Sie sieht nicht anders aus als irgendeine weisse Maus, und doch wird sie gehütet wie ein Schatz – die TG-20-Maus. Ihr verdankt die medizinische Forschung bahnbrechende Erkenntnisse. Im Biologischen Zentrallabor der Universität Zürich ist sie eine von gut 6000 transgenen, das heisst gentechnisch veränderten Mäusen und ein Abkömmling einer der zahlreichen Zuchtlinien, die hier hergestellt wurden.

Es klingt unheimlich, von «Herstellung» zu sprechen. Doch jede so genannte Ur-Maus einer transgenen Zuchtlinie nimmt ihren Anfang unter dem Mikroskop: Man fügt durch Mikroinjektion ein zusätzliches Gen zum Erbgut – oder man schaltet ein vorhandenes aus. Bei der Mikroinjektion wird durch eine Kanüle eine Ladung Gene in den Vorkern der befruchteten Eizelle injiziert – wo das Gen landet, ist Zufall. Dem Forscher bleibt lediglich die Hoffnung, dass es an einer neutralen Stelle andockt und dort den gewünschten Effekt entfaltet.

Sehr viele Abfalltiere
«Die Herstellung transgener Tiere ist eine Bastelei», sagt Norma Schenkel, Gentechnologiespezialistin beim Schweizerischen Tierschutz STS. «Es kommt immer wieder zu verblüffenden Resultaten, weil man nicht weiss, was das Gen im Erbgut bewirkt. Zudem gibt es bei der Produktion sehr viele Abfalltiere.»

Anzeige

100 injizierte Eizellen ergeben etwa zwei oder drei transgene Mäuse. Diese 100 Eizellen müssen zunächst entnommen werden, was im Schnitt zehn Spenderweibchen das Leben kostet. Von den 100 Eizellen werden etwa 30 bei der Mikroinjektion zerstört, die restlichen 70 werden in eine Ammenmutter verpflanzt, die sie austrägt.

Geboren werden rund 20 Junge. Von diesen sind 10 bis 30 Prozent transgen. Ob ein Tier transgen ist, wird nach einigen Wochen durch eine Gewebeentnahme eruiert. Jene, die das Transgen nicht tragen, werden in den meisten Fällen euthanasiert, das heisst medikamentös getötet. Zur Gründung einer Zuchtlinie werden wiederum nur jene Tiere verwendet, bei denen das Gen wunschgemäss im Erbgut integriert wurde.

Das schmerzfreie Töten von Tieren gilt laut Tierschutzgesetz als Tierversuch mit dem Schweregrad 0. Ein solcher muss gemeldet werden, ist aber nicht bewilligungspflichtig. Somit gelangen die euthanasierten Tiere nicht in die Statistik. Denn unter den 53'000 transgenen Versuchstieren, die das Bundesamt für Veterinärwesen für das Jahr 1998 zählt, figurieren nur solche aus bewilligungspflichtigen Tierversuchen. Nicht erfasst sind Zuchttiere und jene, die bei der Produktion getötet werden.

Anzeige

«Die Statistik des Bundesamts für Veterinärwesen widerspiegelt nicht die wahren Verhältnisse», kritisiert Norma Schenkel vom Schweizer Tierschutz. «In Tat und Wahrheit gibt es sehr viel mehr transgene Tiere. Von den unzähligen bei der Produktion getöteten klassischen Mäusen ganz zu schweigen.» Und Kurt Bürki, Leiter des Instituts für Labortierkunde in Zürich, sagt: «Rechnet man die Tiere, die man zur Zucht braucht, hinzu, muss man die offizielle Zahl von 53'000 transgenen Mäusen verdoppeln.»

Gesundheitliche Schädigung?
Eine hohe Dunkelziffer und ein hoher Verschleiss an Tieren, kritisiert der Tierschutz – und nicht nur das: Die genmanipulierten Mäuse würden auch an schwersten gesundheitlichen Schäden leiden. Zwar weisen 90 Prozent der Zuchtlinien keine sichtbaren Veränderungen auf, die auf eine Belastung der Tiere schliessen liessen. «Aber wenn das Erbgut eines Tiers so massiv verändert wird, muss man davon ausgehen, dass der Gesamtzustand des Tieres beeinträchtigt ist», so Norma Schenkel.

Anzeige

«Eine Veränderung des Erbguts bedeutet nicht, dass man automatisch leidet», meint dagegen Kurt Bürki vom Institut für Labortierkunde. «Sonst würden auch wir Menschen leiden, denn unser Erbgut verändert sich ebenfalls durch äussere Einflüsse.» Verhält und entwickelt sich eine transgene Maus normal, so gehe man davon aus, dass ihr Wohlbefinden nicht beeinträchtigt sei. Allerdings – und dieser Meinung ist auch Kurt Bürki – ist das mögliche Leiden gentechnisch veränderter Tiere bis jetzt noch zu wenig erforscht.

Die Zahl der transgenen Versuchstiere – hierzulande zu 99 Prozent Mäuse – ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Allein in der Schweiz, die als führend in der Forschung mit transgenen Krankheitsmodellen gilt, sind über 1600 transgene Zuchtlinien gemeldet, weltweit dürften es über 100'000 sein. Dafür nimmt die Gesamtzahl der Versuchstiere in der Schweiz ab: 1983 zählte man noch zwei Millionen Versuchstiere – 1998 warens noch 450'000. Dies nicht zuletzt, weil es immer bessere Alternativen zum Tierversuch gibt.

Anzeige

Wohin führt diese Entwicklung? Kritiker wie etwa Daniel Ammann von der Schweizerischen Arbeitsgruppe Gentechnologie warnen vor der Gigantomanie: In Amerika drohe bereits die Uberbelegung von Tierhaltungen mit transgenen Tieren. Der Berner Veterinärmediziner Daniel Schümperli: «Die Gefahr ist gross, dass transgene Tiere verwendet werden, weil dies im Trend liegt und entsprechende Resultate gut publiziert werden können.»

Die Forscher ihrerseits verweisen darauf, dass dank transgener Versuchstiere die Versuche gezielter durchgeführt werden könnten und es so zu einer Einsparung von Versuchstieren käme. «Das Entsetzen über den Boom transgener Versuchstiere ist ungerechtfertigt», findet Kurt Bürki. «Transgene Tiere tragen so viel zur Erforschung von Körperfunktionen und Krankheiten bei. Forschung mit konventionellen Tieren ist nicht mehr konkurrenzfähig.»

Anzeige

Geschäft mit der Gentechnik
Wo die Nachfrage gross, ist die Kommerzialisierung nicht fern. Die Kassen klingeln, jedenfalls in den USA. Dort haben sich Unternehmen, die früher mit konventionellen Labortieren handelten, auf die Herstellung und Zucht transgener Tiere spezialisiert. Auf den Homepages wird mit herzigen, knopfäugigen Mäuslein für die Dienstleistungen geworben – von der massgeschneiderten Herstellung und Zucht über das Tiefgefrieren von Embryos bis hin zum Transport rund um den Globus.

«Bei diesem Bedarf sind die Marktchancen in der Schweiz gut. In einigen Jahren werden wir mit Sicherheit Konkurrenz haben», sagt Ernst Rüdin, Marketingverantwortlicher der Firma RCC. Diese ist im Moment die einzige in der Schweiz, die die Herstellung von transgenen Tieren anbietet – aus betrieblichen Gründen in sehr beschränktem Rahmen.

Anzeige

Mit der Herstellung, die allerdings sehr technologie- und fachwissenintensiv ist, lässt sich in Zukunft durchaus das grosse Geld machen. Die Mäuse selbst sind hingegen kommerziell nicht interessant – im Gegenteil, sie verursachen hohe Kosten. «Spezifiziert pathogenfreie» (von Krankheitserregern freie) transgene Mäuse müssen in einer sterilen Umgebung gehalten werden, was sehr aufwändig und teuer ist. Ublich ist daher das Tiefgefrieren von Mausembryos, befruchteten Eizellen. Gezüchtet werden sie erst bei Bedarf. «Wir wollen schliesslich», so Alfred Schweizer, Tierschutzbeauftragter der Novartis, «keine Mäuse auf Halde produzieren.»

Prominente Alzheimer-Maus
Bei der Novartis gibt es nämlich jetzt schon insgesamt 16'000 transgene Mäuse, die zur Zucht und für Tierversuche verwendet werden. 12'000 davon sind zu Forschungszwecken an Alzheimer erkrankt. Die Alzheimer-Krankheit ist einer der Forschungsschwerpunkte der Industrie – mit Hochdruck und einem Milliardenbudget wird an einer Therapie gegen diese Krankheit gearbeitet, die 30 Prozent aller über 80-Jährigen befällt. Die Alzheimer-Maus ist eines der prominentesten Krankheitsmodelle – und wie alle sehr umstritten.

Anzeige

Der Glaubenskrieg entzündet sich an der Frage, ob sich die Forschungsresultate von der Maus auf den Menschen übertragen lassen. Die Ubertragbarkeit sei ein Mythos, sagen die Kritiker: Die Organismen von Mensch und Maus seien zu verschieden. Dasselbe Gen könne beim Menschen einen ganz anderen Effekt haben als bei der Maus. Zudem sei die Versuchsanordnung im Labor künstlich und berücksichtige die äusserlichen Faktoren nicht, die für eine Krankheit ebenso verantwortlich sind wie die genetischen.

Diese Kritik lässt die Forschung nicht gelten: Krankheitsmodelle seien unverzichtbar geworden in der Krebs-, Alzheimer- und Creutzfeldt-Jakob-Forschung. In der Immunologie seien 95 Prozent aller Erkenntnisse zunächst durch die Maus gewonnen worden, ehe man sie beim Menschen bestätigte. Aber auch in der Erforschung von Krankheiten, etwa solchen des zentralen Nervensystems, sind die transgenen Mäuse nicht mehr wegzudenken.

Anzeige

Das kritisierte Mausmodell
«Die Maus hat viele physiologische Ähnlichkeiten mit dem Menschen», sagt der Forschungsmediziner Sebastian Brandner. «Das Mausmodell dient dazu, einzelne krankhafte Stoffwechselprozesse zu untersuchen. Diese Erkenntnisse lassen sich wie Puzzlesteine zusammensetzen.» Und Alfred Schweizer von Novartis ergänzt: «Aus den gewonnenen Informationen können gezielt Therapien entwickelt werden.»

Tierschützerin Norma Schenkel hat da ihre Zweifel: «Bis jetzt ist noch kein einziges Medikament aufgrund transgener Krankheitsmodelle auf den Markt gekommen. Und es ist fraglich, ob dies jemals der Fall sein wird.»

Für den Tierschutz ist klar, dass transgene Tiere nicht mehr eingesetzt werden dürften, wie das vor zwei Jahren bereits die Genschutz-Initiative verlangte: «Transgene Tiere sind in ihrer Integrität so zentral verletzt, dass das nicht mit dem Würdebegriff in unserer Verfassung zu vereinbaren ist.» Der Würdebegriff wird noch zu reden geben – und viele andere Aspekte auch.

Anzeige