Darüber kann Alfons Piller nicht einmal lachen: Am 20. August übergibt der Schweizer Heimatschutz den Wakkerpreis an die Schweizerischen Bundesbahnen für ihr «überdurchschnittliches Engagement im Bereich Baukultur». Piller hingegen lernte als Mitbesitzer des historischen Stammsitzes der Walliser Baronsfamilie von Werra die SBB von einer anderen Seite kennen: Keine zehn Jahre nachdem das Schlösschen mit Unterstützung von Bund und Kanton aufwändig restauriert worden war, begannen die SBB im Jahr 2001 damit, einen neuen Tunnel nach Leuk zu sprengen. Plötzlich hatte das Vorzeigeobjekt überall Risse. Doch die Bahn weigert sich, einen Zusammenhang zwischen Schäden und Tunnel zu sehen.

Es braucht kein geschultes Auge, um die Risse zu erkennen. Sie verteilen sich über alle Mauern des Kleinods. Besonders ärgerlich: Anfang der neunziger Jahre war der Mayorshof unter der Leitung des eidgenössischen Denkmalpflegers aufwändig restauriert worden. «Es gibt nur eine Hand voll vergleichbarer Häuser, doch keines ist so schön restauriert und wird so gut gepflegt», sagt der Lausanner Professor für Kunstgeschichte Gaëtan Cassina.

Beste Noten für den Schlossbesitzer
An der Restauration mit 40 Prozent beteiligt waren nationale und kantonale Denkmalpflege. Allein dem Miteigentümer Piller bezahlten Bund und Kanton eine Viertelmillion, damit das Schlösschen wieder in altem Glanz erstrahle. Diese Zahlung machte die öffentliche Hand davon abhängig, dass die richtige Mischung für das Mauerwerk benutzt werde: eine Mischung auf Kalkbasis, die seit Jahrzehnten verwendet und von Spezialisten der ETH für historische Bauten empfohlen wird. Das hinderte Vertreter der Bahn nicht daran, zu behaupten, bei den Renovationsarbeiten sei das falsche Material verwendet worden.

Norbert Jungsten, verantwortlich für die Denkmalpflege im Oberwallis, lobt noch heute die Zusammenarbeit mit Eigentümer Piller: «Er sah nie aufs Geld, sondern wollte, dass die Arbeiten fachmännisch ausgeführt würden. Ich kenne im Wallis niemanden, der mehr Freude an seinem Objekt hat, das unter Schutz steht.» Für den Fachmann, der nach eigenen Angaben den Bau in- und auswendig kennt, besteht kein Zweifel daran, dass die Schäden nur im Zusammenhang mit dem Tunnelbau stehen können. Auch für den renommierten Restaurator Roland Lochmatter aus Raron ist der Fall klar: «Das Gebäude hat seit dem Tunnelbau dermassen viele Risse im Mauerwerk, dass diese nur davon kommen können.»

Bereits im Juni 2002, als die Sprengungen noch im Gang waren, schrieb Alfons Piller den SBB, das restaurierte Schlösschen habe wegen der vielen Detonationen plötzlich unzählige Risse in den Mauern. Er warnte, die Spalten weiteten sich mit jeder weiteren Sprengung bedenklich aus. «Wir bitten Sie deshalb, unverzüglich einen Augenschein zu nehmen.»

Doch die SBB vertrösteten ihn: «Der Verantwortliche weilt gerade in den Ferien.» Unterdessen gingen die Sprengungen munter weiter. Erst drei Wochen später bekam Piller eine Antwort, da waren bereits 80 Prozent des Tunnels ausgebrochen. «Die bisherigen Sprengungen fanden innerhalb der gültigen Normen statt. (…) Ein Zusammenhang zwischen den festgestellten Rissen jeglicher Art und den Sprengungen im Leuker Tunnel ist nicht gegeben», schrieb der SBB-Projektleiter. Grund für die Risse könnten vielmehr «natürliche Spannungszustände, Erschütterungen durch den Strassenverkehr oder Witterungseinflüsse sein», nicht aber der Bau des Eisenbahntunnels. «Weshalb stellten die SBB nicht von Beginn an Messgeräte auf?», fragt sich Piller.

Einen Monat nach dem Hilferuf Pillers liess die Bahn doch noch Gipssiegel anbringen. Sobald eine Hausmauer auseinander bricht, reissen diese Siegel. Genau das passierte bald. Für die Bahn dennoch kein schlüssiger Beweis. Erst ein halbes Jahr später kamen die Verantwortlichen zum Augenschein und stellten fest: Das Gebäude sei 200 Meter von der Front der Sprengarbeiten entfernt, ein Zusammenhang zwischen den Rissen und den Tunnelarbeiten sei deshalb auszuschliessen.

Dem widerspricht Peter Teuscher, Geschäftsführer der BLS-Alptransit, die den Lötschberg-Basistunnel baut. «Man muss jeden Einzelfall ganz genau analysieren. Je nach Geologie bleibt ein Haus in der Nähe der Tunnelachse verschont, ein anderes, das weiter weg liegt, kann aber betroffen sein.»

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Die SBB spielen auf Zeit
Teuscher muss es wissen: Im Walliser Dorf St.German hatte sich im Winter 2001 wegen der Arbeiten am Lötschbergtunnel das Gelände gesenkt. Die Tunnelbauer hatten dem Berg Wasser entzogen, der Grund des über dem Tunnel liegenden Dorfs begann sich zu senken. Über 150 Häuser mit Schäden zählten die Ingenieure schliesslich. Trotzdem lobt Restaurator Lochmatter, der in St.German alle Hände voll zu tun hat, die Tunnelbauer: «Die BLS-Alptransit ist sehr kulant und hat sämtliche Schäden an den Häusern bezahlt.» Bis heute ist in St.German kein einziger Fall vor Gericht gelandet. Nicht so in Leuk: Dort ziehen die Eigentümer des Mayorshofs die SBB jetzt vor Gericht.

Nach dem gescheiterten Augenschein beauftragten die Eigentümer des Mayorshofs nämlich den Rechtsanwalt und alt Nationalrat Peter Jossen, er solle gegen die Verzögerungstaktik der Bahn vorgehen. Doch es verging über ein Jahr, bis ein Treffen zwischen den SBB und den Hausbesitzern zustande kam. Anwalt Jossen: «Die Bahn behandelte die Betroffenen schäbig, hielt sie hin, doch damit wuchs nur deren Ärger.»

Im Mai 2005 machten die SBB doch noch ein konkretes Angebot: Die Bahn bezahle ein Gutachten und einen Vorschuss für den geschätzten Schaden in der Höhe von 119'000 Franken. «Die SBB anerkennen allfällige Schlussfolgerungen dieses Gutachtens und tragen jene Kosten, für welche nachweislich die Bauarbeiten am Tunnel Salgesch–Leuk auslösend waren», erklärte SBB-Sprecher Roland Binz. Doch die Eigentümer müssten sich verpflichten, das Gutachten zu akzeptieren. Und fällt es zu ihren Ungunsten aus, müssen sie den Vorschuss zurückzahlen und die Kosten für Gutachten und Anwalt übernehmen.

Deshalb ist dies für Alfons Piller nur auf den ersten Blick eine gute Lösung: «Würden wir einwilligen, wären wir allein von diesem Parteigutachten abhängig – ein Blankocheck für die Bahn.» Die Eigentümer verlangen, dass nicht allein diese Expertise zählt, sondern auch die Aussagen von Zeugen und neutralen Fachleuten berücksichtigt werden.

In der Begründung für die Vergabe des Wakkerpreises an die SBB lobt der Heimatschutz: «Im Selbstverständnis der SBB nehmen die historischen Bauten und deren respektvolle Pflege einen festen Platz ein.» Alfons Piller wird zu Hause bleiben, wenn der Heimatschutz in Zürich seine Lobrede halten wird. Definitiv.

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