Superlative allenthalben. Vom «fundamentalsten Eingriff in die glarnerischen Strukturen auf 100 Jahre zurück» ist die Rede, von «Sensation», «Quantensprung» und einem «schweizweit einmaligen Entscheid». Ganz Glarus, verschrien als konservativer Kanton, rieb sich die Augen.

Soeben, an einem Sonntag im letzten Mai, genau um 13.47 Uhr, wie der Lokalredaktor akribisch notierte, hatten sich die Glarnerinnen und Glarner an die Spitze der reformfreudigen Kantone katapultiert. Zumindest, was die Reorganisation der Gemeindestrukturen angeht. Nicht zehn Gemeinden - wie vom Glarner Parlament, dem Landrat, vorgeschlagen - sollte ihr Kanton in Zukunft aufweisen, sondern gerade mal noch deren drei. «Heute stehen wir an der Spitze der Schweiz», sagte an jenem Sonntag Regierungsrätin Marianne Dürst stolz und bewegt in die Kameras des Schweizer Fernsehens.

«Am Reissbrett entworfen»



Seit diesem Entscheid gehen die Wogen hoch im beschaulichen Glarnerland. «Ich bin überzeugt, dass nicht zu viel Geschirr zerschlagen wurde», sagt Kurt Reifler. Reifler ist der Mann, der das Dreiermodell ausgeheckt hat: «Beim weniger radikalen Zehnermodell wären die grösseren Gemeinden von Fusionen verschont geblieben. Dies hätte zu bösem Blut und tieferer Akzeptanz in der Bevölkerung geführt.» Beim Dreiermodell hingegen müssten sich alle zusammenraufen, so Reifler. Ein entscheidender taktischer Vorteil.

Der Erfolg an der Landsgemeinde scheint ihm Recht zu geben. Wie zufrieden aber die Glarnerinnen und Glarner im Nachhinein mit ihrem Fusionsbeschluss tatsächlich sind, darüber scheiden sich die Geister. «In der Bevölkerung herrscht mancherorts Aufbruchstimmung, viele Gemeindebehörden stehen dem Entscheid aber eher skeptisch gegenüber», sagt Urs Kundert, Leiter der kantonalen Fachstelle für Gemeindefragen. Er bezeichnet diese Skepsis als grösstes Problem bei der Umsetzung des Volksentscheids - neben dem Fehlen eines Vorbilds für die Fusion und der Frage nach der neuen Aufgabenteilung zwischen dem Kanton und den neuen Gemeinden. Vorbehalte äussert auch Sigisbert Lutz, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands: «Fusionen müssen von der Basis kommen. Im Fall von Glarus jedoch wurde die Fusion am Reissbrett entworfen.»

Die SVP profitiert



Gegen den Entscheid der Landsgemeinde ist beim Verwaltungsgericht eine - inzwischen abgewiesene - Stimmrechtsbeschwerde eingegangen. Viele vermuten den Glarner Anwalt Erich Leuzinger hinter der Beschwerde, er selber will dies weder dementieren noch bestätigen: «Wer den Beschluss in Frage stellt, wird als schlechter Demokrat angefeindet», sagt Leuzinger. Dabei wäre nach seiner Ansicht eine Diskussion dringend nötig. Kaum fünf Zeilen seien über das Dreiermodell in den Abstimmungsunterlagen gestanden. Das Stimmvolk sei schlicht überfahren worden.

Leuzinger ortet in der Bevölkerung Ratlosigkeit, Enttäuschung und eine breite Stimmung gegen die Radikallösung. Als Beleg nennt er die Resultate der Landrats- und Gemeinderatswahlen von Ende Mai. Hatte sich Glarus an der Landsgemeinde noch als Speerspitze der progressiven Kräfte profiliert, folgte zwei Wochen später der konservative Gegenschlag. Zur Wahlsiegerin kürten die Glarnerinnen und Glarner mit markanten Sitzgewinnen ausgerechnet die SVP, notabene jene Partei, die sich als einzige gegen die Gemeindefusionen ausgesprochen hatte.

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