An Fluglärm haben sich die Einwohnerinnen und Einwohner der Zürcher Gemeinden Nürensdorf, Bassersdorf und Kloten längst gewöhnt. Jetzt müssen sie sich auch noch mit Dachziegelklammern abfinden. Am 27. Oktober tritt die zweite Phase des Staatsvertrags mit Deutschland in Kraft. Dann werden die von Osten anfliegenden Maschinen nachts und an Wochenenden in einer Höhe von nur 80 Metern über die Häuser hinwegbrausen. Weil sie dabei Wirbel auslösen und Ziegel von den Dächern reissen könnten, müssen die Liegenschaften speziell gesichert werden.

Das passt rund 30 Nürensdorfern nicht. «Wir wollen keine Dachziegelklammern», protestiert Anton Rey, 59, einer der betroffenen Hauseigentümer, die einen Wertverlust ihrer Liegenschaften befürchten. Rey zog vor 33 Jahren nach Nürensdorf. Damals ahnte er noch nicht, dass dereinst 226 Maschinen pro Woche im Tiefflug über sein Heim donnern würden.

Haftungsstreit vorbeugen
Im Mai und Juni teilte die Flughafenbetreiberin Unique den Hauseigentümern der betroffenen Gemeinden mit, dass ihr Eigenheim in der Anflugschneise der Piste 28 liege. Aus diesem Grund müssten die Dachziegel gesichert werden. Die finanziellen Aufwendungen für die Arbeiten würden von Unique übernommen. Mit der vorsorglichen Massnahme, für die rund 15 Millionen Franken aufgeworfen werden, will die Flughafenbetreiberin Haftungsstreitigkeiten vermeiden. Sollten herumfliegende Ziegel Menschen verletzen oder Sachschaden anrichten, will Unique dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden.

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Nach anfänglichem Widerstand haben inzwischen die meisten Betroffenen klein beigegeben. In Bassersdorf und Kloten wurden bereits 70 Dächer gesichert, und auch für die Mehrzahl der 130 Häuser in Nürensdorf liegt das Okay vor. Nur die Gruppe um Anton Rey will sich nicht beugen – trotz Mahnungen von Unique.

Im September machte die Flughafenbetreiberin nochmals Druck. Wer sich weigere, müsse mit einem Enteignungsverfahren rechnen und bekomme die Klammerung auf gerichtlichem Weg verordnet, heisst es in einem Brief des Unique-Rechtsdienstes schroff. Dem Schreiben fehlt eine Rechtsmittelbelehrung, also eine Information über Beschwerdemöglichkeiten.

Auf Anfrage des Beobachters verweisen die Unique-Verantwortlichen auf übergeordnetes Recht – auf das Luftfahrtgesetz und das Enteignungsgesetz des Bundes. Den scharfen Umgangston entschuldigt Unique-Pressesprecherin Sonja Zöchling mit dem wachsenden Zeitdruck: «Bern hat den Staatsvertrag ausgehandelt. Wir müssen ihn nun termingerecht umsetzen.»

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Sollten die Nürensdorfer weiterhin Widerstand leisten, bleibt Unique nur noch der Gang vor Gericht. Ob die Hauseigentümer allerdings zur Dachziegelklammerung gezwungen werden können, ist selbst für Juristen eine offene Frage – einen vergleichbaren Fall hat es in der Schweiz bislang nicht gegeben.

Teilsieg der Nürensdorfer
Dachziegelklammern sind im Grossraum Zürich seit Monaten ein Politikum. Ernst Hüppi vom Hauseigentümerverband der Flughafengemeinden Bassersdorf, Nürensdorf, Kloten und Glattbrugg will sich dazu lieber nicht äussern. Die Nerven liegen blank, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Klartext spricht hingegen Benoît Fluck, Immobilienhändler aus Zollikerberg ZH. «Kurzfristig verlieren diese Liegenschaften an Wert», sagt er. «Doch langfristig fällt die Nähe zu Zürich und dem Flughafen wohl mehr ins Gewicht.»

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Einen Rückzieher gemacht hat inzwischen die Arbeitsgruppe Fluglärm Nürensdorf. «Das Anflugverfahren kann mit der Verweigerung weder behindert noch verhindert werden», teilte sie in einer Presseerklärung mit. Entscheidend war, dass die Arbeitsgruppe sich in einem Punkt durchsetzen konnte: Unique wird die heiklen Nacht- und Wochenendflüge nicht nur von Osten, sondern auch von Süden her abwickeln. Bereits werden deshalb in Opfikon, Wallisellen und Glattbrugg Hausdächer mit Ziegelklammern bestückt.