Wir befinden uns im Jahr 2025 nach Christus. Die ganze Schweizer Landwirtschaft wird von Gentechpflanzen dominiert. Die ganze? Nein! Ein von Unbeugsamen bevölkertes Dorf im Zürcher Weinland hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Wie Asterix und Obelix machen Grüne und SVP-Mitglieder gemeinsame Sache: nicht gegen die Römer, sondern gegen eine Streitmacht der Saatgutmultis. So könnte es einmal heissen, wenn auf Schweizer Äckern nur noch Gentechraps, Gentechweizen und Gentechtomaten wachsen.

Rheinau heisst das verträumte Dorf an der Grenze zu Deutschland. Weinreben, rotes Fachwerk und viel Denkmalgeschütztes prägen die Gegend. In der Ebene glitzert der Rhein, der das Dorf in einer Schleife umspült. Bekannt geworden ist es durch die auf einer Insel vorgelagerte Benediktinerabtei mit Klosterkirche. Sie diente bis vor ein paar Jahren als kantonale psychiatrische Anstalt.

Der Zuzug von Pflegepersonal ist ein Grund dafür, dass hier die SP stärker geworden ist als die SVP. Und das will etwas heissen: Das Weinland gilt als Hochburg der bäuerlichen SVP im Kanton Zürich. Das Pfarrhaus im nur wenige Kilometer entfernten Laufen am Rheinfall hat den nachmaligen SVP-Kantonalpräsidenten Christoph Blocher hervorgebracht. Hier ist sein Humus. In Marthalen, dem Nachbardorf Rheinaus, erreicht die SVP bei Nationalratswahlen jeweils Traumquoten von über 50 Prozent. Hier ist die SVP noch eine Partei der Gewerbler und Bauern – hier ist sie zu Hause.

«Rumfummeln an der Natur»
Umso erstaunlicher ist, dass ausgerechnet in ihrem Stammland die SVP mit den Grünen am selben Strick zieht. Grund: Das Dörfchen Rheinau hat sich zur gentechfreien Zone erklärt. Die Bewirtschafter von 98 Prozent der Landwirtschaftsfläche haben sich verpflichtet, freiwillig auf den Anbau genmanipulierter Pflanzen zu verzichten.

Der Gemeinderat unterstützt das Vorhaben. Ebenso SVP-Ortsparteipräsidentin Priska Telser. «Wollen wir Gentechprodukte? – Wohl kaum», beantwortet sie ihre Frage gleich selber. «Leicht grün ist ja jeder irgendwie eingestellt», fügt sie an, als ob sie sich verpflichtet fühlte, ihre Meinung zu begründen. Immerhin weicht sie von der Haltung der Mutterpartei ab. Auch Stephan Rapold, eingeschriebenes SVP-Mitglied, einer von zwei ansässigen Bauern in Rheinau, macht mit bei der Aktion: «Gentechsaatgut nützt nur den Multis. Wir Bauern werden abhängig.» Und seine Frau Angelika sagt, vom «Rumfummeln an der Natur» halte sie rein gar nichts.

130 Hektaren Äcker und Wiesen Rheinaus gehören zum ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb des Klosters, den der Kanton Zürich der Stiftung Fintan vor sieben Jahren verpachtet hat. 35 geistig Behinderte arbeiten und leben auf dem anthroposophisch geführten Gutshof, zu dem auch ein Bio-Saatgutbetrieb gehört. «Der grösste Europas», fügt Biobauer Martin Ott an, der den zweiten ansässigen Landwirtschaftsbetrieb leitet. «Zurzeit bearbeiten wir biologisches Saatgut für 400 Gemüsesorten», sagt der ehemalige Kantonsrat der Grünen. Diese Pflanzen würden laut Ott «verseucht» und wären «unverkäuflich», sollten dereinst neben ihren Feldern Gentechpflanzen angebaut werden. Deshalb kam von diesem Betrieb die Idee einer gentechfreien Zone – zusammen mit Greenpeace.

Ausgerechnet! Greenpeace und Biobauern im Weinland. Und erst noch Anthroposophen à la Rudolf Steiner. Vor sieben Jahren, als die Leute im Klosterhof einzogen, befürchtete man «einen anthroposophischen Dominanzanspruch im Leben der kleinen Gemeinde», drückt es heute vorsichtig ein Dorfbewohner aus. Mit Leuten, für die die Konstellation der Gestirne zur Saat- und Erntezeit eine Rolle spielt, wollte man lieber nichts zu tun haben.

Der frühere SVP-Kantonsrat und heutige Nationalrat Christoph Mörgeli prophezeite gar «schwerste Spannungen nicht nur in der Gemeinde, sondern im ganzen Kanton Zürich», falls diese Leute dort einziehen sollten. Den Anthroposophen unterstellte er Rassismus und Sektierertum: «Hoffentlich muss der Kanton Zürich nicht auch noch erleben, dass das Universitätsspital dereinst an die Anhänger Uriellas verpachtet wird», schrieb er im SVP-Organ «Zürcher Bauer» unter dem Titel: «Rassisten auf der Rheinau?»

Die Anthroposophen zogen trotzdem ein. Doch betrat Biobauer Ott damals eine Beiz, wurde es still. Oder einzelne Gäste verliessen das Lokal. Der damalige SVP-Gemeindepräsident Rudolf Stäheli hingegen unterstützte das Projekt der «Fintanesen», wie der Volksmund die Leute auf dem Hof nennt, von Beginn weg. Die Quittung erhielt er postwendend: Er wurde nach acht Amtsjahren abgewählt. «Das habe ich etwas unterschätzt», sagt Stäheli heute.

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Nachahmer in der Nachbarschaft
Das war vor sieben Jahren. Mörgelis Prophezeiung ist ist nicht eingetroffen. Rheinau steht noch, Fintanesen und Rheinauer leben friedlich nebeneinander her. Und nun proben die Rheinauer zusammen mit Greenpeace und den Anthroposophen gar noch den Gentechaufstand. Als ob das für die ansässige SVP nicht alles schon Strafe genug wäre, findet das Beispiel Rheinaus bereits Nachahmer. Das benachbarte deutsche Jestetten hat allen Bauern, die Gemeindeland gepachtet haben, per Vertrag verboten, Gentechpflanzen anzubauen. Die übrigen Landwirte wurden angeschrieben und gebeten, freiwillig zu verzichten. Und im nahen Klettgau tut sich ebenfalls etwas: Die 18-jährige Steffi Vögele aus Neunkirch SH, Tochter eines Biobauern, recherchierte im Rahmen einer Maturaarbeit, wer in ihrer Gemeinde überhaupt Land besitzt oder bearbeitet. Diese Bauern hat sie soeben angeschrieben, ob sie bereit wären, auf Gentech zu verzichten. «Ich möchte mit meiner Aktion erreichen, dass Neunkirch gentechfrei bleibt.»

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Dieser Aktivismus gegen die Gentechnologie bringt die SVP in Verlegenheit, denn der Kampf des kleinen Dorfs zeigt exemplarisch den Riss auf, der in dieser Frage durch die Partei geht: Ihre Politiker bekämpfen die Gentechfrei-Initiative, viele Bauern unterstützen sie aber. Der Schweizer Bauernverband ist dafür, ebenso die Bäuerinnen und Landfrauen. Der Riss geht sogar durch Ueli Maurer hindurch: Als SVP-Präsident kämpft er gegen die Initiative, obwohl der Zürcher Bauernverband diese unterstützt. Und Maurer ist dort Geschäftsführer.

Die Partei versucht, den Spagat möglichst verdeckt zu machen. Der Andelfinger SVP-Kantonsrat Ernst Meyer, selber Landwirt, geht in akrobatischer Hinsicht noch einiges weiter. Er ist «dafür, dass wir Bauern gentechfrei produzieren». Aber trotzdem ist er gegen die Initiative. Weil so etwas nicht in die Verfassung gehöre. Das ist kein Spagat mehr, sondern ein Salto mortale.

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