«Die Schweiz hat immer eine Armee – entweder die eigene oder eine fremde», sagt Beat Schuler und macht damit gleich seine positive Einstellung zur bewaffneten Neutralität klar. In seiner Freizeit ist der Automechaniker Werkgruppenchef der Festungswerke Sattel im Kanton Schwyz.

Schuler und seine Kollegen haben bereits zwei aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Artilleriefestungen und einen Divisionskommandoposten im Gebiet Sattel auf Vordermann gebracht. Zurzeit klären die zivilen Festungsschützer ab, ob sie auch das höher gelegene Artilleriewerk Halsegg übernehmen können. Als eine der letzten Festungen wurde die Halsegg 1988 dem Betrieb übergeben und vor kurzem stillgelegt. Sichtbar ist ein Stall, der den Eingang tarnt. Darunter lugen einige kleine Fenster friedlich ins Land. Nur der Stacheldraht weist auf ein militärisches Objekt hin.

Unter dem Stall gehts drei Stockwerke tief zu den Mannschaftsräumen, zur Strom- und Wasserversorgung, zu den Maschinenräumen und den beiden Artilleriegeschützen. In rund 300 Meter Entfernung findet sich die gleiche Anlage noch einmal. Der Vorteil im Ernstfall: Schaltet der Feind einen Festungsteil aus, ist der andere noch in Betrieb.

Erfolgt die Übergabe an die Festungswerke tatsächlich, so beginnt für Schuler und seine Gruppe ein hartes Stück Arbeit: «Dann brauchen wir unsere Praktiker – die steile Treppe muss auch für nicht festungstüchtige Besucher gesichert werden», sagt Paul Hardegger, Koordinator der Gemeinde Sattel und Werkgruppenmitglied. Zudem müssten die Kanonen schiessuntauglich gemacht werden – «kastriert», wie sich ein Festungswächter ausdrückt. Für Hardegger ist es nur natürlich, dass er bei der Erhaltung der Festungen rund um den Sattel mitwirkt: «Schliesslich war ich einmal Kommandant dieser Festungsartillerieabteilung.»

Die Halsegg gibt den Blick über den Ägerisee bis nach Zürich und zum Rapperswiler Seedamm frei, wo ihre vier Geschütze den Feind hätten stoppen sollen. Sie öffnet den Blick aber auch in die Zukunft und in die Vergangenheit.

In die Zukunft, weil die noch militärisch genutzten Festungen im Prinzip nach dem Muster der Halsegg gebaut sind. Nur sind die heutigen Anlagen mit modernen Schnellfeuerkanonen bestückt.

In die Vergangenheit, weil mit der Halsegg klar wird, dass der Festungsbau bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts dauerte. Er begann 1882 zum Schutz der neu eröffneten Gotthardbahn. Mit jeder Bedrohung – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – grub sich die Armee tiefer ein.

Wie weit der Ausbau der Schweiz zur Festung gediehen war, zeigt schon allein, dass die Armee derzeit über 8000 Kampfbauten aufgibt. Sie taugen in der modernen Kriegsführung nicht mehr.

Leichenraum in Kreuzform
Doch viele ehemalige Armeeangehörige haben eine starke Bindung zu den ausgemusterten Festungen und zur alten Schweizer Armee. Dafür erbringen sie auch den Tatbeweis: Organisiert in 42 Vereinen und Stiftungen, leisten sie Tausende von unbezahlten Arbeitsstunden für den Erhalt der Festungen.

Beispiel Artilleriewerk Magletsch bei Oberschan SG: «In viereinhalb Jahren haben wir 25'000 Stunden Fronarbeit ins Werk gesteckt und 25'000 Besucherinnen und Besucher durch die Festung geführt», erzählt Vorstandsmitglied Hans Eggenberger. In diesem Werk mit sieben Geschützen konnten 380 Mann monatelang unabhängig leben – dank eigener Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung, eigenen Unterkünften, Operationssälen und einem Leichenraum in Kreuzform.

Beispiel Festung Reuenthal AG: Mit 5000 Stunden Fronarbeit haben Freiwillige die Anlage auf Vordermann gebracht. Rund 10'000 Besucherinnen und Besucher ziehen pro Jahr an den beiden Kanonen vorbei, die im Zweiten Weltkrieg die deutschen Panzer hätten stoppen sollen.

Augenfällig ist das historische Interesse der Festungsrestaurateure: In der Halsegg entspann sich eine rege Diskussion über Hitlers Machtergreifung. Im Festungsbeizli von Reuenthal kommt dagegen das Herz zum Zug – besonders wenn «Suppe und Spatz» aus der Gamelle oder Käseschnitten auf der Speisekarte stehen.

Im benachbarten Militärmuseum Full, wo auch die Waffen möglicher Invasoren ausgestellt sind, tragen bestandene Männer auch mal den Kämpfer – unter Soldaten Vierfrucht-Pyjama genannt –, wenn sie sich an russischen Panzern zu schaffen machen. Der Basler Jurist Thomas Hug, Oberst und Initiant des Festungsmuseums und des Militärmuseums: «Die Armee der Vergangenheit entsprach unserer Auffassung von Demokratie. Bürger und Soldat gehörten in der Schweiz immer zusammen. Zudem spielten im Militär die Kontakte über die sozialen Grenzen.»

Emotionslos neutral ist die Haltung zur Armee 05: «Sicher ist die Modernisierung nötig», stellt Beat Schuler von der Werkgruppe Sattel nüchtern fest. Sein Kollege ist kritischer: «Vielleicht ist man noch froh um die Erhaltung der Festungen.»

Sicher ist: Der Erhalt der Befestigungsanlagen ist nur möglich, weil der Bund sie meist gratis an die Vereine abgibt. Eine Win-win-Situation entsteht aber gleichwohl, denn die Armee muss so weder die immensen Versicherungsprämien noch die Stromkosten von bis zu 30000 Franken pro Werk und Jahr bezahlen. Würden sich nicht Freiwillige um den Unterhalt der Anlagen kümmern, bliebe nur die Möglichkeit des Rückbaus – Waffen und umweltbelastende Stoffe müssten also eliminiert werden. Kosten pro Artilleriewerk, von denen es rund 400 gibt: gegen 100'000 Franken.