Ganz in Orange, die Flügelränder schwarz gesäumt und weiss gepunktet, gaukelt er über die Felder und Wiesen Nordamerikas und tut keiner Fliege was zuleide: der Monarchfalter. Von Grösse und Verbreitung mit unserem Schwalbenschwanz vergleichbar, war der Schmetterling vergangenen Mai Mittelpunkt einer Sensationsmeldung

Eine Forschergruppe um John Losey hatte nämlich herausgefunden, dass den Raupen des Monarchen der Blütenstaub von gentechnisch verändertem Mais nicht bekommt: Nach der Fütterung mit Wolfsmilchblättern, die mit dem Maispollen bestäubt waren, ging nach vier Tagen fast die Hälfte der Raupen ein, und die Uberlebenden waren angeschlagen. Die Raupen der Kontrollgruppe dagegen frassen munter an den pollenfreien Blättern weiter.

Der Blütenstaub, der der Raupe zum Verhängnis wurde, stammte vom so genannten Bt-Mais. Bt steht für Bacillus thuringiensis, ein Bodenbakterium, das für einige Insektenarten giftig ist – speziell für den ungeliebten Maiszünsler. Dem Mais wurde ein Bt-Gift-Gen ins Erbgut geschleust, das in sämtlichen Pflanzenteilen – also auch im Blütenstaub – seine Wirkung entfaltet.

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Botschaft bringt Klarheit
Noch wird in der Schweiz keine gentechnisch veränderte Nutzpflanze angebaut. Das könnte bald ändern. Im Dezember will der Bundesrat die Botschaft zu den Gesetzesanpassungen veröffentlichen, die den Umgang mit der Gentechnologie im ausserhumanen Bereich regeln. Diese Genlex-Vorlage wird unter anderem festschreiben, ob transgene Nutzpflanzen kommerziell angebaut werden dürfen.

Die Monarchraupen starben zu einem für die Gentech-Industrie denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Sie haben in den USA und in Europa die Debatte um die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen gehörig aufgeheizt. Die Insekten sind zwar «nur» unter Laborbedingungen verendet, was die Gentech-Befürworter auch ausgiebig bemängelten. Doch die Wolfsmilch, die einzige Futterpflanze der Raupe dieses beliebten Schmetterlings, ist an Maisfeldern allgegenwärtig. Und da der Pollen durch den Wind verfrachtet wird, lagert er sich auch auf der Wolfsmilch ab.

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Das Pollenflugproblem sei im Grunde genommen bloss eine Frage des Abstands, relativiert Arthur Einsele, Kommunikationschef von Novartis Seeds. Zehn Meter vom Maisfeld entfernt habe das Institut für Umweltchemie im deutschen Freiburg nämlich lediglich noch 0,05 Prozent des gentechnisch veränderten Maispollens gefunden. Das decke sich mit eigenen Messungen, die Novartis Seeds in den USA und in Argentinien durchgeführt habe. «Wir sind deshalb der Meinung», so Arthur Einsele weiter, «dass die Umgebung in einer Entfernung von über 50 Metern bereits pollenfrei ist.»

Eric Wyss vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau stellt das grundsätzlich nicht in Abrede. Aber: «Im amerikanischen Korngürtel herrschen andere klimatische Voraussetzungen. Der Wind ist in diesen offenen Gebieten oft sehr stark, was den Pollen bis zu 200 Meter weit verfrachten kann. Zudem wachsen auch in einem 50 Meter breiten Streifen neben dem Maisfeld Futterpflanzen für zahlreiche Insekten; sie könnten vom Bt-Pollen potenziell betroffen sein.»

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Tatsächlich ist die Monarch-Studie nicht die erste Untersuchung, die auf mögliche Risiken durch Bt-Mais hinweist. Angelika Hilbeck hat in einem zweijährigen Versuch an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau unter anderem räuberische Larven der Florfliege mit Larven des Maiszünslers gefüttert, die vorgängig am Bt-Mais knabberten. Die Florfliegenlarven gingen ein. Sie starben auch dann, wenn sie Larven des Baumwollwurms frassen, die ihrerseits gegenüber dem Bt-Gen immun waren.

Novartis-Test im Burgund
Novartis Seeds kommt zu einem anderen Schluss. «In unserem Feld im Burgund haben wir eben diese Resultate zu überprüfen versucht. Wir wurden jedoch nicht fündig», sagt Arthur Einsele. Tests über die Auswirkungen des Bt-Toxins machte Novartis im Rahmen des Zulassungsverfahrens bei so genannten Nichtzielorganismen: bei Wasserflöhen, Regenwürmern, Marienkäfern, Honigbienen, Springschwänzen. Der Monarchfalter war nicht dabei.

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Die Kontroverse um den amerikanischen Schmetterling hat die Umweltorganisation WWF Schweiz veranlasst, eine umfassende Studie in Auftrag zu geben. «Wir wollten wissen», so WWF-Mitarbeiterin Bernadette Oehen, «wie sich Bt-Mais in der Schweiz auf unsere Schmetterlinge auswirken könnte.»

Der Biologe Mathias Villiger hat für diese Untersuchung, die er in Zusammenarbeit mit Eric Wyss vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau erstellte, über 70 wissenschaftliche Arbeiten herangezogen. Fazit: Die Anwendung von Bt-Spritzmitteln im Biolandbau hat wenig Nebenwirkungen, weil sich das Gift im Sonnenlicht schnell verliert und weil das Mittel gezielt angewendet wird.

In der transgenen Pflanze ist das Bt-Toxin jedoch während der ganzen Vegetationszeit vorhanden. Es gebe Hinweise, so Villiger, «dass auch Nichtzielorganismen vom modifizierten Bt-Toxin-Gen geschädigt werden können».

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Villiger hat in der Schweiz 124 Schmetterlinge gefunden, die von Bt-Mais-Pollen betroffen sein könnten. Ihre Larven fressen während der Pollenflugzeit Pflanzen, die im Umfeld von Maisfeldern wachsen.

Ob sie tatsächlich gefährdet sind, müssen genauere Untersuchungen klären. 33 der 124 Schmetterlinge sind bereits heute stark gefährdet und 15 vom Aussterben bedroht. «Eine potenzielle Gefährdung etwa durch Bt-Mais wäre ein zusätzlicher Risikofaktor», sagt Eric Wyss.

Selbst die Bauern zögern
Umweltverbände wie WWF, Greenpeace, aber auch Pro Natura und Bio Suisse sind für ein generelles Anbauverbot von transgenen Nutzpflanzen. «Der Bauernverband», sagt Vizedirektor Josef Wüest, «ist für eine fünfjährige Denkpause, weil wir in der Landwirtschaft im Augenblick nichts von gentechnologisch veränderten Pflanzen wissen wollen.»

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Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft möchte noch weiter gehen. Es macht sich – wie im Sommer durch eine Indiskretion bekannt wurde – für ein zehnjähriges Moratorium von kommerziellen Freisetzungen stark. Novartis Seeds hält nichts von einer Auszeit. Arthur Einsele: «Ein Moratorium ist der falsche Weg.»

Der Bogen der Meinungen ist weit gespannt – doch wie entscheidet der Bundesrat? In seiner Rede am Jubiläumstag der Vogelwarte Sempach vom 6. Oktober sagte Bundesrat Moritz Leuenberger fast sibyllinisch: «Ein Moratorium mag eine politische Lösung sein, ein Kompromiss wie beispielsweise die Befristung des KKWs Mühleberg. Aber logisch ist es nicht.»

Fusionsgespräche zwischen Monsanto und Novartis

Die Pharmakonzerne Monsanto und Novartis führen gemäss einem Bericht des «Wall Street Journal» Gespräche über eine Fusion. Monsanto nimmt im Bereich der gentechnisch veränderten Nutzpflanzen eine wichtige Stellung ein. Unter anderem hat der im amerikanischen St. Louis ansässige Konzern acht transgene Maissorten auf dem Markt – vier davon enthalten das Bt-Toxin-Gen. Novartis hat zwei Sorten. Monsanto ist bekannt für die aggressive Vermarktung seiner Produkte. Mit seiner Gentech-Soja brachte der Konzern den europäischen Widerstand gegen Gentech-Food erst richtig in Fahrt.

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