Olga Weber arbeitet seit drei Jahren als Freiwillige im Altersheim Mathysweg in Zürich. «Es bereitet mir Freude, und ich habe Kontakt zu anderen Personen.» Gemeinsam mit vierzig weiteren Freiwilligen flickt sie Kleider, bastelt mit den Heimbewohnern oder organisiert Lottoabende.

Olga Weber ist eine von vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern. Gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) ist jede vierte Person in der Schweiz unbezahlt tätig. Als Freiwilligenarbeit gelten nur Tätigkeiten, die sich ausserhalb der Familie abspielen. Hausarbeit sowie die Betreuung von Kindern und betagten Angehörigen gehören nicht dazu.

Die grösste Gruppe unter den freiwilligen Helferinnen und Helfern bilden Haus- und Familienfrauen sowie Berufstätige im Alter zwischen 40 und 54 Jahren. Von den Rentnerinnen und Rentnern engagieren sich hingegen bloss 15 Prozent.

Männer setzen auf Prestigeämter
Männer betätigen sich deutlich häufiger ehrenamtlich – vor allem in politischen Ämtern und im öffentlichen Dienst. Im kirchlichen und im sozial-karitativen Bereich sind eher Frauen tätig. «Sie engagieren sich vor allem in Bereichen, die mit Haus- und Familienarbeit verwandt sind», sagt Jacqueline Schön-Bühlmann vom BFS, «Männer hingegen neigen zu prestigeträchtigen Ämtern mit Führungsaufgaben.»

Die vom BFS zusammengetragenen Zahlen sind beeindruckend: Müsste die gesamte Freiwilligenarbeit von Berufsleuten ausgeführt werden, würde dies fast 20 Milliarden Franken kosten. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandprodukt betrug 1997 rund 370 Milliarden Franken.

Im Zürcher Altersheim Mathysweg engagiert sich auch Robert Schwörer als freiwilliger Helfer. Der pensionierte Prokurist erledigt seit drei Jahren kleinere Büroarbeiten. Eigentlich wollte er nach der Pensionierung zusammen mit seiner Frau Margrith, die schon seit über 25 Jahren in der Freiwilligenarbeit tätig ist, nur noch «das Leben geniessen». Doch nach zwei Jahren war ihm das zu langweilig. «An der Arbeit im Altersheim habe ich den Plausch. Man macht mir keine Vorschriften, und ich werde geschätzt.»

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Freiwilligenarbeit ist kein Jobkiller
Schwörer ist einer von 530 Freiwilligen, die 1999 in den Stadtzürcher Altersheimen im Einsatz standen. «Wir haben deswegen keine einzige Profistelle reduziert», sagt Ueli Schwarzmann, Direktor des städtischen Amts für Altersheime. Der Vorwurf, Freiwilligenarbeit sei Billigarbeit und ein Jobkiller, trifft seiner Ansicht nach nicht zu. «Freiwillige werden für spezielle Aufgaben eingesetzt.» Für Botengänge und Spaziergänge mit Betagten hätten die Profis schlicht keine Zeit.

Die Grenze zwischen bezahlter und freiwilliger Arbeit ist jedoch oft fliessend. Claudia Gadient, Direktionsassistentin beim Schweizer Sportmuseum in Basel, gibt offen zu: «Der Einsatz von Freiwilligen ist bei uns auch eine finanzielle Frage.» Von acht Personen arbeiten vier gratis in der privaten Stiftung. Ansonsten wäre der Betrieb gefährdet.

Ohne die Mithilfe von Freiwilligen müsste auch die Zürcher Vormundschaftsbehörde aufstocken. Rund 1300 Personen amten in ihrer Freizeit als Vormund. Würden sie wegfallen, müssten etwa 15 Teams mit einem vollamtlichen Vormund und mindestens einem kaufmännischen Angestellten neu eingestellt werden.

«Die Vormundschaft ist als Bürgerpflicht im Zivilgesetzbuch verankert», verteidigt Erika Strobel, stellvertretende Chefin der Zürcher Vormundschaftsbehörde, den Einsatz der Privaten. Zudem erhalten sie eine professionelle Einführung in ihre Arbeit, nehmen an Weiterbildungskursen teil und bekommen eine jährliche Entschädigung von minimal 1800 Franken.

Mehr Menschlichkeit dank Helfern
Der Einsatz von Freiwilligen kann für einen Betrieb unter Umständen aber auch sehr aufwändig sein, wie das Beispiel des Berner Inselspitals zeigt. Die 88 Freiwilligen arbeiten dort zwischen zwei und drei Stunden pro Woche. Sie leisten damit den Einsatz von vier bis sechs Vollzeitangestellten. Allein für die Betreuung und die Koordination der Freiwilligen benötigt das Spital eine volle – und bezahlte – Stelle.

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Dennoch möchte man im Inselspital nicht auf die freiwilligen Helfer verzichten. Ohne sie, heisst es im Jahresbericht, würde das Spital «um einiges weniger menschlicher und freundlich wirken».

Genau diesen Verlust an Menschlichkeit bereitet Benevol-Geschäftsführer Stefan Spahr grosse Sorgen. Bei der Dachorganisation von sieben Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit hat man in den vergangenen Jahren eine Abnahme der Anzahl Tätigen im karitativen Bereich festgestellt. Spahr: «Immer mehr Frauen sind berufstätig und haben für Freiwilligenarbeit keine Zeit.»

Lernen und Kontakte knüpfen
Benevol möchte deshalb das Potenzial der Rentner besser nutzen. «In Bern planen wir ein Weiterbildungsprojekt für Personen ab 55 Jahren», sagt Spahr. Zudem will Benevol die Anerkennung der unentgeltlichen Helfer fördern. «Wir haben Standards zuhanden der Institutionen herausgegeben», sagt Stefan Spahr. «Darin sind Punkte aufgeführt wie Ausbildung, Begleitung, Arbeitsbedingungen, Spesenregelung und Versicherungen.»

Das entspricht ganz den Bedürfnissen der «neuen Freiwilligen». Diese wollen bei ihrer unentgeltlichen Arbeit etwas lernen und einen persönlichen Nutzen daraus ziehen, wie eine Benevol-Umfrage zeigt: 45 Prozent der Befragten gaben an, in der Freiwilligenarbeit neue Kontakte und eine persönliche Befriedigung zu suchen sowie ihren Horizont erweitern zu wollen.

Das gilt auch für Josef Frick, der seit vier Jahren zwei- bis dreimal pro Woche für den Fahrdienst «Tixi» im Kanton Zug Behinderte und Betagte chauffiert. «Am Abend bin ich sehr zufrieden», sagt der 68-Jährige. Zusammen mit weiteren 155 Fahrerinnen und Fahrern hat er letztes Jahr 280'000 Kilometer zurückgelegt. Das entspricht einem Arbeitspensum von rund 18'000 Stunden. Alles gratis, versteht sich.

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