Der Mann am Check-in gab sich betont unauffällig. Das machte die erfahrene Groundhostess irgendwie stutzig. Sie schaute sich das vorgelegte Flugticket genauer an, und siehe da: Es war eine plumpe Fälschung. Der Take-off fand ohne den Mann statt. Er hatte statt dessen ein Rendezvous mit der Polizei. Nicht immer werden flugreisende Gauner so leicht entlarvt. Auf rund 400 Millionen Franken schätzt der Internationale Luftverkehrsverband IATA die jährlichen Schäden, die den Airlines weltweit durch Betrügereien entstehen. In den meisten Fällen geht es um total oder teilweise gefälschte Tickets. Aber auch von Betrügen mit gestohlenen oder falschen Kreditkarten bleibt der Luftverkehr - wie andere Branchen auch - nicht verschont.

Auch die nationale Fluggesellschaft Swissair ist von dem Problem betroffen, wie Peter Gutknecht, Pressechef der SAir Group, einräumen muss. Zahlen will Gutknecht keine nennen, aber: «Wir nehmen die Sache sehr ernst.» Fälschungen sind vor allem in Ländern und Regionen möglich, in denen die Tickets noch manuell ausgestellt werden, vorab in Entwicklungsländern Afrikas, aber auch in fernöstlichen Zonen.

«Wer in solchen Ländern etwa durch Diebstahl in den Besitz von Blankotickets gelangt, hat ein leichtes Spiel», weiss auch Peter Koch vom Schweizerischen Reisebüroverband. Die Gefahr, dass harmlosen Reisenden solche Fälschungen untergejubelt werden, ist jedoch gering. «Meistens sind die Fälscher auch selber die Endverbraucher», erklärt Peter Gutknecht: «Von einem eigentlichen Schwarzhandel mit falschen Tickets kann nicht gesprochen werden.» In kritischen Ländern lohnt es sich aber, bei der Airline direkt oder bei einem seriösen Reisebüro zu buchen. Nur wer bei einem Hinterhofhändler ein Blankobillett mit handschriftlichen Einträgen kauft, läuft Gefahr, ein ungültiges Ticket angedreht zu bekommen.

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Wer am Check-in mit einem luschen Voucher ertappt wird, hat ein Problem: «Wer nicht absolut plausibel beweisen kann, dass er mit der Fälschung nichts zu tun hat, trägt den Schaden selber», sagt Swissair-Mann Peter Gutknecht. Nach übereinstimmenden Angaben der Branchenkenner sind vor allem die grossen internationalen Gesellschaften vom Phänomen betroffen. Praktisch unbedeutend sind Betrügereien im für Schweizer Ferienreisende so wichtigen Charterflugverkehr. Immerhin hat auch die kleine Schweizer Regional-Airline Crossair schon Einzelfälle erlebt. Pressechef Manfred Winkler: «Ich kann mich an einen Fall erinnern, bei dem ein Passagier sein Ticket als verloren gemeldet hat. Ihm wurde selbstverständlich ein Ersatzticket ausgestellt. Später wurde jedoch versucht, das ursprüngliche Ticket zu Geld zu machen.»

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Betrüger und Fälscher, so sind die Branchencracks überzeugt, werden es in Zukunft schwerer haben als bisher: Zwar ist nicht vorgesehen, die Tickets wie Banknoten mit Sicherheitsmerkmalen - Metallfäden, Hologrammen - auszustatten. Aber die weltweit zunehmende Automatisierung der Ticketausstellung werde das Problem entschärfen, ist Peter Gutknecht von der Swissair überzeugt. Was die Mauschler natürlich zu neuen Methoden animiert.

Der in der Reisebranche mittlerweile berüchtigte Ticket-Dealer Ronald Näger (Beobachter 12/97 und 18/97) hat vorgemacht, wie es geht: Er fälscht keine Tickets, sondern erschleicht sich echte Reisepapiere bei ahnungslosen Reisebüros. Unter immer neuen Firmennamen - der neuste lautet Reise Ticket Center - wirbt Näger für Billigstflüge. Hat er einen Kunden an der Angel, bezahlt Näger den bei irgendeinem Reisebüro gebuchten Flug per Post, lässt die Zahlung aber gleichentags wieder stornieren. Das ist bei der Post möglich. Mit einer Kopie des abgestempelten Einzahlungsscheins gelangt Näger aber trotzdem an die Tickets. Nicht immer wird dabei nur das Reisebüro abgezockt: Ein Arzt, der vor Weihnachten bei Näger für über 5000 Franken gebucht hatte, wartete am Abflugtag vergeblich auf die Tickets. «Diesen Fall konnten wir durch direkte Intervention lösen», verkündet Reiseombudsmann Nicolas Oetterli stolz. «Der geprellte Kunde erhielt wenigstens sein Geld zurück.» Gegen Näger laufen in verschiedenen Kantonen Strafanzeigen.

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