«Mich haben gleich drei Anwälte veräppelt», erzählt Kurt Wernli (Name geändert), pensionierter Kaufmann aus dem Kanton Freiburg. Anfang März 2004 zeigte ihn aus heiterem Himmel ein Anwalt und Bekannter bei der Bundesanwaltschaft an wegen Drogenhandels und Geldwäscherei. Die Bundesermittler wischten die Anzeige innert 24 Stunden vom Tisch, weil sie auf «offensichtlich eher belanglose Vorkommnisse sowie Mutmassungen abstellt». Wernli nahm sich einen Anwalt und klagte den forschen Fürsprecher wegen Ehrverletzung ein. Doch bei der ersten Einvernahme vor Gericht zeigte sich, dass Wernlis Anwalt vergessen hatte, seine Vollmacht rechtzeitig einzureichen. Folge: Die Strafanzeige war ungültig und die Frist abgelaufen, um eine neue einzureichen. «Und jetzt soll ich auch noch das Honorar des Gegenanwalts von 2000 Franken bezahlen», empört sich Wernli.

Zu spät eingereichte Vollmachten, im falschen Kanton beantragte Eheschutzmassnahmen, verpasste Rechtsmittelfristen: Der Beratungsdienst des Beobachters erfährt immer wieder von Anwälten, die schlecht arbeiten. Dies deckt sich mit dem Resultat eines Praxistests des Beobachters bei 21 Anwaltskanzleien, der eine mitunter bedenkliche Qualität der Schweizer Anwaltschaft ergab: Ein Drittel der getesteten Rechtsvertreter schnitt ungenügend ab, und der Grossteil informierte nicht korrekt über den Stundentarif.

Eine weitere Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Publitest im Auftrag des Beobachters nun zusätzlich durchgeführt hat, bestätigt mehrheitlich die Resultate des Praxistests. Zwischen Ende Juli und Mitte August wurden 160 Gerichts-, Kammer- und Abteilungspräsidenten – rund die Hälfte der Vorsitzenden aller Gerichte der deutsch- und französischsprachigen Schweiz – telefonisch zur Qualität des Anwaltsstands befragt. Das Resultat: Es gebe nur wenig wirklich gute Anwälte, sagen die Richter. Kritisiert werden vor allem drei Punkte:

  • Nach Meinung von zwei Dritteln der befragten Richter verlangen Anwälte allzu häufig Fristverlängerung. Im Klartext: Sie arbeiten zu langsam.
  • Ebenfalls zwei Drittel der Richter kritisieren, dass die Rechtsschriften manchmal zu lang und zu ausufernd sind.
  • Jeder vierte Richter bemängelt die fachliche Qualität der Rechtsschriften.


Als häufigsten Anwaltsfehler nennen die Richter eine juristisch falsche, unhaltbare Argumentation. Drei weitere Fehler werden etwa gleich häufig erwähnt: Anwälte reichen Beschwerden ein, obwohl sie oder ihr Klient gar nicht legitimiert sind, sie verpassen Eingabefristen oder rufen ein Gericht an, das gar nicht zuständig ist.

Keine guten Noten also für den Anwaltsstand, und doch sieht sich der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) durch die Umfrageresultate bestätigt: «Die überwiegende Mehrheit der Anwälte ist (durchschnittlich) gut. Darin stimmen wir mit den Richtern überein. Durchschnittlich heisst aber nicht mittelmässig.» So wie es nur wenig hervorragende Richter, Ärzte und Journalisten gebe, so gebe es auch nur wenige herausragende Anwälte. Der richterlichen Kritik an den häufigen Fristverlängerungsgesuchen hält der SAV entgegen, diese seien Ausdruck der starken Belastung der Anwälte oder der Taktik.

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Zahm statt kritisch
Den Anwaltsverband stört auch nicht, dass Richter Rechtsschriften als zu lang wahrnehmen: «Sorgfältige und seriöse Prozessführung ruft danach, den Sachverhalt umfassend aufzuarbeiten.» Und selbst dass jeder vierte Richter die juristische Qualität der Rechtsschriften bemängelt, ist für den SAV nicht weiter bedenklich, denn «rund 74 Prozent aller Richter beurteilen die Eingaben der Anwälte mehrheitlich als gut».

So kritisch sich die Richter am Telefon bei der Befragung zeigen, so zahm sind sie, wenn es darum geht, Massnahmen gegen ihre Berufskollegen zu verhängen. Kein Wunder: In den kantonalen Aufsichtskommissionen, die auf Anzeige hin überprüfen, ob Anwälte ihre Berufspflichten verletzt haben, sitzen nämlich Richter – und teilweise wiederum Anwälte. Im Jahr 2004 verhängten diese Aufsichtsgremien bloss 35 Sanktionen. Nur gerade dreimal wurde einem Anwalt verboten, seinen Beruf weiter auszuüben, einmal geschah dies nur befristet. Der Rest sind Bussen, Verwarnungen und Verweise.

«Richter und Anwälte, die in Aufsichtskommissionen sitzen, haben sicher eine gewisse Beisshemmung gegenüber ihren Kollegen», sagt Franz Riklin, Strafrechtsprofessor an der Universität Freiburg zu dieser eher dürftigen Kontrolle der Anwältinnen und Anwälte. Und viele unsorgfältige Rechtsvertreter würden gar nicht erst angezeigt. «Die meisten Klienten, die einen Anwalt erleben, der seine Arbeit nicht richtig macht, wollen sich nicht mehr weiter damit befassen», begründet der Strafrechtsprofessor das Phänomen.

Riklins Eindruck einer kollegialen Beisshemmung deckt sich mit den Resultaten der Beobachter-Umfrage. So loben Richter den angenehmen Umgang mit den Anwälten (siehe Box «Richterbefragung: Lob und Kritik für Anwälte»). Ein Richter meinte in der Befragung: «Bei uns klappts eigentlich gut. Es gibt wenige Ausnahmen.» Ein anderer: «Es gibt ab und zu schwarze Schafe unter den Anwälten, aber gesamthaft sind alle sehr seriös.» Doch nicht einmal diese schwarzen Schafe werden publik gemacht: So wissen die Konsumenten nicht, welchem Anwalt das Patent entzogen, welcher gebüsst oder verwarnt wurde. Berufsausübungsverbote müssen in einigen Kantonen in den Anwaltsregistern auch im Internet vermerkt werden. Doch tatsächlich ist kein einziger Eintrag zu finden. Der Grund: Die sanktionierten Anwälte lassen sich aus dem Register streichen und praktizieren beratend weiter. Alles ganz legal – und in vielen Kantonen unterstehen sie danach nicht einmal mehr einer staatlichen Aufsicht.

«Das ist ein unhaltbarer Zustand», moniert Jacqueline Bachmann, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). «Man müsste über Verfehlungen von Anwälten und die entsprechenden Sanktionen eine Liste führen, die auf Anfrage eingesehen werden kann. Das würde sich auch positiv auf die Qualität auswirken, denn welcher Anwalt möchte schon gern auf einer solchen Liste stehen?»

Nicht nur vor unsorgfältigen Anwälten wird die Kundschaft schlecht geschützt, sondern auch vor teuren: Aufsichtskommissionen schreiten in Honorarsachen in der Regel nur ein, wenn eine Rechnung krass falsch ist oder eine Berufspflicht verletzt. Solche Entscheide kommen selten vor – in den letzten zwei Jahren gesamtschweizerisch nur gerade fünfmal.

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Keine Transparenz bei den Preisen
Anwaltsverbände bieten zudem ein Schlichtungsverfahren an, wenn ein Klient die Anwaltsrechnung als zu hoch empfindet. Über Erfolgsquoten gibt es keine schweizweiten Zahlen. Der Kanton St. Gallen als Beispiel gibt einen Eindruck: Dort wird das Verfahren rund 20 Mal pro Jahr angerufen. Bei jedem fünften Fall einigt man sich auf ein tieferes Honorar. «Die Rechnungen von über 95 Prozent der Anwälte geben nie zu Beanstandungen Anlass», sagt Guido Mätzler, Honorarbegutachter des St. Galler Anwaltsverbands. Auch hier gibt es also ein paar wenige schwarze Schafe, doch ihre Namen erfährt man nicht.

Anwälte gehören im Übrigen zu den letzten Dienstleistern, die bei ihren Preisen kaum Transparenz schaffen müssen. Zahnärzte hingegen haben seit Anfang Juni 2004 ihren Taxpunktwert anzugeben – genauso wie Taxifahrer ihren Minutentarif und Coiffeure ihre Haarschnittpreise. «Dass auch Anwälte ihre Tarife bekannt geben müssen, fordert die Stiftung für Konsumentenschutz seit Jahren», meint Jacqueline Bachmann. Sie fordert weiter, dass nicht mehr die kantonalen Anwaltsverbände, sondern eine unabhängige Ombudsperson Anwaltsrechnungen überprüft. Hoffnungen setzt Bachmann vor allem in das Konsumenteninformationsgesetz, das seit diesem Juli in der Vernehmlassung ist. Es sieht vor, dass neu alle Dienstleistungsanbieter ihre Tarife und Preise offen legen müssen.

«Wir unterstützen diesen Vorschlag», heisst es beim Anwaltsverband. «Die Anwälte geben bereits heute den Stundentarif beim ersten Gespräch bekannt.» Da kennt der Verband seine Mitglieder aber schlecht: Wie der Test von 21 Anwälten durch den Beobachter gezeigt hat, gab bloss ein Drittel der getesteten SAV-Anwälte und -Anwältinnen den Stundentarif korrekt an.

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