Gen-Soja und Gen-Mais sind Schnee von gestern. Zwar liefern die beiden Nutzpflanzen den Löwenanteil der gentechnisch hergestellten Zusatzstoffe (Lezithin, Stärke, Zucker), doch wird in den Gentech-Laboratorien längst an neuen Produkten geforscht – trotz allen Protesten von Konsumentenseite.

Am meisten Aufsehen erregt hat wahrscheinlich das kalorien- und alkoholreduzierte Gentech-Bier «Nutfield Lyte» der gleichnamigen englischen Brauerei oder der Rieslingwein des Instituts für Rebenzüchtung im deutschen Geilweilerhof. Bei beiden Produkten, so wurde kritisiert, manipuliere die Wissenschaft ein Kulturgut: «Gentechnik – Prost Mahlzeit!» (Motto der Kampagne in Bayern).

Australien, Frankreich, Israel, Kanada, Spanien, Südafrika und die USA sind beim Wein bereits weiter: In fünf bis maximal zehn Jahren soll der erste Gentech-veränderte Tropfen im Handel erhältlich sein. Vielleicht sogar mit Hefe als Zusatzstoff. Beim Bier sind die Brauereien zurückhaltender: Die Hochleistungshefe bringt (noch) genügend Leistung. Trotzdem sind zwei Hefearten bis zur «Praxisreife» optimiert, und fünf befinden sich «in der Entwicklung».

Genmanipulierter Reis
Von der Öffentlichkeit weniger beachtet wird eine viel bedeutendere Manipulation. Sie betrifft nämlich das Weltnahrungsmittel Nummer eins: den Reis. Die ETH Zürich zum Beispiel hat eine Sorte entwickelt, die Vitamin A im Reiskern anreichert. Ziel des Eingriffs in die Natur: Die auf Mangelernährung zurückzuführenden Sehstörungen bei Menschen in Entwicklungsländern sollen vermieden werden. Es ginge auch anders: Ungeschälter Reis – so wie er natürlich wächst – enthält Vitamin A in ausreichender Menge.

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Ein anderer Reis kommt aus Japan: Dank einem Gen aus der Sojapflanze kann er das Dreifache an Eisen speichern; eine Portion soll so bis zu 50 Prozent des Tagesbedarfs eines Erwachsenen decken.

Doch auch bei andern Vitaminen ist den Forschern die Natur nicht gut genug. So kommt ein Grossteil der Vitamine B6 und B12 bereits heute aus dem Labor. Chemisch sind die beiden Stoffe nur in aufwändigen und kostspieligen Verfahren herstellbar, mit manipulierten Bakterien geht es einfacher und billiger. Neu entwickelt wurde auch ein Verfahren für Vitamin B2 durch «massgeschneiderte Bakterienstämme», wie der Basler Chemiemulti Hoffmann-La Roche schreibt.

Rote Eier und andere Ideen
Am meisten Hoffnung setzen die Forscher aber in Enzyme aus der Genküche – über 30 verschiedene werden bereits verwendet. Xylanase etwa sorgt dafür, dass das Brot schön braun und länger haltbar wird, und Transglutaminase – seit zwei Jahren auf dem Markt – wird gebraucht, um Fleischstücke zu einer kompakten Wurst zu verkleben. Der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks befürchtet, dass «unser tägliches Brot bald nur noch mit genmanipulierten Zutaten auf den Tisch kommt».

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Auch in die Käsetechnologie will das Niederländische Institut für Lebensmittelwissenschaften «frischen Wind» bringen: Ein gentechnisch verändertes Milchsäurebakterium soll den Reifeprozess von Käse verkürzen. Die Schweizer Käser wehren sich dagegen. Bis heute verwenden sie das natürlicherweise im Kälbermagen vorkommende Enzym Lab und verzichten auf das im Labor hergestellte Enzym, obschon es seit 1988 bewilligt und im Fachhandel als «Maxiren», «Chymax» oder «Chymogen» erhältlich ist.

Nicht mehr aufzuhalten ist die Gentech-Revolution andernorts: Neu entwickelt sind etwa kernlose Tomaten, Kartoffeln mit mehr Stärke, koffeinfreie Kaffeebohnen, schärferer Pfeffer, Raps mit Vitamin A und Mais mit verbesserter Eiweisszusammensetzung. Zum Osterfrühstück eignet sich ein Ei, das dank der Purpurschnecke rot ist, und für die «schlanke Linie» wird in den Niederlanden aus Gentech-Rüben kalorienarmer Zucker isoliert.

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Mit Gentechnologie gegen Schädlinge
Weiter wird eine ganze Palette von Früchten in den Genlabors gegen mögliche Schädlinge resistent gemacht. Die Liste reicht von Ananas bis Papaya. Apfel, Birne und Melone sollen – wie die Antimatsch-Tomate «Flavr Savr» des US-Konzerns Calgene – am schnellen Reifen gehindert werden. Und die Erdbeere ist dank dem Antifrost-Gen der Flunder vor Kälte geschützt.

Für den Gentech-Apfel sind in Grossbritannien und in den Niederlanden bereits Freisetzungsversuche beantragt. Die manipulierte Melone soll demnächst in Spanien, Italien und Frankreich, die Erdbeere in Italien, Spanien und Schottland ausgesetzt werden. Ausser bei der Melone sind in der EU bei allen Früchten vorerst keine Zulassungen zu erwarten.

Die USA sind Gentech-freundlicher. Forscher des Boyce-Thompson-Instituts in Ithaca (New York) haben eine Gentech-Banane gemacht, die gleichzeitig Impfstoff gegen Cholera ist. Erste Versuche sollen erfolgreich verlaufen sein. Die Kartoffel soll – Gentechnik sei Dank – zur Schluckimpfung gegen Diarrhöe und Cholera werden, Soja zum Herpesmedikament. Tabak soll Karies verhindern und eine Tomate gegen die Tollwut eingesetzt werden.

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1983 begann das Gen-Food-Zeitalter still im Labor. Heute werden auf 27,8 Millionen Hektaren gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Und es werden immer mehr. Soja zum Beispiel soll bereits zu knapp 40 Prozent aus Gentech-Pflanzen stammen.

Das Angebot ist also reichlich vorhanden. Die Krux ist nur: Mit der Nachfrage hapert es gewaltig. Mehr als die Hälfte der Konsumenten will nämlich gar kein Gentech-Essen auf dem Tisch. Das zeigt eine Umfrage des führenden Gentech-Multis Monsanto. Auch der Gentech-freundliche Nahrungsmittelmulti Nestle musste einsehen, dass sein Schokoriegel «Butterfinger» kein Kultprodukt wird: Mangels Nachfrage wurde er bereits wieder vom Markt zurückgezogen.