Beobachter: Herr Keel, Sie wurden soeben kalt geduscht. Die seit fünf Jahren geplante Fusion von elf Gemeinden zur Gemeinde Hitzkirch erlitt an der Urne Schiffbruch. Hatten Sie sich zu viel vorgenommen?
Bruno Keel: Es waren die Gemeinden des Hitzkirchertals, die sich viel vorgenommen hatten. Einige wollten einen visionären Schritt tun, andere haben nur halbherzig mitgemacht. Aber Schiffbruch ist ein zu hartes Wort: Sechs von elf Gemeinden stimmten der Fusion zu. Die grosse Enttäuschung war die Ablehnung der Zentrumsgemeinde und Hauptinitiantin Hitzkirch.

Beobachter: Es ist ein Schweizer Phänomen, dass Reformunwillige über Reformen entscheiden.
Keel: Wir versuchen, solche Prozesse so zu führen, dass sie erfolgreich sind. Die Fusion von elf Gemeinden war sicher riskant. Hätten alle zugestimmt, wäre es eine Sensation gewesen.

Beobachter: An welchen Fehlern scheitern Gemeindefusionen?
Keel: An der Urne wird emotional entschieden. Es macht keinen Sinn, dem Stimmvolk Berge von Fakten zu präsentieren. Die Leute brauchen Zeit.

Beobachter: Mit der zunehmenden Mobilität der Menschen schwindet der Dörfligeist. Vereinfacht diese Entwicklung Fusionen?
Keel: Eindeutig. Willisau Stadt und Willisau Land gehören zusammen und können ihre Aufgaben nur gemeinsam lösen. Es waren primär die Alteingesessenen, die Mühe bekundeten mit einer Fusion. Die Väter sassen in Kontra-, die Söhne in Pro-Komitees.

Beobachter: Dann sollte es in Agglomerationsgemeinden einfacher sein.
Keel: In der Agglomeration geht es um mehr Macht. Hier stellt sich die Frage, wie weit die Gemeindebehörden bereit sind, Macht abzugeben. Es ist ein grosser Fehler, ein Fusionsprojekt voranzutreiben, wenn nicht sichergestellt ist, dass alle Behördenmitglieder dahinterstehen.

Beobachter: Können erzwungene Fusionen funktionieren?
Keel: Man kann durchaus von oben herab fusionieren. Doch dann gibt es in einer Anfangsphase eine harte Zeit, denn die Auseinandersetzungen müssen geführt werden.

Beobachter: Welche Rolle spielen die finanziellen Zückerli, die die Kantone Fusionsgemeinden versprechen?
Keel: Die Gegner sagen, mit Fusionsbeiträgen würden die Zusammenschlüsse gekauft. Aber ohne finanzielle Unterstützung läuft nichts. Wenn der Bestgestellte einfach drauflegen müsste, käme an der Urne keine Fusion durch.

Beobachter: 17 Gemeinden haben sich bisher im Kanton Luzern an Fusionen beteiligt. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?
Keel: Sieben von acht Fusionen sind durchgekommen. Das heisst: Fusionen sind machbar. Und an ihrer Notwendigkeit zweifelt fast niemand mehr. In dem Sinne ist die Zwischenbilanz positiv. Und der Prozess geht mit breiter politischer Unterstützung weiter.

Beobachter: Der Kanton Glarus soll auf drei Gemeinden reduziert werden. Ist das realistisch?
Keel: Es ist richtig! Ob es im Kanton Glarus umsetzbar ist, weiss ich nicht. Es entstehen drei Gemeinden mit je rund 10’000 Einwohnern - eine ideale Grösse für starke, professionelle und überschaubare Gemeinden. Der ursprüngliche Plan, nur auf zehn Gemeinden zu reduzieren, wäre ein zu kleiner Schritt gewesen.

Beobachter: Was passiert mit den überflüssig gewordenen Wappen?
Keel: Die bleiben als Ortswappen vorhanden. Auch Ortsnamen verschwinden nur selten. Fusionen sind vor allem eine organisatorische Angelegenheit. Ein Dorf bleibt ein Dorf, es wird zum neuen Ortsteil in einer neuen politischen Gemeinde. Identitäts- und Heimatverlust erleidet niemand.

Beobachter: Wird der Reformeifer der Gemeinden demnächst auf die Kantone überschwappen?
Keel: Nein. Im Fall von Gemeindefusionen greift der Kanton finanziell ein. Wenn Zug und Luzern zusammengelegt würden - wer wollte diese Unterschiede abfedern? Der Bund hat keine Mittel, solche Prozesse zu fördern. Es könnten sich höchstens zwei Kleine zusammentun. Aber vor kurzem hörte ich Politiker der beiden Appenzell am Radio. Es klang nicht nach Annäherung.

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