Claudia Hauser, Koleiterin des Frauenhauses Zürcher Oberland in Uster, beschönigt nichts: «Wir stehen finanziell auf der Kippe. Der Betrieb ist nur noch bis nächsten März sichergestellt.» Danach könnten Frauen, die Beratung oder Schutz vor häuslicher Gewalt suchen, vor verschlossenen Türen stehen. Das war schon einmal der Fall, als die Verantwortlichen vorübergehend ihre ganze Energie darauf verwenden mussten, Geld für das unmittelbare Überleben der Institution zu sammeln. Dabei verlangt der Kernauftrag schon genug ab: «Wir sind voll ausgelastet», sagt Hauser.

Der Andrang ist gross. Vergangenes Jahr fanden 1160 Frauen mit 1225 Kindern in den Schweizer Frauenhäusern Zuflucht, um sich vor Tätlichkeiten ihrer Partner respektive Väter zu schützen – ein Total von 68'000 Übernachtungen. 2002 dürften es noch mehr sein, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten entlädt sich das Gewaltpotenzial eher, was die Frauenhäuser ganz direkt spüren.

Umso fataler, dass die Konjunkturbaisse noch mit einer anderen Erscheinung verknüpft ist: Die öffentliche Hand dreht jeden Subventionsfranken zweimal um. In den gegenwärtigen Debatten um die Voranschläge 2003 steht etwa in den Kantonen Bern und Graubünden der Posten «Frauenhaus» auf dem Kürzungsplan. In Solothurn wurde im Herbst bereits zum zweiten Mal in wenigen Jahren ein Frauenhaus wegen Geldproblemen geschlossen; ab 2003 müssen die Solothurner Frauen in den Aargau, um in Notsituationen Unterschlupf zu finden. Und der reiche Kanton Zug brachte es sogar fertig, trotz Überschüssen in zweistelliger Millionenhöhe einen Sockelbeitrag von 40'000 Franken ans Frauenhaus Luzern, Anlaufstelle auch für die Zugerinnen, zu verweigern.

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Die 16 Einrichtungen, die der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) angeschlossen sind, verfügen über ganz unterschiedliche Trägerschafts- und Organisationsmodelle. Überall gleich ist, dass die ständig wachsende Nachfrage nach einer Professionalisierung des Betriebs verlangt – und das kostet. Wenn dann die Unterstützung von aussen knapper wird, tut sich die Schere bedrohlich auf. «Es herrscht ein permanenter Kampf ums Geld», sagt Claudia Hauser, die auch Mitglied der PR-Kommission der DAO ist.

Im Fall des Zürcher Oberländer Frauenhauses bilden die Taggelder für die Übernachtungen die einzige verlässliche Einnahmequelle – rund 100'000 Franken bei einem provisorischen Jahresbudget von 335'000 Franken. Der Weiterbestand über den März hinaus hängt massgeblich davon ab, ob Kanton und Gemeinden langfristige Beiträge zusichern. Claudia Hauser weiss allerdings, dass auch in Zürich eifrig Sparpakete geschnürt werden. Sie ist deshalb skeptisch: «Frauenprojekte haben in einem solchen Klima keine starke Lobby.»

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Ewiges Ringen um Anerkennung
Dass die in den achtziger Jahren aus der feministischen Bewegung heraus entstandenen Frauenhäuser trotz ihrer augenfälligen Notwendigkeit nach wie vor um Anerkennung ringen, wirkt sich auch auf den Spendenfluss von privater Seite aus. «Organisationen mit einer schwer vermittelbaren Botschaft haben es zusehends schwerer», sagt Gerhard Grossglauser, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft der Fundraising-Fachleute.

Zwar liegt das Spendenvolumen in der Schweiz stabil bei 800 bis 900 Millionen Franken pro Jahr, doch muss das Geld auf immer mehr Akteure verteilt werden. Gut wegkommen bekannte Hilfswerke mit klarer Zweckbestimmung – etwa für Unwetteropfer. Einbussen erleiden hingegen Institutionen, die sich für versteckte Nöte engagieren. Sie sind laut Spendenspezialist Grossglauser «die Ersten, die in Krisenzeiten vergessen gehen».

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Das zeigt sich am Luzerner Frauenhaus: Anfang Dezember war von 150'000 budgetierten Spendenfranken erst ein Drittel in der Kasse, und selbst bei einem guten «Weihnachtsgeschäft» wird die Lücke beträchtlich bleiben. Antoinette Blättler, Leiterin der Geschäftsstelle: «Das tut weh.»