Staatsschutz - das klingt fast ein bisschen nach James Bond. Doch damit hatte die Arbeit dieser Truppe wenig gemein. Allein schon die Informationsbeschaffung war in der Regel viel profaner als beim Film-Geheimagenten: Der Grossteil der Ficheneinträge stammte aus öffentlichen Quellen wie beispielsweise Zeitungen. Die Erkenntnisse waren denn auch eher banal als brisant.

So entnahmen die Staatsschützer den Medien, dass der Schriftsteller Max Frisch, einer der am besten Observierten, am 23. Dezember 1968 heiraten wollte. Kurz zuvor hatten die Beamten etwas registriert, was auch nicht gerade ein Geheimnis war: «Uraufführung ‹Biografie› im Schauspielhaus».

Säuerlich reagierten die Überwacher, als Frisch 1975 die Einladung des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt zu einer Chinareise annahm und dafür der Zürcher Offiziersgesellschaft (KOG) absagte: «Er als negativer Infragesteller der Armee folgte der Einladung der KOG nicht, die er 1 Jahr zuvor erhalten hatte, er nahm die Möglichkeit zur Truppenbesichtigung nicht wahr und zog es vor, einen Augenschein in China in Begleitung eines deutschen Offiziers zu nehmen.» Ebenso penibel wurden andere ausgeschlagene Einladungen vermerkt: «Einladung an Kulturkongress in Havanna nicht gefolgt», heisst es 1968.

Die Überwacher zeigten sich nicht immer auf der Höhe ihrer Aufgabe. Als Frisch und andere 1976 das Demokratische Manifest gründeten, in dem sie über die Spitzelaktivitäten des selbst ernannten Kommunistenjägers Ernst Cincera berichteten, notierten die Staatsschützer, dieses richte sich gegen die «Rezession». Gemeint war Repression. 1988, basierend auf einem NZZ-Artikel, gibt die Fiche die Gefühlslage des Schriftstellers so wieder: «Frisch ist mit seinem Leben in der Schweiz nicht zufrieden. Er fühlt sich wütend und fremd im eigenen Land.» Einer der letzten Einträge: «Er wird als steinreicher Kapitalist mit einer roten Tarnkappe bezeichnet.»

Schwarze Kasse, Millionenbudget
Kulturschaffende waren beliebte Observationsobjekte. Der erste Eintrag zu Franz Hohler stammt von einer Solidaritätsveranstaltung 1975 für die Besetzer des AKW-Geländes Kaiseraugst. Der beobachtende Detektiv bezeichnete ihn als «Teilnehmer & Sänger des ‹Weltuntergangslieds›». Als ihm 1983 der Literaturpreis durch den Zürcher Regierungsrat verweigert wird, schreiben die Staatsschützer in die Fiche: «Die Medien behaupten, dass die Fernsehergüsse Hohlers unter dem Titel ‹Denkpause› daran schuld seien.»

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Ein Beispiel für die erschreckende Banalität der meisten Einträge findet sich 1984, als Hohler in der «Züri-Woche» seine Lieblingsbücher vorstellte. «Es handelt sich je um ein Buch für die Frau, das Göttikind, den Freund und den Feind.» Die Überwacher warfen oft alle in einen Topf. 1986 fand eine Anti-AKW-Demonstration in Gösgen mit 30'000 Teilnehmenden statt - Eintrag Fiche Hohler: «Es kam zu Sachbeschädigungen durch Chaoten. Teilnehmer/Sänger.»

Den Staatsschutz bei der Zürcher Stadtpolizei gab es während rund 100 Jahren. Am Schluss hatte er neben einer schwarzen Kasse ein Jahresbudget von acht Millionen Franken und beschäftigte etwa 70 Personen. Auch wenn sich deren Aufgabe meist aufs einfache Zusammenfassen von Zeitungsartikeln beschränkte, machten sie selbst das häufig falsch.

Der Kabarettist und Satiriker Viktor Giacobbo war in der Hochblüte der Überwachung noch nicht so bekannt, deshalb hat er auch nur drei Einträge. Einer könnte von ihm selber stammen. Ficheneintrag 1987, basierend auf einem Artikel der «Schweizer Illustrierten» über die 68er Generation: «Viele, die damals dabei waren, sind heute links. Andere nicht mehr. Sie besinnen sich auf Traditionen, die sie früher verschmäht haben. Er sieht sich als post-neokonservativer-linker Scheissliberaler. Er sagte ich bin heute weniger konservativ als früher.» Das Zitat sucht man so im Original allerdings vergebens.

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Verdächtig war so ziemlich alles
Ein anderer Eintrag: «Aus Akten ergibt sich, dass er von Lehrern und Vorgesetzten als unerfreulicher Schüler und Vertreter linksextremer Thesen bezeichnet worden ist.» Der Vermerk von 1978 zielt auf den erfolgreichen Film- und Theaterregisseur Samir, der sich anders entwickelte, als die Staatsschützer wohl vermuteten.

Wer heute die Einträge liest, zweifelt daran, ob die Verfasser verstanden, was sie schrieben. Ein Detektiv fasste Adolf Muschgs Analyse der 68er Bewegung anlässlich einer 1.-Mai-Rede 1971 so zusammen: «Sieht den Krawall als Antwort auf die klaustrophoben Züge der Leistungsgesellschaft.» Muschg wurde auch von der Bundespolizei observiert. Diese rapportierte 1973 seine Unterstützung der Kooperative Longo Mai: «Verkaufte u. verteilte an Stand am Rennweg Oliven u. Lavendel.» Dass er im «Komitee für demokratische Rechte in der Armee» war, wurde ebenso verzeichnet wie seine Unterschrift für politisch Verfolgte in Argentinien: «Er, bezw. ein Adolf Muschg, ist Unterzeichner», heisst es wie in etlichen anderen Fällen, wenn der Registrator nicht ganz sicher war. Muschg wird in die Ecke der Krawallmacher gerückt. Eintrag vom Januar 1986: «Ist in der Krawall-Zusammenfassung C erwähnt. Betroffener, Teilnehmer, Redner.»

Die Fichen vermitteln den Eindruck, dass den Zürcher Schnüfflern jede Veranstaltung verdächtig war, die ausserhalb des Knabenschiessens oder des Sechseläutens stattfand. Der Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber fiel 1968 auf, als er an einer Kundgebung gegen den «Welthunger» teilnahm. Dabei - so der Rapport - wurden in seinem Auto «Lautsprecher zur obigen Kundgebung gebracht, welche jedoch nicht zum Einsatz kamen». 1970 gründet er den Young-Preachers-Chor, mit dem nicht nur er sich verdächtig machte: «Als geistiges Rückgrat seines Chores wird seine Frau Sonja genannt.» Irritiert reagierten die Staatsschützer auf eine weitere subversive Aktion 1973: «Brachte am Abstimmungstag die Urnen der Kirchgemeinde Altstetten mit Ponygespann vom Abstimmungslokal zum Kirchgemeindehaus.»

Obwohl der heutige Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, meist in Genf lebte, umfasst seine Zürcher Fiche 15 Seiten. Einer der ersten Einträge stammt von 1969: «Schneidende Bemerkungen gegenüber hohem Offizier, an Fernsehsendung». 1982 vermerkt die Fiche: «Der Bankenfresser wütet wieder», und fügt dieser Zeitungsschlagzeile eine weitere bei: «Ich hoffe auf die Revolution in der Schweiz.» Geradezu Mitleid scheint 1983 durch, als Ziegler nicht mehr in den Nationalrat gewählt wurde: «Was bedeutet für den SP-Kandidaten diese Wahlniederlage für die politische Zukunft, für seinen Beruf und sein Privatleben?»

Bis 1989 umfasste die Hauptregistratur 35'500 Personen und 10'500 Organisationen. Um die staatsfeindlichen Aktivitäten der Fichierten festzuhalten und Zeitungsnotizen zu kopieren, gab allein der Zürcher Staatsschutz Dutzende von Millionen Franken aus. Wenn eine freie Stelle intern ausgeschrieben wurde, meldeten sich jeweils mehrere Kandidaten. Denn die Staatsschützer gehörten zu den bestbezahlten Polizeibeamten: Als die Truppe 1989 aufgelöst wurde, verdiente ein Detektiv im Durchschnitt 100'000 Franken.

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