Der Kindergärtler aus Obfelden ZH hatte keine Chance. Mit einem Freund war er am 25. März kurz vor Mittag auf dem Heimweg. Nüchtern beschreibt das Protokoll der Kantonspolizei das weitere Geschehen: «Während einer der Knaben beim Fussgängerstreifen auf der Höhe des Hauses Nr. 113 stehenblieb, betrat der andere den Zebrastreifen. Dabei geriet er direkt vor das in Richtung Affoltern am Albis fahrende Auto eines 74jährigen Lenkers.» Schwer verletzt blieb der Fünfjährige liegen.

Das Überqueren von Zebrastreifen ist gefährlich wie eh und je. Dies, obwohl die Rechte der Fussgänger vor fünf Jahren gestärkt wurden – zumindest auf dem Papier. Seit Juni 1994 heisst es in der Verkehrsregelverordnung: Am Zebrastreifen «muss der Fahrzeugführer jedem Fussgänger den Vortritt gewähren, der sich bereits auf dem Streifen befindet oder davor wartet und ersichtlich die Fahrbahn überqueren will». Die Pflicht zum Handzeichen entfiel.

Gebessert hat sich nichts, im Gegenteil: 1995 übertraf die Zahl der Toten und Verletzten auf dem Streifen wieder die Tausendermarke – und fast die Hälfte der Opfer sind Kinder und Betagte. Die Umstellung brauche Zeit, besänftigte Bundesrat Arnold Koller im Nationalrat. Die Entwicklung schien ihm recht zu geben: Die Zahlen gingen leicht zurück.

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Jetzt aber schlägt die Polizei erneut Alarm. «Die Situation am Fussgängerstreifen ist ein Riesenproblem», sagt Helmut Riedel, Leiter Verkehrssicherheit im Baselbieter Tiefbauamt: 44 Fussgänger wurden 1998 auf Zebrastreifen verletzt – neun mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Toten stieg von null auf vier.

Zu viele fahren zu schnell
Ähnlich tönt es im Kanton Solothurn. Herbert Ris, Chef Verkehrstechnik bei der Kantonspolizei, spricht von einer «Verrohung des Verkehrsklimas». 53 Unfälle am Streifen zählte die Polizei im Vorjahr – eine Zunahme um 22. Auch der Kanton Bern registriert sechs Verletzte und einen Toten mehr. «Bei Zebrastreifen wird nach wie vor zu schnell gefahren», sagt Polizeimajor Max Roth.

Aufschlussreich ist eine Analyse der Kantonspolizei Zürich. Sie verglich die Zeitspannen vier Jahre vor und vier Jahre nach der neuen Vortrittsregel. Fazit: zehn Prozent mehr Unfälle, fünf Prozent mehr verletzte Fussgänger.

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Ob diese Zahlen eine nationale Trendwende andeuten, ist noch unklar. Die 98er Auswertung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) steht noch aus. Sicher ist: «Es gibt wieder mehr Unfälle am Zebrastreifen, betroffen sind aber nicht unbedingt Fussgänger», sagt Annemarie Icen vom Bundesamt für Statistik. Robert Weber, Chef Verkehrstechnik der Kantonspolizei Zürich, bestätigt: «Die Zahl der Auffahrunfälle steigt massiv.» Eine Vollbremsung kann zwar den Fussgänger verschonen, dafür gibts Blechschäden – und immer mehr Lenker mit einem Schleudertrauma.

Die Experten rätseln. Warum greift die neue Regel nicht? «Eine Verhaltensänderung ist ein längerer Prozess», sagt bfu-Verkehrsexperte Christian Huber. «Der Fussgängervortritt ist noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen», glaubt auch Max Roth von der Berner Kantonspolizei. Andere orten das Problem beim Vollzug. «Mit neuen Gesetzen ist’s nicht getan», sagt Hans-Peter Furrer, Chef der Aargauer Verkehrspolizei, «man muss diese auch durchsetzen.» Das versucht Furrers Truppe, indem sie regelmässig kontrolliert, ermahnt und verzeigt. Doch auch im Aargau stagnieren die Unfallzahlen auf hohem Niveau.

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Möglich ist auch, dass die präventive Wirkung der im Herbst 1996 massiv erhöhten Bussen schon wieder verpufft ist. Die Anhaltebereitschaft der Autofahrer ist jedenfalls äusserst schlecht: «Durchschnittlich dreissig Prozent», registrierte die bfu 1997 bei Tests an diversen Streifen. Die Unfallverhüter gehen davon aus, dass rund die Hälfte der Autofahrer den Fussgängern den Vortritt lässt. Die bfu strebt einen Wert von 85 Prozent an.

Zebrastreifen müssen weichen
Diverse Polizeistellen versuchen es jetzt mit einer ganz neuen Strategie: «Weniger Zebrastreifen, weniger Unfälle», lautet das Rezept. Bereits wurde die gelbe Markierung in verschiedenen Zürcher Orten weggefräst. «Momentan rigoros» ist laut Helmut Riedel auch die Baselbieter Kantonspolizei: «Solang die Ursache der vielen Unfälle unklar ist, lehnen wir jeden Wunsch nach neuen Streifen ab.» Ähnlich tönt es bei der Solothurner Polizei. «Vielleicht wäre weniger mehr», sagt Herbert Ris. Bei der heutigen Streifendichte werde die Konzentration der Autofahrer arg strapaziert.

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Fussgängerlobby protestiert
Solche Voten bringen die Fussgängerlobby in Rage. «Nur weil Raser Unfälle verursachen, sollen die Zebrastreifen verschwinden», ärgert sich Daniel Grob von der Arbeitsgemeinschaft Recht für Fussgänger: «Das Wegnetz der Fussgänger sollte den Standort für einen Streifen vorgeben.» Ähnlich argumentiert auch Peter Schneider vom Verkehrsclub der Schweiz (VCS): «Die Zebrastreifen sind Brücken zwischen Häusern, Läden und Parks.» Und diese Brücken dürften auf keinen Fall verschwinden.

Doch auch beim Bundesamt für Strassen tönt es mittlerweile etwas anders. Ziel sind nicht viele, sondern sichere Brücken. «Wir müssen überprüfen, ob die Zebrastreifen richtig plaziert und ausgebaut sind», sagt Peter Friedli. Deshalb wird die entsprechende Baunorm überarbeitet. Eine Gruppe um den ETH-Experten Ivan Belopitov hat sich bereits an die Arbeit gemacht. Belopitov: «Am Schluss sollen zwei Checklisten vorliegen – eine für bestehende und eine für neue Fussgängerstreifen.» Die Stossrichtung für eine Revision hat die bfu bereits 1997 aufgezeigt. Sie schlägt vor:

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  • Mittelinseln auf dem Zebrastreifen – sofern die Strasse breit genug ist oder der Strassenrand verlegt werden kann.
  • Die Fussgänger sollten nach links mindestens 100 Meter weit sehen können.
  • Das Signal «Fussgängerstreifen» muss ins Blickfeld der Autofahrer verlegt werden (auf der Mittelinsel oder über der Fahrbahn) und auf 100 Meter sichtbar sein.
  • Lichtsignal bei Streifen, die über mehr als zwei Fahrspuren führen.
  • Gute Beleuchtung des Zebrastreifens.


Mit Baunormen allein werden die Zebrastreifen allerdings nicht sicherer. Das weiss auch Bundesrat Koller: «Leider gibt es noch immer rücksichtslose Autofahrer», klagte er im Parlament, «leider gibt es aber auch Fussgänger, die wie Hühner über den Streifen gehen.»