Die Bilder kennen die meisten: Fussballfans marschieren gemeinsam vom Bahnhof zum Stadion. Farbig und laut, vielleicht zünden einige Fackeln oder haben sich vermummt. Gegenüber steht die Polizei. Oft in Vollmontur, manchmal mit Wasserwerfer und Gummischrotgewehren. Die Stimmung ist angespannt.

So wird es auch sein, wenn die Anhänger des FC Zürich und des FC Basel am Ostermontag in Bern ankommen, um ihre Mannschaften beim Cupfinal zu unterstützen. Für einige Politiker, Medien und Verfasser von Leserkommentaren steht bereits jetzt fest: Das knallt, garantiert.

«Die Situation wird sicher angespannt sein», sagt der Berner Sportwissenschaftler Alain Brechbühl, der sich auf das Thema Gewalt und Aggression im Sport spezialisiert hat. Das Spiel ist sportlich wichtig, die Rivalität zwischen FCZ und FCB gross, ­genauso wie der Druck von Medien und Politik auf alle Beteiligten. «Alles Faktoren, die bereits vor dem eigentlichen Ereignis das Risiko einer Eskalation erhöhen.»

Es gibt drei Risikofaktoren

Für eine laufende Studie der Universität Bern analysiert Brechbühl seit etwa zwei Jahren Situationen rund um Fussballspiele, die zu Gewalt führen können. Acht kritische Szenen hat er untersucht; in vier Fällen kam es tatsächlich zu Ausschreitungen, in den anderen beruhigte sich die Lage. Brechbühl führte nach den heiklen Situa­tionen insgesamt 59 Interviews mit beteiligten Fans, Fanarbeitern, Polizisten, Sicherheitsleuten oder Klubverantwortlichen.

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Der Wissenschaftler hat bisher drei zen­trale Aspekte herausgearbeitet, die über Eskalation oder Deeskalation entscheiden. «Sehr wichtig ist die Kommu­nikation. Sowohl im Vorfeld als auch vor Ort», sagt er. Wer dem Gegenüber mitteilt, warum er etwas macht, legitimiert seine Handlungen. «Besonders Fans legen da­rauf grossen Wert», so Brechbühl.

Der zweite Punkt ist die räumliche Distanz zwischen Fans und Sicherheitskräften. «Den Abstand, den die Polizei für an­gemessen hält, empfinden die Fans meist als viel zu gering.» In Kombination mit dem dritten kritischen Faktor, dem sichtbar provokativen Auftreten, kann dadurch eine angespannte Situation eskalieren. Als provokativ empfinden die Fans die Vollmontur der Polizisten, die Polizei umgekehrt stört sich an Vermummten.

Mit Empfehlungen für die Praxis ist Alain Brechbühl noch zurückhaltend, da noch nicht alle Daten ausgewertet sind. «Um mittelfristig weniger kritische Situa­tionen zu haben, muss aber sicher weiter an der Wahrnehmung des Gegenübers gearbeitet werden.» Wenn bereits im Vorfeld eines Risikospiels alle Beteiligten mit­einander in Dialog träten und die gegenseitigen Erwartungen kennten, liesse sich die Lage entschärfen, sagt Brechbühl.

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Auch im aktuellen Fall des Cupfinals führten Vertreter der Stadt, der Fans und der Polizei bereits Gespräche. Hauptstreitpunkt sind die Fanmärsche. Beide Lager wollen vom Bahnhof Bern zum Stadion marschieren – wie es Tradition ist am Cupfinal. Stadt und Polizei haben Bedenken: Beim letztjährigen Final trafen Anhänger der Grasshoppers und des FCB aufeinander, es kam zu Auseinandersetzungen.

«Ein schwieriger Spagat, aber machbar»

«Die Situation am Cupfinal ist tatsächlich schwierig», sagt Brechbühl. «Die Polizei muss einerseits die Trennung der Fangruppen gewährleisten, anderseits genügend Abstand halten, um nicht provokativ aufzutreten – ein schwieriger Spagat.» Aber machbar: «Denn nicht nur die Polizei hat kein Interesse an einer Eskalation, sondern auch der grösste Teil der Fans.»

Heikel werde es, wenn Einzelne die Auseinandersetzung um jeden Preis suchten: «Es gibt Hinweise darauf, dass beim letzten Final solche Leute dabei waren.» In einem solchen Fall liesse sich Gewalt kaum verhindern. Wer Ärger sucht, findet Ärger: «Ganz egal, wie gut alles organisiert ist.»

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