Beobachter: Die Ausschreitungen im Zürcher Letzigrund beim Spiel zwischen GC und dem FCZ wurden als Zeichen für die Verrohung der Gesellschaft und steigender Jugendkriminalität gedeutet. Nimmt die Gewalt im Fussball zu?
Thomas Busset
: Das ist eine schwierige Frage, weil vergleichbare Daten über einen längeren Zeitraum fehlen. Sicher ist, dass sich die Vorfälle vom Stadion nach aussen verlagert haben. Innerhalb der Sportstätten sind sie seltener, aber umso gefährlicher geworden, wie der jüngste Vorfall zeigt.

Beobachter
: Warum behaupten Medien, Klubverantwortliche und Politiker, es gebe immer mehr Gewalt?
Busset
: Das hat damit zu tun, dass die Öffentlichkeit den Ereignissen rund um Fussballspiele heute sehr viel mehr Aufmerksamkeit schenkt als noch vor zehn Jahren. Die Bevölkerung hat das Gefühl, dass nichts getan wird. Es ist aber auch eine Frage der Toleranz: Wie viel ist erlaubt und was ist Gewalt? Für mich ist Gewalt, wenn jemand zu Schaden kommt oder dies in Kauf genommen wird – wie zum Beispiel bei einem Fackelwurf. Das blosse Abbrennen von Pyros hingegen ist keine Gewalt, sondern ein Risiko. Es ist aber auch ein Verstoss gegen das Sprengstoffgesetz, was erklärt, weshalb Behörden Pyros als Gewalt interpretieren. Trotzdem erscheinen in den Medien nach wie vor Stimmungsbilder der Fankurve mit Choreos, Fahnen und brennenden Fackeln. Dies zeigt die widersprüchliche Behandlung des Themas.

Beobachter: GC hat bei der Liga einen Vorstoss lanciert und fordert bei Pyroverstössen einen sofortigen Spielabbruch. Was halten Sie davon?
Busset
: Neue Massnahmen oder Sanktionen machen nur Sinn, wenn sie breit abgestützt sind. Ich glaube, der Ärger vieler Leute kommt davon, dass nach solchen Ereignissen viel öffentlich angekündigt, aber nur wenig umgesetzt wird. Verhandlungen via Medienankündigungen sind kaum fruchtbar. In diesem Sinn ist das Scheitern des sogenannten runden Tisches ein Armutszeugnis der beteiligten Akteure.

Beobachter
: Die Fanarbeit und die viel beschworene Selbstregulierung der Kurve stehen auch immer wieder in der Kritik. Im Letzigrund haben sie versagt.
Busset
: Selbstregulierung in den Fankurven funktioniert eigentlich jede Woche in vielen Zügen und Stadien sehr gut. Aber leider sieht man nicht, wenn besonnene Stimmen und moderate Kräfte wirksam werden – das sind Nicht-Ereignisse. Wahrgenommen wird immer nur, wenn die Selbstregulierung einmal versagt. Aber die Fanarbeit und die Selbstregulierung haben ihre Grenzen.

Beobachter
: Als ein paar Zuschauer versuchten, die FCZler auf dem Weg zum GC-Sektor zurückzuhalten, kassierten sie dafür Schläge – können „anständige“ Fans überhaupt einer gewaltbereiten Gruppierung beikommen, ohne selbst Gewalt anzuwenden?
Busset
: Nein, das kann man natürlich nicht erwarten. Deshalb müssen Klubs und Politik positive Fankulturen unterstützen. Sobald die Kurve sich nicht ernst genommen oder ungerecht behandelt fühlt, werden die besonnenen Stimmen geschwächt. Im Übrigen kann der Staat sein Gewaltmonopol nicht an Fans delegieren.

Beobachter
: Im englischen Fussball hat man das Hooliganproblem mit harten Gesetzen in den Griff bekommen.
Busset: In England hat man vor allem die Eintrittspreise dermassen erhöht, dass nur noch ein bessergestelltes Publikum an die Premier-League-Spiele kommt. Die Gewalt ist immer noch da, sie ist einfach in die tieferen Ligen und auf die Strassen gewandert. Und die Jugendprobleme dort sind immens.

Beobachter: Der Schweizer Fussball ist also trotz Fackelwürfen auf dem richtigen Weg?
Busset: Die Fackelwürfe waren ein Schlag ins Gesicht aller derjenigen, die sich für die Sache der Fans einsetzen. Ihre Position gegenüber den anderen Akteuren ist ganz allgemein geschwächt. Die Pyrodiskussion ist in der Sackgasse. Nach dem Scheitern des runden Tisches findet der konstruktive Dialog, wenn überhaupt, fast nur noch auf der lokalen Ebene statt, und dies kann nicht im Sinne des Schweizer Fussballs sein.