Beobachter: Der Feinstaub schädigt Atemwege und Lunge. Warum warten Sie mit konkreten Massnahmen zu, bis der Grenzwert um das Doppelte überschritten wird?
Willi Haag: Mit unserem dreistufigen Konzept fanden wir einen Konsens. Das war nicht einfach - die Verursacher sind ja immer die anderen. Für den TCS sind Geschwindigkeitsbeschränkungen wirkungslos, für die Bauern das Traktorenverbot, und die Hauseigentümer halten an der Cheminéefeuerung fest.

Beobachter: Ob das Notfallkonzept in Kraft tritt, hängt letztlich von den Kantonen ab. Der Thurgau etwa könnte handeln, Schaffhausen zum Beispiel aber nicht. Das ist nicht gerade sinnvoll.
Haag: Wir sind nun daran, die Kantone zu überzeugen, unser Konzept auch umzusetzen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das bis Mitte November schaffen werden.

Beobachter: Im Februar erklärten Sie, die Sensibilisierung der Bevölkerung sei jetzt gegeben - damit wären nun auch weitergehende Massnahmen möglich.
Haag: Nur dank der Sensibilisierung haben wir diesen gemeinsamen Nenner gefunden. Vor einem Jahr wäre das nicht möglich gewesen. Denn die Gegensätze sind jetzt noch gross genug: auf der einen Seite die Wirtschaft und der Tourismus, denen jede Einschränkung zu weit geht, auf der anderen Seite der VCS und die Krebsliga, denen die Massnahmen nicht drastisch genug sein können.

Beobachter: Es erstaunt doch, dass weitere Massnahmen wie etwa die Sperrung der Innenstädte für Autos mit hohem Schadstoffausstoss kein Thema sind. Kuschen Sie vor den Wirtschaftsvertretern?
Haag: Es steht Kantonen und Städten frei, weitergehende Massnahmen zu ergreifen. Lausanne hat letztes Jahr im Stadt- und Vorortsnetz den Führerausweis als Billett für den öffentlichen Verkehr anerkannt. Das kam gut an - ich hoffe auf Nachahmung.

Beobachter: Die wichtigste Massnahme des Bundesrats, nämlich das Partikelfilterobligatorium für Dieselmotoren, muss noch von der EU abgesegnet werden. Wir müssen somit auch im nächsten Winter mit zu hohen Belastungen rechnen.
Haag: Das ist möglich - unser Notfallkonzept bricht ja nur die Spitze der Belastung. Wir müssen alles tun, um Bundesrat Moritz Leuenberger den nötigen Rückenwind bei seinen Verhandlungen mit der EU zu verschaffen. Doch selbst bei einem schnellen Erfolg wird es Jahre dauern, bis alle alten Motoren und Maschinen ersetzt sind.

Massnahmen in drei Stufen

  • Überschreitet der Feinstaub den Grenzwert von 50 µg/m3 (Mikrogramm pro Kubikmeter) während dreier Tage um das 1,5-Fache, wird das Volk zu freiwilligen persönlichen Massnahmen aufgefordert (öffentliche Verkehrsmittel statt Auto).

  • Wird die Belastung drei Tage lang um das Doppelte überschritten, tritt Tempo 80 auf Autobahnen in Kraft, ausserdem ein Überholverbot für Lastwagen. Zweitheizungen mit Holz und Feuer im Freien sind verboten.

  • Bei dreifacher Überschreitung des Grenzwerts während dreier Tage wird der Einsatz dieselbetriebener Motoren und Maschinen ohne Partikelfilter verboten.