Beobachter: Können Sie einen Match gucken, ohne ständig nach Auffälligkeiten zu suchen?
Detlev Zenglein: Ja, zum Glück! Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die meisten Fussballspiele fair und im sportlichen Wettkampf entschieden werden.

Beobachter: Sie sind ein Idealist.
Zenglein: Das ist so. In meinem Job muss man darauf achten, dass man keine Zwangspsychose entwickelt und bei jedem Elfmeter denkt: Wieso hat der Schiedsrichter den eigentlich gegeben?

Beobachter: Sind es vor allem Schiedsrichter, die mogeln?
Zenglein: Ob man sich auf eine Manipulation einlässt, ist in erster Linie eine Frage der Persönlichkeit. Daneben spielt eine Rolle, in welcher Situation sich ein Spieler befindet: Ist er ein gut bezahlter Profi oder ein Halbamateur, der seinen Lohn nur unregel­mässig erhält? Aber klar, für jemanden, der ein Spiel manipulieren möchte, sind nicht alle Beteiligten gleich interessant.

Beobachter: Also doch die Schiedsrichter.
Zenglein: Auch. Wer hat grossen Einfluss auf den Verlauf des Spiels? Sicher die Schiedsrichter und die Goalies. Ein, zwei Tore reinzulassen, die man vielleicht hätte halten können, ist sehr viel einfacher, als eines oder zwei mehr zu schiessen. Bei den Feldspielern haben wir aus denselben Gründen ein spezielles Auge auf die Verteidiger.

Beobachter: Die Fifa schätzt, dass 50 Prozent der Spieler anfällig sind…
Zenglein: Diese Zahl geht vermutlich auf eine Studie zurück, die in den osteuropäischen Ländern durchgeführt wurde. Dort zeigte sich, dass fast jeder zweite Spieler in einer Situation ist, in der ein höheres Risiko besteht. Das kann heissen, dass ein Spieler bereits einmal angefragt wurde oder dass sein Lohn so tief ist, dass er nicht ausreicht, um die Familie zu ernähren.

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Beobachter: Lässt sich das auf Westeuropa übertragen?
Zenglein: Auch in Spanien soll es Spieler geben, die ihr Gehalt nicht bekommen.

Beobachter: Nicht jeder, der knapp bei Kasse ist, wird kriminell…
Zenglein: Sie dürfen nicht vergessen, dass viele junge Fussballer am Anfang ihrer Karriere davon ausgehen, dass sie gross herauskommen und viel Geld verdienen werden. Für die grosse Masse sieht die Realität dann aber völlig anders aus: Sie spielen in einem zweitklassigen Verein und kommen knapp über die Runden. Hinzu kommt, dass viele es nicht schaffen, neben der Fussballkar­rie­re eine Ausbildung zu machen. Solche Leute sind verständlicherweise anfälliger als ein Cristiano Ronaldo oder ein Messi.

Beobachter: Also wird an der WM nicht manipuliert?
Zenglein
: Die mediale Präsenz an der Weltmeisterschaft ist riesig. Das mindert die Gefahr. Wenn man von einem erhöhten Risiko sprechen kann, dann vielleicht in den letzten Gruppenspielen.

Beobachter: Wie kommen Sie darauf?
Zenglein: Weil es bei den Spielen an der Weltmeisterschaft passieren kann, dass es für die eine oder andere Mannschaft um nichts mehr geht. Das sind immer gefährliche Konstellationen. Man darf nicht vergessen, dass bei diesem Turnier extrem viel Geld im Spiel und daher die Bereitschaft hoch ist, in Manipulationen zu investieren. Auf diese Spiele wird an jeder Ecke der Welt gewettet. Die Chance, dass sich der Einsatz für eine Manipulation re­finanziert, ist enorm hoch. Und die Strafen sind lasch – eine Einladung für das organisierte Ver­brechen.

Beobachter: Sie versuchen also von Zürich aus der globalen Wettmafia das Handwerk zu legen?
Zenglein: Allen Beteiligten ist klar, dass wir das Problem der manipulierten Spiele nicht aus der Welt schaffen können. Aber wir können versuchen, die Ausprägungen zu minimieren. Letztes Jahr wurden im Zusammenhang mit Spielmanipulationen weltweit mehr als 170 Personen sanktioniert.

Beobachter: Wie gehen Sie konkret vor, um sicher­zustellen, dass die WM sauber bleibt?
Zenglein: Unsere Arbeit in Bezug auf die WM hat längst begonnen. Wir betreiben ein sogenanntes Risk Assessment. Wir schauen uns dazu an: Welche Spieler sind da? Welche Schiedsrichter? Gab es schon Auffälligkeiten? Wir haben eine Datenbank, in der wir alles eintragen, was irgendwie ungewöhnlich ist – und sei es nur, dass ein Spieler in einem Spiel unerwartet schlecht gespielt oder ein Schiedsrichter einmal eine besonders lange Nachspielzeit gewährt hat.

Beobachter: Und was tun Sie, wenn dieser Schiedsrichter an der WM tatsächlich wieder acht Minuten nachspielen lässt?
Zenglein: Wir gleichen auffälliges Verhalten mit den Bewegungen auf dem Wettmarkt ab. Dafür arbeiten wir eng mit rund 400 Buch­machern zusammen. Daneben haben wir unser eigenes System, mit dem wir die Wettangebote von 250 Online-Wettanbietern überwachen. Interessant wird für uns die lange Nachspielzeit erst, wenn der Wettmarkt entsprechend reagiert, etwa wenn auffällig viel Geld auf das Resultat gesetzt wurde, das nur dank der Nachspielzeit erreicht werden konnte.

Beobachter: Und was geschieht in einem solchen Fall?
Zenglein: Dann geben wir unsere Beobachtungen an die Security-Leute der Fifa weiter – und die entscheiden, ob sie weiter ermitteln und die Strafverfolgungsbehörden einschalten. Das ist allerdings nur ein Teil der Arbeit der Fifa. Mindestens so wichtig wie das Monitoring sind die Präventions­arbeit, die Ausbildung der Spieler, die Aufklärung der Ju­nio­ren und der Schiedsrichter.

Beobachter: Beginnt das bei den Junioren?
Zenglein: Mittlerweile gibt es tatsächlich Fälle von Spielen, die von 16- Jährigen manipuliert wurden. Diese Jugendlichen wissen gar nicht, worauf sie sich da ein­lassen. Spätestens wenn die wieder aussteigen möchten, kann es zu sehr unschönen Momenten kommen.

Beobachter: Sprechen Sie den Tod von Mario Bigoni an? Der FC-Gossau-Spieler war wegen eines Wettskandals gesperrt und ertrank unter mysteriösen Umständen.
Zenglein: Sagen wir es so: Es gibt tatsächlich Spieler, die tief im Sumpf stecken. Sie und ihre Familien werden bedroht. Und ja, wir kennen auch Fälle, in denen Leute ermordet wurden. Aber an der Tagesordnung ist das zum Glück noch nicht.

Beobachter: Noch nicht?
Zenglein: Die Strafen sind lächerlich tief und die Aufklärungsraten lausig. In der Schweiz etwa gibt es nicht einmal ein Gesetz, das Spielmanipulationen verbietet. Solange es keine internationalen Standards gibt, die durchgesetzt werden können, wird es nicht gelingen, Hintermänner zu fassen und zu verurteilen. Davon sind wir weit entfernt. Zudem: In manchen Kulturen werden solche Betrüger nicht als Verbrecher angesehen. Im Gegenteil.

Beobachter: Immerhin verhaftete die Polizei von Singapur letztes Jahr Dan Tan. Er galt als Kopf eines der mächtigsten Betrugskartelle.
Zenglein: Wir sehen ihn als einen der mittleren Grösse. Aber er ist ein gutes Beispiel. Es war längst bekannt, dass er in Wettskandale verwickelt war. Trotzdem dauerte es Jahre, bis der inter­nationale Druck auf Singapurs Polizei so gross wurde, dass sie reagieren musste.

Beobachter: Warum?
Zenglein: Die Sache ist komplex: Da treffen unter Umständen zwei Mann­schaften aus unterschiedlichen Ländern aufeinander, der Manipulator ist aus einem dritten Land und setzt sein Geld in einem vierten und fünften Land. Kommt das ans Tageslicht, stossen die Strafverfolgungsbehörden die Sache im Kreis herum. Wer ist zuständig? Wer hat überhaupt den Durchblick?

Beobachter: Ein Glücksfall für das organisierte Verbrechen.
Zenglein: Das ist leider so. Es bewegt sich weg von Drogenhandel und Prostitution und hin zum Wettmarkt.

Beobachter: Von welchen Summen sprechen wir?
Zenglein: Man muss zwischen dem europäischen und dem asiatischen Markt unterscheiden. In Europa kann man bei manchen Spielen maximal 500 Euro auf den Spielausgang setzen, in Asien gibt es oft keine Limite. Der Weltmarkt dürfte mehrere Milliarden Dollar schwer sein. Im Jahr.

Beobachter: Sogar Hobbyfussballer sollen in Wettskandale verwickelt sein.
Zenglein: Absolut. In Deutschland wettet man auf 5.-Liga-Spiele, bei reinen Amateuren. Die kriegen, wenn überhaupt, die Spesen vergütet. Nichts gegen solche Fussballer, ich habe selber lange in der 6. Liga gespielt, aber das ist natürlich ein Riesenproblem. Für sie geht es auf dem Feld oft um nichts, aber wenn sie vor dem Match online auf die Niederlage ihrer Mannschaft wetten, liegen schnell Tausende von Franken drin.

Beobachter: Spieler wetten auf ihre eigenen Spiele?
Zenglein: Ja. Noch schlimmer: Auch Spieler sind ab und zu spielsüchtig und darum anfällig für Manipulationen. Nicht nur in tiefen Ligen.

Beobachter: Ist das überhaupt erlaubt?
Zenglein: Kontrollieren Sie das mal im Online­bereich… Ich kann ja die Kreditkarte meiner Oma nehmen. Gerade Asiaten mögen solche Spiele, denn sie vertrauen darauf, dass der europäische Fussball sauber ist.

Manipulierte Spiele auch in der Schweiz

Spielmanipulationen im Zusammenhang mit Sportwetten sind zu einem Teil der organisierten Kriminalität geworden. Das ständig wachsende Angebot an Sportwetten – auch eine Folge der Weiterentwicklung in den neuen Medien und im Internet – hat einen zunehmenden Einfluss auf den nationalen und internationalen Fussball. Auch in der Schweiz: Im November 2012 kam es in Bellinzona zu einem ernüchternden Urteil des Bundesstrafgerichts. Mitglieder einer inter­national agierenden Gruppierung hatten Meisterschaftsspiele manipuliert, um darauf Wetten abzuschlies­sen. Das Gericht sprach die Angeklagten frei: Das Gesetz verlange, dass ein Mensch irregeführt werde. Da die Wetten aber über das Internet abgeschlossen worden seien, sei nicht direkt ein Mensch irregeführt worden. Der Tatbestand des Betrugs sei nicht erfüllt.