«Fluglärm stört uns in der Schule. Wir können uns nicht mehr richtig konzentrieren und kriegen starke Kopfschmerzen», schreibt die 11-jährige Kimberly in einem Brief an die Quartierzeitung. Sie wohnt mit ihrer Mutter und deren Partner in einem Vier-Zimmer-Einfamilienhaus im Zürcher Stadtquartier Schwamendingen. «Hier ists total schön», sagt sie und zeigt auf den Garten mit der üppig bewachsenen Pergola.

Kimberly ist fluglärmerprobt. Vor drei Jahren donnerten Flugzeuge drei Monate lang in knapp 200 Meter Höhe über das Haus. Um die Lage für die Schulkinder zu entschärfen, bezahlte der Flughafen Zürich damals Kimberlys Klasse ein einwöchiges Schullager in Kandersteg.

Mit so viel Entgegenkommen können die Einwohner künftig nicht mehr rechnen. Denn was im Sommer 2000 ein Provisorium während eines Pistenumbaus war, droht ab Herbst zu einem Dauerzustand zu werden: Ende Mai erklärte sich die Kantonsregierung mit Südanflügen auf den Flughafen einverstanden.

«Falls es dazu kommt, möchte ich am liebsten wegziehen», sagt Isabelle Knecht, Kimberlys Mutter. Das geht aber kaum: Die Pflegefachfrau arbeitet Schicht und ist darauf angewiesen, die Kinderbetreuung mit ihren zwei Schwestern zu teilen, die in der Nachbarschaft wohnen. Zudem würde sie das Haus, das sie vor fünf Jahren mit ihrem Partner erwarb, nur mit Verlust verkaufen können. Knecht, die im Vorstand des Vereins «Zürich-Nord gegen Fluglärm» ist, wünscht sich einen «Stadtflughafen»: «Mehr braucht es doch nicht.»

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Die 38-jährige Schwamendingerin fühlt sich «verschaukelt von der Hinhaltetaktik der Politiker». Die Fluglärmpolitik der Zürcher Kantonsregierung gleicht tatsächlich einem Blindflug. Nach einer hitzigen Debatte über die «gerechte Verteilung» des Fluglärms verkündete sie im November 2002 überraschend den Verzicht auf die Südanflüge. Der zuständige Regierungsrat Ruedi Jeker (FDP) schaffte die Wiederwahl nur dank den Stimmen der erleichterten Wählerschaft – und brüskierte diese keine zwei Monate später mit einer erneuten Kehrtwende. Die Flughafenanwohner fühlen sich über den Tisch gezogen, und das Hin und Her hat auch das Klima zwischen den Anrainergemeinden vergiftet.

Alle Warnsignale ignoriert
Im Kampf gegen den Staatsvertrag ignorierte die Mehrheit der Zürcher Politiker die Warnsignale aus dem Norden. Eine einseitige deutsche Verordnung würde auch nicht schlimmer ausfallen als der Staatsvertrag, behauptete etwa der SVP-Präsident und Zürcher Ueli Maurer im Nationalrat: «Das würde international als Willkür ausgelegt, und das kann sich auch Deutschland gegenüber der Schweiz nicht leisten.»

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Die deutsche Regierung konnte das – mühelos. Bundesrat, Swiss und der Flughafen Zürich bekämpfen nun die Verordnung auf dem Rechtsweg in Deutschland und vor der EU-Kommission. Der Ausgang ist ungewiss, und Deutschland setzt Flughafen und Behörden unter Zeitdruck. Am 10. Juli, just zu Beginn der Feriensaison, wird das Anflugregime verschärft: Dann werden kaum noch Ausnahmen für Nordanflüge am frühen Morgen bewilligt.

Damit steigt der Druck für Anflüge vom Süden her über den Pfannenstiel, die Zürcher Goldküste und Zürich-Nord. Anfang Juni forderte die Verkehrskommission des Ständerats den Bundesrat auf, «alles zu unternehmen, um den Südanflug auf den Flughafen Zürich möglichst rasch und integral zu ermöglichen» – ohne Gegenstimme.

Mit ihrer Opposition gegen den Staatsvertrag haben die bürgerlichen Zürcher Parteien ihrer Wählerschaft an der Goldküste einen Bärendienst erwiesen. Und die nicht minder heftige Polemik des Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber (SP) gegen die «Kapitulationsurkunde» erwies sich für Zürichs Nordquartiere als kontraproduktiv. «Auch der Staatsvertrag hätte Südanflüge erzwungen, wenn auch, das sei zugegeben, seltener als die Verordnung», rechtfertigt sich Ledergerber heute.

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Anders sah dies sein Stadtrats- und Parteikollege Robert Neukomm im Februar in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger»: «Selbst wenn der Staatsvertrag käme, kann man den Flughafen wie bisher betreiben und muss nicht dicht besiedelte Gebiete im Süden zusätzlich belasten.»

Als Ausweg fordert Ledergerber nun den «gekröpften Nordanflug» – den Anflug über Schweizer Gebiet entlang der Nordgrenze mit einer Rechtskurve. «Das brächte Süddeutschland mehr Lärm als der bisherige Nordanflug und würde es vielleicht zu einer einsichtigeren Haltung bewegen.» Das ist zwar schlau gedacht, hat jedoch einen Haken: Verärgert wäre vor allem der Kanton Aargau. Dieser fordert Südanflüge, wie auch die Zürcher Gemeinden im Osten und Norden des Flughafens.

Reiche mit Lärm verschonen?
Weil keiner den Lärm will, kämpfen alle gegen alle: Bürgerinitiativen machen Druck gegen Politiker, Gemeinden stehen im Clinch mit Gemeinden. Öl ins Feuer giessen dabei vor allem jene Bewohner der Goldküste, die unverblümt Ruhe für die Reichen fordern. «Keine Region der Welt mutet ihren besten Steuerzahlern den grössten Fluglärm zu», beklagt sich zum Beispiel der in Zollikon ansässige PR-Berater Klaus J. Stöhlker.

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Bei so viel rhetorischem Lärm gehen auch berechtigte Argumente gegen die Südanflüge unter. «Ein Absturz über dem dicht besiedelten Stadtquartier Schwamendingen wäre die Hölle», sagt etwa Jon-Andri Guidon. «Noch mehr Flugbewegungen erhöhen doch das Risiko.» Der Handwerker wohnt seit neun Jahren mit seiner Familie in Schwamendingen und engagiert sich im Verein «Zürich-Nord gegen Fluglärm». Er hat seine Wohnung im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses teils selbst ausgebaut und für die Kinder Noah, 4, und Lea, 9, ein grosses Kaninchengehege im Garten angelegt. «Wir haben uns hier fest niedergelassen», sagt Guidon. Die Südanflüge seien eine «echte Bedrohung» für die Lebensqualität im Quartier.

Matthias Zubler hält den Beschluss der Zürcher Regierung für «schlicht illegal». Das Konzept mit den Südanflügen «widerspricht der geltenden Raumplanung komplett». Zubler wohnt auf dem Pfannenstiel und ist Sympathisant des Vereins «Flugschneise Süd – nein».

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Hinter den Kulissen wird nun hektisch versucht, Deutschland mild zu stimmen. Der Nationalrat hat aber abgelehnt, nochmals auf den Staatsvertrag zurückzukommen. Auch die Hardliner der Zürcher Politik beharren auf ihrer Position. SVP-Präsident Ueli Maurer erklärte kürzlich, die Schweiz müsse gegen Deutschland «einen Krieg riskieren» – nachträglich will er das nicht wörtlich verstanden wissen. Konkret schwebt Maurer Vergeltung im Verkehrsbereich vor. Mit parlamentarischen Vorstössen fordert die SVP Einschränkungen für deutsche Lastwagen, Grenzgänger und Touristen auf der Durchreise.

Gefallen an Vergeltungsmassnahmen findet auch Elmar Ledergerber. Er drückt sich allerdings netter aus: «Man müsste der EU höflich mitteilen, dass man Ruheregelungen für europäische Lastwagen erwägt, die den Ruheregelungen für Flugzeuge über Süddeutschland entsprechen.» Nach der Niederlage gegen Deutschland wollen die Zürcher Politiker nun also auch gegen die EU ins Feld ziehen – nach dem Zürcher Eigengoal droht ein nationales Eigentor.

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