Es ist unscheinbar normal, ein Wohnhaus unter vielen. Und doch ist es ein Wohnhaus wie kein zweites in Uster im Zürcher Oberland: ohne Strassennummer, ohne Namensschilder, ohne konkrete Adresse. Als einzige Koordinate existiert ein Postfach mit der Nummer 156. Dass die Türe nach jedem Betreten und Verlassen des Gebäudes mit einem Sicherheitsschloss verriegelt wird, hat seinen Grund: Hier suchen Frauen und Mütter mit ihren Kindern Zuflucht, die oft jahrelang in den eigenen vier Wänden der Gewalt des Lebenspartners oder Ehemannes ausgeliefert waren. Mit Hilfe von Fachfrauen planen sie in diesem geschützten Rahmen ein eigenständiges Leben.

«Der Schutz der Kinder vor der väterlichen Gewalt ist für die meisten Frauen ausschlaggebend», erklärt Claudia Hauser, die Leiterin der Beratungsstelle und des Frauenhauses Zürcher Oberland. Als Koordinatorin der Dachorganisation der 17 Frauenhäuser der Schweiz und Liechtensteins erlebt sie solche Leidensgeschichten hautnah mit.

«Kurz nach der Geburt begann das Trauma»
«Als ich im dritten Monat schwanger war, heirateten mein Mann und ich. Er drängte mich trotzdem zur Abtreibung. Für mich kam das nicht in Frage. Kurz nach der Geburt begann das Trauma. Kaum weinte unsere Tochter, flippte er aus, beschimpfte mich, schlug mich ins Gesicht, hämmerte mir auf den Kopf, trat mir in den Bauch. Ich brauchte ärztliche Hilfe, schämte mich aber, über meine Situation zu sprechen, zumal mir mein Mann drohte, mich umzubringen, wenn ich nicht schwiege.

Jetzt ist die Tochter zweijährig und ich stehe mit 36 Jahren vor der Geburt des zweiten Kindes. Wieder wollte mein Mann, dass ich abtreibe, und prügelte weiter auf mich ein. Diesmal schöpfte mein Arzt Verdacht und machte mich aufs Frauenhaus aufmerksam. Erst als mich mein Mann vor den Augen meiner Tochter in den Bauch mit dem Ungeborenen trat, suchte ich dort Schutz.

Anfangs hatte ich Mühe zu akzeptieren, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Doch ich schätzte die Ruhe und Sicherheit. Endlich konnte ich wieder durchschlafen und mich um meine Tochter kümmern. Die Betreuerinnen ermutigten mich, die Trennung einzureichen. Leider fand ich bis zum Geburtstermin keine eigene Wohnung. Glücklicherweise war ein Platz in einer Mutter-Kind-Wohngruppe frei. Dort kann ich die erste Zeit nach der Geburt bleiben. Oft habe ich Angst vor der Zukunft. Aber ich bereue es nie, dass ich meinen Mann verlassen habe. Ich hoffe für die Kinder, dass er ihnen ein guter Vater wird. Irgendwann vielleicht.»

Noch immer ist häusliche Gewalt ein Tabuthema. Die Zahlen sprechen aber eine deutliche Sprache: 1’435 Frauen mit insgesamt 1’461 Kindern suchten 2005 in der Schweiz Schutz in einem Frauenhaus. Wegen Platzmangels mussten 474 Frauen abgewiesen werden. Ein Jahr zuvor waren noch 820 Frauen mit 838 Kindern auf der Flucht vor ihren Lebenspartnern. Jährlich werden gegen 50 Frauen von ihren Ehemännern umgebracht. «In der Trennungsphase sind sie besonders gefährdet», sagt Claudia Hauser.

Die Gewalttaten geschehen unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Ausbildung. Der Hauptanteil der Opfer ist zwischen 25 und 40 Jahre alt. Rund ein Drittel, so schätzt Hauser, zieht es zu ihren Männern zurück. Dort dreht sich die Gewaltspirale meist von Neuem und noch schneller. Hauser rät, schon nach dem ersten gewalttätigen Übergriff bei einer spezialisierten Frauenberatungsstelle Hilfe zu suchen.

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«Mein Mann bedrohte mich laufend»
«Allein hätte ich es nicht geschafft, mich von meinem Mann zu trennen. Ich wage gar nicht daran zu denken, was aus mir und den Kindern geworden wäre. Als wir vor 16 Jahren heirateten, hing der Himmel noch voller Geigen. Bis zur Geburt des ersten Kindes war ich berufstätig. Dann kümmerte ich mich um die Familie. Das Glück war von kurzer Dauer. Mein Mann kam immer häufiger mürrisch und angetrunken von der Arbeit nach Hause, beschimpfte und bedrohte mich laufend. Nachdem er mich mehrmals geohrfeigt und so hart gepackt hatte, dass blaue Flecken zurückblieben, trug ich mich mit dem Gedanken, in ein Frauenhaus zu gehen. Nach der Geburt des zweiten Kindes eskalierte die Gewalt. Über fünf Jahre hinweg fand ich immer wieder Gründe, seine Ausbrüche zu verharmlosen und die Schuld bei mir zu suchen. Erst als er auch gegenüber den Kindern gewalttätig wurde, suchte ich im Frauenhaus Schutz. Das war eine enorme Erleichterung. Drei Monate lang lebte ich mit meinen zwei Kindern in einem kleinen Zimmer. Es war eine intensive Zeit. Die Betreuerinnen unterstützten mich bei meiner Zukunftsplanung, und ich leitete mit Hilfe eines Anwaltes die Scheidung ein.»

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Seit dem 1. April 2004 gilt häusliche Gewalt in der Schweiz als ein Offizialdelikt und wird deshalb von Amtes wegen verfolgt. Mehrere Kantone haben im Polizeigesetz einen so genannten Wegweisungsartikel verankert. Demnach können gewalttätige Männer aufgefordert werden, die gemeinsame Wohnung zu verlassen.

Doch der Europarat stellt der Schweiz ein schlechtes Zeugnis aus: Laut Empfehlungen müssten 980 Plätze für gewaltbetroffene Frauen bereitstehen. Stattdessen sind es 200 Betten in weniger als 100 Zimmern.

Die finanzielle Situation der Frauenhäuser ist prekär, ja sogar existenzbedrohend. Für die Finanzierung der stationären Betreuung von Gewaltopfern besteht in der Schweiz keine rechtliche Grundlage. Der Bund beteiligt sich nicht an den Kosten, und der Spardruck setzt den Betroffenen zu. Die Frauenhäuser überleben nur dank Spenden und Sponsoren. So sieht sich Claudia Hauser, die Leiterin der Beratungsstelle und des Frauenhauses Zürcher Oberland, gezwungen, die Hälfte ihrer Arbeitszeit für das Geldeintreiben einzusetzen.

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«Ich konnte den Teufelskreis durchbrechen»
«Nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet ich in eine solche Hölle geraten könnte. Am Anfang unserer Partnerschaft und Ehe stand die Liebe. Das Glück schien vollkommen, als ich eine Tochter und einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Wir einigten uns auf die klassische Rollenverteilung, solange die Kinder klein waren.

So brachte mein Mann das Geld nach Hause und verwaltete es auch. Plötzlich musste ich ihm über alles, was ich kaufte, Rechenschaft ablegen. Dabei wurde er immer knausriger. Ich dachte, das habe mit seinem Stress bei der Arbeit zu tun und mit der Angst, den Job zu verlieren. Doch dann fing er an, auch meine Kontakte und jene der Kinder zu überwachen, und entwickelte eine eigentliche Kontrollsucht.

Die erste Ohrfeige kassierte ich, als ich mich weigerte, mit ihm zu schlafen, weil er betrunken war. Am nächsten Tag brachte er mir zur Versöhnung rote Rosen. Und schlug mich bei der nächsten Gelegenheit wieder. Für die blauen Flecken fand ich Dritten gegenüber immer wieder neue Erklärungen: Ich sei die Treppe runtergefallen, über ein Möbelstück gestolpert oder gegen eine Wand gestossen.

Auch für die Kinder wurde die Situation immer unerträglicher. Die letzten Monate und Wochen meiner elfjährigen Ehe waren die Hölle. Als mein Mann mich dann eines Abends als Lügnerin hinstellte und auf mich einschlug, da wurde mir endgültig bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte.

Eine Freundin riet mir, das Frauenhaus anzurufen. Noch am selben Tag bekam ich für meine Kinder und mich einen Platz. Seit langer Zeit konnte ich endlich wieder schlafen.

Mit Hilfe einer Sozialarbeiterin und einer Sozialpädagogin konnte ich den Teufelskreis aus Liebe, Verständnis und Ohnmacht durchbrechen und für mich und meine Kinder, heute neun und sechs Jahre alt, ein eigenständiges, angstfreies Leben aufbauen. Zum Glück schaffte ich diesen Schritt auf Anhieb. Ich erlebte auch Frauen, die zu ihrem gewalttätigen Partner zurückkehrten in der Hoffnung, er würde sich ändern. Die meisten kamen wieder.»

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