Der Beobachter berichtete Anfang Jahr zweimal über Missstände im Kantonsspital Freiburg: Notfallpatienten, die dringend hätten operiert werden müssen, wurden bis zu elf Stunden liegen gelassen. «Das Leben mehrerer Patienten war gefährdet», erklärten Kaderärzte des Spitals. Sie warfen der Spitaldirektion jahrelanges Missmanagement vor.
Unter Druck geraten, beauftragte darauf der Verwaltungsrat des Freiburger Spitalverbunds den Berner alt Regierungsrat Mario Annoni mit einem Gutachten, das die Vorwürfe untersuchen sollte. Am 4. Juli trat Annoni in Freiburg vor die Medien und präsentierte die Resultate. Annonis Bericht bestätigt in diversen Punkten die Kritik, die der Beobachter geübt hatte. Etwa, dass im Kantonsspital kein Operationssaal für Notfälle zur Verfügung stand. «Das Fehlen eines solchen Saales spielte möglicherweise eine Rolle bei den Wartefristen, die sich bei dringenden Fällen ergaben», heisst es. Seit März steht jetzt ein Notfallsaal bereit.

«Nicht optimal» sei zudem gewesen, dass der Leiter der Operationssäle direkt dem Spitaldirektor unterstellt war, da diesem «die medizinischen Kompetenzen» fehlen. Am 1. September wird deshalb ein medizinischer Direktor neu angestellt, dem der Leiter der Operationssäle direkt unterstellt ist. Annonis Bericht zeigt zudem, dass das Spital bisher kein System hatte, mit dem lebensbedrohliche Notfälle, die eine sofortige Operation erfordern, und weniger schwere Fälle unterschieden werden. «Eine solche Einteilung könnte eingeführt werden, (...) um die Programmierung der dringenden Eingriffe zu verbessern», empfiehlt das Gutachten.

Hartnäckiges Schweigen
Offensichtlich lag im Kantonsspital Freiburg in wichtigen Bereichen einiges im Argen. Umso erstaunlicher ist, dass das Gutachten zum Schluss kommt, das Leben von Patienten sei - entgegen dem Bericht des Beobachters - in keinem einzigen Fall aufs Spiel gesetzt worden. Freiburger Kaderärzte, aber auch Luigi Mariani, stellvertretender Chefarzt der neurochirurgischen Abteilung des Inselspitals Bern, hatten dem Beobachter schriftlich zu Protokoll gegeben: Bei der Verlegung von neurochirurgischen Patienten von Freiburg nach Bern komme es wegen Verzögerungen immer wieder zu lebensgefährlichen Situationen. Mariani sagte wörtlich: «Patienten sind gefährdet. Nur mit Glück ist bisher keiner zu Schaden gekommen.» In einem Fall sei ein Patient «knapp ohne Schaden und mit dem Leben davongekommen». Der Inselspital-Chirurg hält nach wie vor an seiner Aussage fest: «Ich stehe noch immer voll dahinter.»

Gutachter Annoni kommt im Untersuchungsbericht zu einem ganz anderen Schluss: Es habe «keinen einzigen» solchen Fall gegeben, besondere Risiken für Patienten hätten nicht bestanden und «weder Mariani noch die Freiburger Ärzte konnten den Namen eines betroffenen Patienten nennen». Stellt sich die Frage: Sagte Mariani nicht die ganze Wahrheit, als er von Annoni angehört wurde? Oder ist es Annoni, der in seinem Bericht wichtige Informationen unterschlägt? Beide schweigen zu dieser Frage eisern, ebenso die Inselspital-Direktion. Fest steht: Marianis Aussage in der Untersuchung dauerte fast drei Stunden, daraus resultierten 16 Seiten Protokoll - im Bericht Annoni findet sich davon kaum ein Wort.

Urs Giger, ein ehemaliger Kaderarzt des Freiburger Kantonsspitals, schüttelt den Kopf: «Es ist rätselhaft, wie die Gutachter zu diesem Schluss gekommen sind. Es geht wohl darum, diesen wichtigen und heiklen Kritikpunkt unter den Teppich zu wischen, um die Verantwortlichen zu schützen - und um die Bevölkerung zu beruhigen.» Gutachter Annoni weist diesen Vorwurf zurück, wie auch Professor Peter Suter, ehemaliger Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Genf. Dieser unterstützte Annoni bei den Befragungen, zog die medizinischen Schlüsse und befand letztlich nur in einem einzigen Fall, dass ein Patient zu lange auf die Operation habe warten müssen - was gesundheitliche Folgen hätte haben können.

Der Untersuchungsbericht erweckt im Kern den Eindruck, der Beobachter selbst habe medizinische Behauptungen aufgestellt. Dabei waren es fünf Kaderärzte des Freiburger Kantonsspitals, die dem Beobachter von lebensgefährlichen Situationen für Patienten erzählten. Doch so genau wollten es die Gutachter möglicherweise gar nicht wissen, wie zwei Fragebogen zeigen, die Mario Annoni Chirurgen zustellte: Darin wird mit keiner einzigen Frage erörtert, ob es bei neurochirurgischen Patienten zu bedrohlichen Situationen gekommen war.

Zwar interviewte Annoni vier Chefärzte des Freiburger Kantonsspitals und Kaderangestellte wie die leitende Krankenschwester - aber nur wenige Assistenz- und Oberärzte, die an der Front Notfälle betreuen und medizinische Entscheide zu fällen haben: gerade mal vier von rund 35 Chirurgen der chirurgischen und orthopädischen Klinik. Diese Zahl sei falsch, es seien insgesamt 13 Ärzte gewesen, sagt Annoni und zählt Chirurgen anderer Spitäler im Kanton auf, mit denen er Interviews führte: «Die Personen, die wir befragten, waren repräsentativ genug, um die Anschuldigungen zu untersuchen. Ihre Aussagen decken sich.»

Das wohlwollende Gutachten von Mario Annoni überrasche ihn «überhaupt nicht», sagt Nationalrat Hermann Weyeneth, einstiger Präsident der bernischen SVP und Verwaltungsratsmitglied des Berner Inselspitals. Er kennt Annoni seit Jahren vom politischen Parkett in Bern. Was zeichnet Annoni als Gutachter aus? «Nichts», sagt Weyeneth. «Annoni verfügt gar nicht über das Wissen, um diese Problematik zu beurteilen. Es ist mir schleierhaft, wie man ihn als Gutachter wählen kann» - ihm fehle die Erfahrung. Annoni war bis vor kurzem 16 Jahre lang FDP-Regierungsrat, eine gutachterische Tätigkeit durfte er deshalb nie ausüben. Annoni verweist auf die Fachkompetenz, die ihn bei der Untersuchung unterstützte: Experte Suter sowie zwei Juristinnen.

Weyeneth moniert ausserdem, dass Annoni selbst begutachtet worden sei. So war er als federführender Regierungsrat in den Berner Lehrerpensionskassen-Skandal verwickelt und jahrelang über die Missstände und den Filz bei der Pensionskasse im Bild, wie aus dem Mitte 2005 veröffentlichten Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) hervorgeht. Die PUK warf ihm unter anderem in mehreren Punkten Untätigkeit vor. Annoni widerspricht: In erster Linie würden die Organe der Pensionskasse die Verantwortung für die Probleme tragen.

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Personelle Verflechtungen
Annoni beschäftigte auch in einem anderen Fall die Aufsichtskommission des Parlaments, die Anfang 2007 ihren Schlussbericht vorlegte: Im Zentrum stand Annonis zwiespältige Rolle beim Umbau und Verkauf eines Landwirtschaftsbetriebs im bernjurassischen Bellelay an eine Stiftung. Diese ging 2004 in Konkurs und kostete den Kanton schliesslich gegen zehn Millionen Franken. Annoni führte die Verkaufsverhandlungen ausgerechnet mit seinem eigenen Bruder, der die Vereinigung der Gemeinde- und Burgerpräsidenten leitete. Er sei in den Ausstand getreten, als es um den Schlussentscheid ging, sagt Annoni. Das Fazit der Debatte aber lautete: Er habe wenig Sensibilität für personelle Verflechtungen gezeigt. Im Herbst kandidiert Mario Annoni bei den Nationalratswahlen.

Quelle: Vincent Murith