Sind 300'000 Franken zur «Erforschung indogermanischer Frauennamen» gut investiertes Geld? Müssen in der Schweiz wirklich die «Grundlagen einer historischen Grammatik des Tibetischen» erarbeitet werden? Oder wäre eine umfassende Studie über den Einfluss des Geschlechts auf Familie, Beruf und Alltag nicht ein wichtigeres Anliegen?

Der Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) förderte die ersten beiden Vorhaben. Das von der Uni Basel im Verbund mit andern Universitäten im Jahr 2000 eingereichte Projekt zur Geschlechterforschung hingegen, das 25 Disziplinen aus Natur- und Geisteswissenschaften vereinte, liegt weiter brach – trotz wärmsten Empfehlungen aller Gutachter.

«Wer schon hat, dem wird gegeben»
Das Projekt sei zu uneinheitlich, beschied der SNF-Forschungsrat den Basler Wissenschaftlern. Ausgerechnet die Interdisziplinarität, die seit Jahren von Forschungspolitikern und Universitäten gefordert werde, habe das Projekt scheitern lassen, kritisiert die Geschichtsprofessorin Regina Wecker. Ärgerlich sei die Absage auch, weil für die Vorbereitung solcher Projekte monatelang hart und «sogar gratis» gearbeitet werden müsse

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Die Beteiligten des Geschlechterforschungsprojekts sind nicht die Einzigen, die die Entscheidungsprozesse des SNF in Frage stellen. So bemängelt zum Beispiel der Berner Historiker und Fachhochschuldozent Albert Tanner, dass das Auswahlverfahren nicht transparent genug sei: «Man erhält bei ablehnendem Entscheid nur einzelne Sätze und kann die Argumentation oft nicht nachvollziehen.» Eine Forscherin, die nicht genannt sein will, spricht sogar von einem «geschlossenen Klub».

Kritisch zum Auswahlprozedere des SNF äussert sich auch François Höpflinger, Professor am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Oft richte sich die Förderpraxis nach dem Motto «Wer schon hat, dem wird gegeben», moniert der renommierte Alterforscher – und spielt damit auf den von etlichen Wissenschaftlern hinter vorgehaltener Hand geäusserten Verdacht an, dass der Name des Gesuchstellers, dessen Publikationsliste und Reputation ausschlaggebend für die Vergabe von Forschungsgeldern seien.

Ein Vorwurf, den SNF-Abteilungsleiter Ruedi Bolzern so nicht stehen lassen will. Nie seien Projekte bewilligt worden, «nur weil ein Professor Renommee habe». Es seien auch schon «schludrig formulierte Projekte von bekannten Professoren» abgelehnt worden, was zu empörten Reaktionen der Betroffenen geführt habe. Bolzern wehrt sich zudem gegen den oft geäusserten Verdacht, dass auch Sympathie eine grosse Rolle bei den Entscheiden spiele. Die Gutachter müssten alle Umstände offen legen, die ihr Urteil beeinflussen könnten, so Bolzern. Zudem würden «Gesuche von befreundeten Forschern» oft besonders kritisch beurteilt.

Markus Zürcher von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften führt die wachsende Unzufriedenheit in Forscherkreisen darauf zurück, dass «immer mehr Gesuche abgelehnt werden müssen». Der Ansturm auf die Forschungsgelder des SNF ist riesig: Nahm die Zahl der Gesuche seit 1990 um 43 Prozent zu, so stieg das SNF-Budget lediglich um rund 30 Prozent. Mittlerweile können nur mehr 40 Prozent aller Eingaben (2002: 1762) unterstützt werden – Verteilkämpfe sind da unvermeidlich.

Aussenseiterprojekte eher chancenlos
Doch welche Projekte haben Erfolg? Gut liege, wer eine «Nase für Trends» habe, meint Walter Leimgruber, Ordinarius für Volkskunde und Europäische Ethnologie an der Universität Basel. «Es gibt gewisse Themen, die gegenwärtig in Mode sind, wie Sozialpolitik oder der Arbeitsmarkt.»

Eher wenig Chancen haben hingegen unorthodoxe Projekte von Aussenseitern, die nicht auf den Rückhalt eines universitären Netzwerks setzen können. Die Folge: «Soweit ich es sehe, gibt es einen gewissen Hang zur Mainstream-Forschung», sagt der Berner Pädagogikprofessor Fritz Osterwalder. Doch gerade das widerspricht den Zielsetzungen des SNF.

Mit 139'000 Franken unterstützt wurden der Ökonom Gian Trepp und der Historiker Wolfgang Hafner. Im Rahmen des vom Basler Strafrechtler Mark Pieth geleiteten Nationalen Forschungsprogramms «Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität» untersuchten die beiden Wissenschaftler die Mechanismen der Geldwäscherei im Derivathandel – ein bisher unerforschtes Gebiet.

Zwar bezeichnete der SNF das inzwischen abgeschlossene Projekt als «wertvollen Beitrag» zur Forschung – doch er verzichtete auf die Publikation der Ergebnisse und auf die Mitfinanzierung eines weiterführenden EU-Projekts. «Das Ganze endete in einem Hornberger Schiessen», schimpft Trepp. «Wolfgang Hafner und ich wurden am Ende hängen gelassen.»

Tessiner Bankiers intervenierten
Trepp vermutet, dass das Projekt von Bankenkreisen hintertrieben worden sei. Dass die Studie nicht überall erwünscht war, bestätigt ein Brief der Tessiner Bankiervereinigung an Heidi Diggelmann, Präsidentin des SNF-Forschungsrats. Sie solle dafür sorgen, dass die Studie gestoppt werde, forderten die Tessiner Banker. Ihre Begründung: Das Projekt schade dem Ruf des Bankenplatzes Schweiz.

Man habe auf diese Intervention einen «harschen Brief» geschrieben, sagt Beat Butz, Abteilungsleiter beim SNF. Gian Trepp hingegen glaubt, dass Projektleiter Pieth, der sich als Korruptionsbekämpfer international einen Namen gemacht hat, dem Druck der Banken nachgegeben habe. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Pieth für die UBS die «Wolfsberger Erklärung» aus, die Richtlinien zur Bekämpfung der Geldwäscherei festlegte und für etliche Grossbanken zum Standard wurde. Damit, so Trepp, sei das Thema Geldwäscherei plötzlich vom Tisch gewesen.

Mark Pieth dementiert gegenüber dem Beobachter, dass er die Seiten gewechselt habe: «Ich schliesse aus, dass mein Engagement bei der ‹Wolfsberger Erklärung›, die ich zuerst gegen den Widerstand der UBS initiiert hatte, zu einem Desinteresse bei der Geldwäscherei geführt hat.» Er hätte sogar noch gern zusätzliche Studien über Geldwäscherei durchführen lassen, sagt Pieth, doch das sei von der zuständigen SNF-Kommission abgelehnt worden.

Somit bleibt diese schubladisierte Studie bis auf weiteres die einzige zum Thema Geldwäscherei – obwohl es auf diesem Gebiet noch grossen Forschungsbedarf gäbe.