Druck aus den USA war nicht nötig. Vier Tage nach den Anschlägen vom 11. September setzte der Bund mit der Task-Force «Terror USA» alle Hebel in Bewegung, um allfällige Schweizer Konten des Terrornetzwerks al-Qaida aufzudecken.

Die US-Behörden nahmen sich mehr Zeit. Erst am 24. September 2001 brachten die Geheimdienste erste Listen mit verdächtigen Personen und Organisationen in Umlauf, deren Vermögenswerte zu blockieren seien. Inzwischen wurden 18 «Bush-Listen» weltweit an Finanzintermediäre weitergereicht.

In der Schweiz erinnerte man sich zuallererst an eine islamische Entwicklungshilfeorganisation, die zunächst gar nicht auf den US- und Uno-Listen auftauchte: die Nada Management Organisation mit Sitz in Lugano TI und Verbindungen zu weiteren Offshore-Firmen in Liechtenstein und auf den Bahamas. Bereits früher – damals noch unter dem Namen Al-Taqwa Management Organisation – stand die Firma im Verdacht, Beziehungen zu islamistischen Terrorgruppen zu pflegen. Recherchen der Bundespolizei und der Eidgenössischen Bankenkommission im Jahr 2000 hatten aber keine Beweise zutage gefördert.

Aufgrund «neuer Hinweise auf strafrechtlich relevantes Verhalten» schlug Bundesanwalt Valentin Roschacher am 7. November 2001 mit einem internationalen Polizeiaufgebot zu. In Lugano, Muri BE, Campione (Italien) und Vaduz (Fürstentum Liechtenstein) wurden Firmen- und Privaträume der Al-Taqwa/Nada durchsucht, Dokumente beschlagnahmt und zahlreiche Konten gesperrt. Ein formelles Strafverfahren gegen die beiden Firmenchefs Youssef Nada und Ali Ghaleb Himmat war bereits Ende Oktober eröffnet worden.

Unbeteiligte im Visier
Die Polizeiaktion erfolgte unter Zeitdruck, denn Anfang November hatte Washington angekündigt, die Firma auf eine aktualisierte Liste zu setzen, die wenige Tage später veröffentlicht werde. Verursacht hatte die Schweiz dieses Listing allerdings selber: An einer kurzfristig anberaumten Medienkonferenz vom 8. November legte Bundesanwalt Roschacher dar, dass er drei Rechtshilfegesuche in dieser Sache an die USA gerichtet habe.

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Das Listing von Al-Taqwa/Nada hatte für weitere Personen fatale Folgen: Auch die Vermögenswerte der Nada-Verwaltungsräte Mohamed Mansour, seiner Ehefrau Zeinab Mansour sowie des ehemaligen Bundeshausjournalisten Ahmed Huber wurden vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) blockiert, obwohl gegen diese Personen strafrechtlich gar nicht ermittelt wurde. Seither kämpft der als «global terrorist» an den Pranger gestellte ehemalige ETH-Professor Mohamed Mansour, ein international anerkannter Automatikfachmann mit Schweizer Pass, um seinen Ruf. Die Mansours waren in der inzwischen liquidierten Al-Taqwa Vorzeigefiguren, die das Mandat aus Gefälligkeit gegenüber Nada angenommen hatten.

Keine Verbindung zu al-Qaida
Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Schweizer Grossfahndung in Sachen Terrorgelder ein Schlag ins Wasser ist. Die Bundesanwaltschaft in Bern gibt sich zugeknöpft. «Wir haben seit Beginn unserer Arbeit 40 Konten mit rund 15 Millionen Dollar blockiert», sagt die stellvertretende Informationschefin Andrea Sadecky. «Gegen zwei namentlich bekannte sowie gegen einige weitere, namentlich nicht genannte Personen laufen strafrechtliche Ermittlungen.» Wie viel des blockierten Geldes effektiv mit al-Qaida in Verbindung gebracht werden kann, will Sadecky nicht sagen. Keinen Kommentar gibt es auch zu der Frage, wie viele der von der Bundesanwaltschaft angeordneten Kontensperrungen aufgrund mangelnder Beweise wieder aufgehoben werden mussten.

Auch der Bericht «Innere Sicherheit der Schweiz», den das Bundesamt für Polizei diesen Sommer veröffentlichte, hält fest, dass in der Schweiz bislang «keine Strukturen oder Einzelpersonen» festgestellt worden seien, «die direkt mit Osama Bin Ladens Organisation al-Qaida in Verbindung gebracht werden könnten».

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Meldestelle für Geldwäscherei, das Bindeglied zwischen den Finanzintermediären und den Strafverfolgungsbehörden. «Von September bis Dezember 2001 gingen 95 Meldungen von Finanzintermediären ein, die eine in den Listen erwähnte Person betreffen könnten», heisst es im Jahresbericht 2001. «In zahlreichen Fällen konnte die Bundesanwaltschaft den Verdacht entkräften, in einigen Fällen laufen noch Untersuchungen.»

Vorsichtiger in anderen Fällen
Über allfällige Erfolge im Jahr 2002 will sich die Stelle nicht äussern. Anfang September erklärte Bundesanwalt Roschacher in Washington das ernüchternde Fahndungsergebnis damit, dass al-Qaida offenbar schon vor den Terroranschlägen den grössten Teil des Vermögens in Gold und Diamanten umgewandelt habe.

Weit vorsichtiger agierte Bern in einer weiteren angeblichen Swiss Connection. Obwohl von Medien und Buchautoren längst mit Osama Bin Ladens Netzwerk in Verbindung gebracht, blieb dessen in Genf wohnhafter Halbbruder Yeslam Bin Laden von den Behörden verschont. Erst als Frankreich ein formelles Rechtshilfegesuch wegen Verdachts auf Geldwäscherei an die Schweiz richtete, rang sich die Bundesanwaltschaft diesen März zu einer grösseren Polizeiaktion durch, betonte aber, dass in der Schweiz kein Verfahren geführt werde.

Offenbar ebenfalls zu wenig konkret, um ein formelles Strafverfahren zu eröffnen, ist der Verdacht gegen den Geschäftsmann Ahmed Idris Nasreddin, der ein weit verzweigtes Firmennetz mit Sitzen im Tessin, in Italien, dem Fürstentum Liechtenstein und in weiteren Ländern kontrolliert. Interessant: Auch Nasreddin geriet erst auf die Sanktionslisten der USA und der Uno, nachdem Schweizer Beamte am 18. April 2002 eine der Firmen in Chiasso durchsucht hatten.

Konten bleiben vorerst gesperrt
Obwohl die Strafverfolgungsbehörden bis heute kaum konkrete Erfolge bei der Suche nach Terrorgeldern vorweisen können, muss sich das Seco auch bezüglich weiterer 32 Kontensperrungen (rund 34 Millionen Franken) nicht rechtfertigen. «Wenn vor einem Listing erst ein Urteil vorliegen müsste, wäre das Geld längst abgezogen», begründet Othmar Wyss vom Seco das Vorgehen.

Umso schwieriger ist die Situation der von Kontenblockaden betroffenen Personen. Solange sie als Verdächtige auf den US- und Uno-Listen stehen, bleibt das Geld gesperrt. Bislang gab das Seco erst neun Konten von afghanischen Banken frei, die schon vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon blockiert worden waren. Die Mansours hingegen belegten auf der zum Jahrestag der Anschläge aktualisierten Uno-Terroristenliste noch immer Rang 51 und 53, Osama Bin Laden figuriert auf Rang 71.

Inzwischen haben die Untersuchungsbehörden die Massnahmen gegen Ahmed Huber und das Ehepaar Mansour ein wenig gelockert, und das US-Finanzministerium signalisierte im August erstmals die Erwägung eines «De-Listing». Unter den sieben Namen, die am 11. September 2002 von der Liste gestrichen wurden, befand sich aber kein einziger mit Schweizer Bezug.

Derweil sind sich die meisten Geldwäscherei-Experten einig: Die Organisation al-Qaida benutzt für ihre Geldtransfers gar nicht das westliche Bankensystem, sondern das uralte islamische Tauschsystem Hawala – und diese global tätige Bank hinterlässt keine Transaktionsspuren.