schafften wir meist. Mit der Zeit hatten wir so viel Vertrauen zueinander gefasst, dass wir sehr offen reden konnten. Über seine Lage, aber auch darüber, was ich wusste. Wir hatten ja beide keinen Zugang zu allen Informationen und probierten, gemeinsam zusammenzufügen, was vor sich ging. Ich habe nie etwas schöngeredet. Dafür war er dankbar. Es gab zwar auch Momente, in denen wir nur übers Wetter sprachen. Oder ich versuchte, ihn mit einem Witz zum Lächeln zu bringen. Doch meist ging es um die sachliche Klärung der Lage.

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Das Ganze war eine emotionale Achterbahn, eine enorme psychische Belastung für alle. Für Max, für seine Familie, für die Diplomaten. Wir durchliefen Hochs und Tiefs. Es war manchmal schwierig für mich, aber nichts im Vergleich zu dem, was Max' Familie durchmachen musste. In schwierigen Momenten half es mir, emotio­nal zurückzustehen. Die Sache pragmatisch zu beobachten. Je mehr man gefühlsmässig Distanz schafft, umso besser kann man in einer heiklen Situation vorwärtsgehen.

Das Telefon lag griffbereit neben dem Bett

Ich habe immer bewundert, wie intensiv und hart die Diplomaten in Bern Tag und Nacht am Fall Göldi gearbeitet haben. Sie leisteten wirkliche Knochenarbeit. Ich selber war ja nie in Libyen. Doch durch den engen Kontakt mit den Spezialisten im EDA und anderen Experten für den Mittleren Osten habe ich viel dazugelernt. So habe ich zum Beispiel vom Roten Kreuz in Genf einiges über Krisen- und Geiselszenarien erfahren.

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Zwei Jahre habe ich mit Max gelebt, ­ohne je mit ihm zusammen gewesen zu sein. Die Sache war jeden Tag 24 Stunden lang präsent. Ich war immer im Alarm­zustand. Überall erreichbar: in den Ferien, am Wochenende. In kritischen Zeiten lag das Telefon griffbereit neben meinem Bett, und ich wartete auf – hoffentlich gute – Neuigkeiten. Die Anrufe kamen manchmal auch nachts um drei oder vier Uhr.

Vor vier Wochen – Max war frei – konnte ich endlich zu meiner Frau sagen: «Das ist das erste Wochenende seit zwei Jahren, an dem es keine SMS, kein Telefonat, keine Telefonkonferenz gibt.» Ein tolles Gefühl, sehr erleichternd. Auch für meine Frau, die mich jederzeit unterstützt hat.

Seit seiner Rückkehr sehe ich Max immer wieder. Es ist wunderbar, ihn als freien Mann zu treffen, über vieles zu reden, Erfahrungen und Ansichten auszutauschen und miteinander zu teilen. Ich bin einfach über­glücklich, dass die schwierige Zeit für alle vorbei ist.

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