Zwei Häuser in Biel. Sie sind knapp zehn Meter voneinander entfernt. Im ersten Gebäude: Isabel und Heinz Werder, ein Paar um die dreissig ohne Kinder. Hinter dem Zaun eine Jugendstilvilla. Drei Stockwerke, ein Garten. Hier wohnt Isabels Mutter, Maria Ilg. Sie ist über siebzig. Hier lebt auch Roland, ihr Sohn.

Lebt er noch?
Die Frage quält Isabel Werder. Das Zimmer, in dem sie ihren Bruder vermutet, ist nie erhellt. Seit Jahren hat sie ihn nicht mehr gesehen. Maria Ilg, die Mutter, will mit der Tochter nicht mehr sprechen. Isabel hat striktes Hausverbot. Die Telefonate sind selten und kurz.

Es kommt vor, dass Maria Ilg anruft: Roland sei bereit, Isabel könne jetzt kommen. Drei, vier Minuten vergehen - und Isabel steht vor der Tür. «Es ist zu spät», sagt die Mutter, «er ist wieder voller Angst.»

Frühling 1996. Isabel Werder - alle Namen ihrer Familie sind geändert - bekommt ihren Bruder zu Gesicht. Der 35jährige sitzt reglos im Zimmer an seinem Tisch, der übersät ist mit verfaulten Lebensmitteln. Es riecht nach Exkrementen. Roland trägt ein T-Shirt, sonst nichts. Er kann kaum noch gehen. Seine Glieder sind verkrümmt, die Zähne verfault, er blinzelt stumpf ins Leere. «Es ist kühl geworden», sagt er und wiederholt diesen Satz immer wieder. Die Schwester erkennt er nicht mehr.

Mitte 1994 hatte sich Isabel Werder an den Beobachter gewandt. Ihr Brief war kühl, distanziert - und doch voller Verzweiflung. «Mein Bruder hat das Haus meiner Mutter seit 1980 nicht mehr verlassen», schrieb sie. «Unzählige Versuche, mit ihm in Kontakt zu kommen, scheiterten an meiner Mutter.» Das beigelegte Dossier förderte eine Geschichte zutage, deren volle Tragweite erst in diesen Tagen erkennbar wird. Eine Familiengeschichte, gewiss: voller Unwägbarkeiten, Behauptungen, voll schützenswerter Intimität. Aber auch eine Geschichte behördlichen Versagens. Und damit ein handfester Skandal. Ilg, Reber&Co. ist eine bedeutende Firma in Biel. Oder wäre es richtiger zu sagen: «war»? Die Gründer sind gestorben, die Erben entzweit, und Maria Ilg, Besitzerin zahlreicher Liegenschaften, lebt seit 1978 von ihrem Mann getrennt. Die Kinder - Roland ist zwei Jahre älter als Isabel - kennen vor allem eines: Umzüge. Brienz, Avenches, Gstaad, Yverdon lauten die Stationen. «Immer, wenn Roland vom Schulpsychologen untersucht werden sollte, wechselten wir den Wohnort», sagt Isabel Werder.

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Der Bub war schon sehr früh aufgefallen. «Er konnte sehr einfühlsam sein; im Handumdrehen schrie er los», erinnert sich die Schwester. Oft kam es vor, dass er seine Mutter attackierte. Diese aber verbot der Tochter nachdrücklich, dem Vater davon zu erzählen. In der Pubertät begann sich Roland immer mehr zurückzuziehen. «Er las, er schlief, er schwieg», sagt Isabel. In dieser Zeit brach der Vater den Kontakt ab. Die Privatschule hatte Roland verlassen. 1980 suchte Maria Ilg per Inserat einen Betreuer für den unruhigen Sohn. Er war glücklich, nicht mehr allein zu sein. Als er aber entdeckte, dass dieser Freund für sein Hiersein entschädigt wurde, brach eine Welt zusammen. «Ich habe meinen Bruder noch nie so weinen sehen», sagt Isabel. Der 19jährige verbarrikadierte sich in seinem Zimmer, schrie Verwünschungen aus dem Fenster. Die Mutter sperrte er ausser Haus.

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Erst nach mehreren Wochen öffnete er ihr wieder die Tür. Seit diesem Tag hat er die mütterliche Villa nicht mehr verlassen. 17 Jahre und neun Monate lang. Sommer 1983. Karl Eduard Ilg, Rolands Vater, wohnhaft in Genf, beantragt die Bevormundung seines Sohnes. Die amtlichen Abklärungen enthüllen «sonderbare Familienverhältnisse». Ein Bieler Stadtpolizist hält fest: «Roland führt naturwissenschaftliche Experimente durch. Alles nur Halluzinationen. Die Nahrungsmittel werden ihm von der Mutter vor der Tür deponiert.» Der Rektor einer Sekundarschule gibt zu Protokoll: «Gespräche mit Frau Ilg erweckten den Eindruck, dass sie während Jahren unmenschlichen Druck auf ihren Sohn ausübte.» Ein Betreuer: «Vor Rolands Zimmer stinkt es bestialisch.» Eine Primarlehrerin: «Roland sollte von zu Hause wegkommen.»

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Der von der Vormundschaftsbehörde aufgebotene Arzt muss die Liegenschaft unverrichteter Dinge verlassen. Die Mutter lässt ihn nicht zu Roland vor. Ein Therapeut bezeichnet den Sohn als «wohlauf und lebensfroh». Er hat ihn, was er heute bedauert, nicht persönlich gesprochen. Die Abklärungen ziehen sich hin. Eine psychiatrische Begutachtung kommt nicht zustande. Ein Sozialarbeiter, der sich Roland nähern will, wird von ihm mit Büchern bombardiert. Drei Jahre nach Karl Ilgs Vorstoss, am 2. Mai 1986, erklärt das Vormundschaftsamt Biel: «Die Angelegenheit wird von der Geschäftskontrolle abgeschrieben.» Kurt Affolter, der neue Amtsvorsteher, wünscht Maria Ilg «viel Kraft und Erfolg, Roland aus seiner selbstgewählten Isolation herauszuführen». Zum Glück sei sein Onkel ja bereit, «eine gewisse Mitverantwortung» zu übernehmen. Dieser habe erklärt, sein Neffe sei «wohl genährt und körperlich gesund». «Es besteht kein Grund, an diesen Äusserungen zu zweifeln», fügt das Vormundschaftsamt seinem abschliessenden Schreiben bei. Maria Hedwig Ilg. Eine beeindruckende, redegewandte Frau. Sie pflegt Kontakte zu Militär- und Regierungskreisen. Sie ist reich. Verwaltungsrätin. Besitzt Land und bewegt sich gewandt auf dem politischen Parkett: Ilg, Reber&Co. ist der Stadt seit Jahrzehnten verbunden. Frau Ilg weiss das zu nutzen. Nur Freunde hat sie nicht. Auch kaum Gäste. Aber sie hat Roland. Er erhält eine IV-Rente, ohne je untersucht worden zu sein. Er wird für dienstuntauglich erklärt, ohne je vor der Untersuchungskommission erscheinen zu müssen.

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1992 unternimmt Isabel einen erneuten Vorstoss bei der Vormundschaft. «Ich habe meinen Bruder vor zwölf Jahren das letzte Mal gesehen», schreibt sie. «Ich kann die jetzige Situation nicht mehr verantworten. Roland muss durch einen Gutachter beurteilt werden.» Rolands Onkel erklärt wenig später, sein Neffe führe «ein Leben nach seinem Willen», er mache «keinen unglücklichen Eindruck». Ein Psychiater sieht es anders. Er schreibt: «Es ist Frau Ilg, die als Betreuungsperson von Roland psychiatrisch begutachtet werden müsste.» Seine Intervention bleibt ohne Folgen.

Sporadisch bekommt Isabel Einlass ins «Mutterhaus». Aber Roland reagiert nicht auf ihr Klopfen, nicht auf ihr Rufen - auch nicht auf ihr Zureden vor der Zimmertür. Der Teppich auf der Treppe riecht übel. Endlich darf Isabel Einsicht in die Akten nehmen. Das Dossier auf der Vormundschaft spricht eine deutliche Sprache. Der frühere Amtsvorsteher hatte vor seiner Pensionierung verschiedenste Zeugen befragt. Schon vor Jahrzehnten war Rolands Krankheit erkannt worden. Ebenso das Bemühen der Mutter, diese zu vertuschen. Isabel verfasst einen dringenden Appell an Kurt Affolter: Als Vormundschaftsvorsteher sei es seine Pflicht, zum rechten zu sehen. Maria Ilgs Anwalt erklärt, es handle sich um eine persönliche Abrechnung der Schwester. Der Onkel bittet Isabel, sie solle sich nicht «einmischen».

Isabel Maria Werder. Nach dem Psychologiestudium trat sie in die Kunstgewerbeschule ein. Eine Kämpferin, die weiss, was sie will - und dies meist auch erreicht. Und trotzdem quälen sie Zweifel. Die Loyalität zur eigenen Mutter macht den Kampf um ihren Bruder noch schmerzhafter. Ihr Bruder, vor dem sie sich fürchtete als Kind, der so oft so lang schwieg. Und den sie jetzt verkümmern sieht.

Seit dem Gespräch im Vormundschaftsamt herrscht Funkstille zwischen Isabel und dem Haus nebenan. Nachdem sich Isabel Werder an den Beobachter gewandt hatte, setzte die Vormundschaft einen Sozialarbeiter ein, der sich um Roland kümmern sollte. Wie dieser seine Aufgabe verstanden hat, ist unklar.

Ende 1997. Die zuckerkranke Maria Ilg fällt ins Koma. Nur durch einen Zufall wird sie entdeckt und sofort hospitalisiert. Roland sitzt zusammengekrümmt im Halbdunkel. Die wenigen Meter zum Bad schafft er nur mit grösster Anstrengung. Isabel Werder wäscht ihn. Der 1,90 Meter grosse Mann wirkt «klein und verwundbar wie ein gepeinigtes, hilfloses Tier». Der Onkel samt Sohn, ein angehender Arzt, machen sich energisch an den Hausputz. Die Lage spitzt sich zu. Die Familie des Onkels rät dringend, «nichts zu verändern». Maria Ilg sei bald zurück im Haus. Isabel wird ermahnt: Sie gefährde das Leben ihrer Mutter, wenn sie Roland ausser Haus bringe. Der Vormundschaftsvorsteher erklärt sich «ausserstande», gesundheitsbehördliche Schritte einzuleiten. Auch die Spitex ist «aufgrund der Tragweite der Krankheit» nicht bereit, weitere Pflege zu übernehmen.

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Nach mehrmaliger Intervention von Isabel kommt der fürsorgerische Freiheitsentzug - trotz Einsprache der Vormundschaftsbehörde - zustande. Am 28. November 1997, kurz nach ein Uhr mittags, verlässt Roland Ilg mit Hilfe eines Sanitäters das Haus. Er leistet keinen Widerstand. Es ist, als wäre er in Eile.

Roland Ilg, geboren am 28. Juni 1961. Bürger von Biel. Grundschule nicht beendet. Keine Berufsausbildung. Stämmige Statur. Schweigsam. Fiel auf als Kind. Aufgewachsen mit Haushälterinnen und Privatlehrern. Ohne psychiatrische Hilfe. Als Isabel ihren Bruder entdeckte, hatte es Spuren von Ratten im Haus. Roland Ilg wird notfallmässig in die psychiatrische Klinik Waldau eingeliefert. Diagnose: Schizophrenie. Klaus Affolter, der Vorsteher des Bieler Vormundschaftsamts, war bis zum Schluss gegen die Einweisung von Roland Ilg in die Klinik. Er schlug vor, den jungen Mann in das Spitalzimmer seiner Mutter zu legen.

«Die Beziehungen innerhalb dieser Familie sind als absolut ausserordentlich zu bezeichnen», sagt der Vormundschaftsvorsteher heute: «Unser Mitarbeiter hat Roland gelegentlich besucht und nie einen zwingenden Handlungsbedarf ausgemacht.» Laut Notfallarzt der Waldau hatte sich Roland beim Klinikeintritt jedoch «in Lebensgefahr» befunden.

Heute isst Roland wieder mit anderen Patienten. Sein Gang ist bedächtig. Er spricht kaum. Er kann selbständig auf die Toilette gehen.