4. Juli 1999. Nachdem England, Frankreich und Italien durch Hochwasser und Dürren gebeutelt wurden, bricht der Dritte Weltkrieg aus. Russland und Iran überfallen Europa mit nuklearen und chemischen Waffen. Drei Monate später schlägt dann noch ein Komet ein. 2029 ist alles vorbei. Ein Drittel der Menschheit hat ihr Leben verloren.

Solche Apokalypsen im Nostradamus-Stil liegen derzeit schwer im Trend. Just zur Jahrtausendwende macht sich ein Hauch von Endzeitstimmung breit.

Doch die fantastischen Schreckensszenarien der Untergangspropheten sind eigentlich überflüssig. Denn die Anzahl realer Bedrohungen hat in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen, und deren Eintretenswahrscheinlichkeit ist deutlich höher als bei den Visionen von Uriella & Co.

«Wir sind zu immer mehr Risiko verdammt», sagt der Berliner Philosoph und Risikoforscher Gerhard Banse. Immer mehr Menschen wollen immer neue Ziele erreichen. Damit steigt laut Banse zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, «dass man die Ziele auch verfehlt». Es ist das Leben mit dem ominösen Restrisiko: «Doch niemand weiss, wie gross der Rest ist.»

Anzeige

Wir leben, so formuliert es der deutsche Soziologe Ulrich Beck, in einer «Weltrisikogesellschaft». Die Palette der «zivilisatorisch fabrizierten Unsicherheiten» kennt dabei keine Grenzen mehr. Finanzmärkte, Grosschemie, Gentechnologie, Atomkraftmeiler, globale Erwärmung oder das Jahr-2000-Problem sorgen dafür, dass eine Katastrophenmeldung die nächste jagt. Und im Gegensatz zur Reise im Flugzeug, Auto oder Hochgeschwindigkeitszug ist der einzelne diesen Bedrohungen unfreiwillig ausgesetzt.

Dabei gehören die Risiken der Klimaveränderung und damit die Naturkatastrophen bereits zu den Klassikern. Soeben hat der Orkan mit dem harmlosen Namen Mitch grosse Teile Zentralamerikas zerstört und gegen 13'000 Todesopfer gefordert.

Das gefährliche Treibhaus
Führende Klimaforscher machen für die Stärke dieses Sturms das auf den El Niño fogende La-Niña-Phänomen verantwortlich und damit indirekt auch die vom Menschen mitverursachte Klimaerwärmung.

Anzeige

Der Temperaturanstieg wird sich aber nicht nur fernab der Schweiz auswirken. Stefan Bader, Klimaforscher bei der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt (SMA), ist wenig optimistisch. Die globale Erwärmung, befürchtet er, lässt auch in der Schweiz die Zeitbomben ticken. Vor allem in den Alpen könnte demnächst einiges in Bewegung geraten.

«In den letzten 100 Jahren hat sich bei uns die Durchschnittstemperatur um rund ein Grad erhöht», erklärt Bader, «und bis zum Jahr 2050 dürften im Winter nochmals 1,5 Grad hinzukommen.» Diese Erwärmung hat ab 2000 Metern über Meer verheerende Folgen. Denn in diesen Lagen sind die Böden in der Schweiz auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern gefroren. Es herrscht sogenannter Permafrost.

Steigen die Temperaturen, wird diese natürliche Stabilität der alpinen Gebiete bedroht. Gleichzeitig verlängert die neue Wärme die Zeit, in der das Wasser als Regen vom Himmel fällt. Die Verbindung von starken Niederschlägen und aufgetautem, aufgeweichtem Boden verstärkt die Gefahr von Murgängen und zerstörerischen Schuttlawinen.

Anzeige

Ein Beispiel für die Vielzahl heute bekannter Gefahrenherde ist etwa das Gebiet oberhalb von Pontresina. Teilweise sind jetzt Schutzwälle geplant, doch möglicherweise ist es schon zu spät. «In den nächsten 30 bis 50 Jahren rechnen wir mit deutlich mehr Ereignissen pro Jahr», prophezeit Bader, bis vor kurzem auch Teilprogrammleiter des nationalen Forschungsprogramms «Klimaänderungen und Naturkatastrophen».

Zur Verantwortung der Gesellschaft wagt der Klimaforscher keine klaren Aussagen. Dass die Abgase des globalen Wachstumsmotors nachhaltige Spuren hinterlassen, steht heute ausser Zweifel. Doch Bader bleibt vorsichtig: «Der Einfluss des Menschen liegt irgendwo unter 50 Prozent.»

Die Risiken der Atomenergie
Ganz im Gegensatz zu Nuklearenergie und Grosschemie, den weiteren Klassikern auf der Liste der Grossrisiken. Zu hundert Prozent in der Verantwortung des Menschen, führten diese Technologien der Weltöffentlichkeit 1986 schonungslos vor Augen, was in der vorher ruhigen Risikowelt an Vernichtungspotential bereits vorhanden war.

Anzeige

Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Grossbrand in Schweizerhalle «markieren die Tatsache, dass das beruhigende †einmal in zehntausend Jahren  auch das erschreckende †morgen früh  bedeuten kann», sagt Matthias Haller, Professor für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen. Die im Vorfeld gepriesene Risikovorsorge hatte versagt, entsprechend heftig reagierte die Bevölkerung auf die Grossunfälle.

Verstärkt durch die drohende Klimakatastrophe, sorgte diese soziale Energie in den achtziger Jahren für eine drastische Wende, nämlich für die kollektive Aversion gegen das Grossrisiko. Die neue Intoleranz gegenüber jeglichem Störfall degradierte die damit verbundenen Kosten zur Nebensache.

Umweltschutzgruppen gewannen in der Öffentlichkeit massiv an Einfluss. Aktivisten legten sich gleich massenweise freiwillig in Ketten. Greenpeace feierte Hochkonjunktur. Gleichzeitig verbuchten staatliche Institutionen einen dramatischen Vertrauensverlust.

Anzeige

Global vernetzte Gefahren
Zehn Jahre später befindet sich die Risikoszene erneut im Totalumbau. Die neunziger Jahre sind laut Haller durch eine «fundamentale Neuinterpretation der Risiken» gekennzeichnet. Zwar sind die Klassiker wie AKWs, Klima und Chemie heute nicht weniger gefährlich als gestern, doch «andere Einflüsse überlagern die alten Probleme». Der einheitliche Raum-, Zeit- und Themenbezug ist aus der Mode. Die Wirkungszusammenhänge werden immer komplexer.

Neben dem Fall der Mauer, der die westlichen Regierungen aus dem zwanghaften Systemwettlauf um die sozialpolitische Goldmedaille entliess, sind heute vor allem der ökonomische Druck und die globale Vernetzung für das neuartige Risikozeitalter verantwortlich. Es sind die Katalysatoren für die modernen Gefahren.

Der knallharte Wettbewerb und die damit verbundene Margenerosion führten in den letzten Jahren in allen Branchen zu einem gnadenlosen Feldzug gegen die Kosten. Die «economies of scale» - billigere Produktionen durch höhere Stückzahlen - wurden zum Inbegriff der neuen Religion. Diese verspricht jeder Unternehmung das renditeschwangere Paradies, vorausgesetzt, sie strebt um jeden Preis nach Grösse. Eine Welle der Fusionen beschäftigt seither die Öffentlichkeit, der kürzliche Zusammenschluss von Ciba und Clariant zum grössten Koloss in der Spezialitätenchemie ist nur eines unter vielen Beispielen.

Anzeige

Kein Geld für Sicherheit
Doch solche Giganten haben massive Nachteile. Der St. Galler Experte Haller warnt insbesondere vor den entstehenden Klumpenrisiken: «Eine weitere Erhöhung der Gefahrenpotentiale und der Verwundbarkeit der Systeme ist zu erwarten, und dies nicht bloss im Technikbereich.» Verstärkt wird diese Entwicklung durch das derzeit regierende Prinzip der permanenten Restrukturierung. Obwohl der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter dafür bereits Anfang Jahrhundert den abgehobenen Begriff «schöpferische Zerstörung» kreierte, sind die Nebenwirkungen handfest und beängstigend.

Denn in dieser Welt der totalen Flexibilität haben Sicherheitsdiskussionen einen schweren Stand, sie gelten als Sand im Getriebe des dauernden Wandels. «In diesem Klima mit Sicherheit und mit Schutzbedürfnissen zu argumentieren ist chancenlos», konstatiert Haller.

Anzeige

Am Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG sieht man das ähnlich. «Sicherheit darf heute nicht mehr viel kosten», sagt Wolfgang Kröger. Der Leiter des Forschungsbereichs nukleare Sicherheit ist gleichzeitig auch Professor für Sicherheitstechnik an der ETH Zürich.

Seine Erfahrungen mit verschiedenen Industriebereichen beschreiben eine paradoxe Welt: «Je erfolgreicher Sicherheitsleute heutzutage sind, um so weniger Finanzen erhalten sie später.» Kurz: Bleibt der GAU längere Zeit aus, führt der Drang nach Kosteneffizienz zur Verdrängung der Gefahr.

Doch im Zeitalter der Globalisierung gibt es für die Unternehmen noch eine andere Lösung. Länder konkurrieren mit Standortvorteilen, und das Sicherheitsdumping ist nur eine logische Folge davon. Gefährliche Prozesse werden kostensparend in Staaten mit laschen Gesetzgebungen ausgelagert. Schliesslich sorgen Katastrophen in Entwicklungsländern für deutlich weniger Schlagzeilen als Unfälle vor der Haustür der nördlichen Wohlstandsgesellschaften.

Anzeige

Letztere werden jedoch durch einen zweiten Effekt der Globalisierung direkt bedroht: die totale Vernetzung. Zusammen mit dem neoliberalen Druck ergibt das die neue Risikoszene, in der aktuelle Unsicherheiten wie Finanzmärkte, das Jahr-2000-Problem und die Gentechnologie prächtig gedeihen. Im Gegensatz zum Risikoklassiker Atomkraft sind es Bedrohungen, deren «worst case» (schlimmstmöglicher Fall) gar nicht oder erst in Konturen vorstellbar ist.

Dass etwa im Finanzsystem die Gesellschaft derzeit zumindest den partiellen Blindflug übt, müssen heute selbst Bundesräte erstaunt feststellen. Mit dem asiatischen Inferno hatte in Bern niemand gerechnet: «Ich hatte gedacht, die Globalisierung führe zu grösserer Stabilität», sagte Pascal Couchepin kürzlich in einem Interview der «Sonntags-Zeitung», «nun sehen wir, dass mit einer globalen Wirtschaft auch grössere Risiken verbunden sind.»

Anzeige

Mit dieser Desillusion ist Couchepin nicht allein. Auch die Manager der neuen UBS mussten anhand des Hedge-Funds-Debakels feststellen, dass sie die Risiken globaler Finanzsysteme und -instrumente nicht im Griff haben.

Glaubt man dem New Yorker Broker Henry Kaufmann, so ist die Welt voller Cabiallavettas und ist eine Serie weiterer Störfälle vorprogrammiert. «Wir werden nie vollständige Kenntnis über die komplexen Querverbindungen haben, die es als Resultat von Derivativkontrakten rund um die Welt gibt, von Tokio bis Zürich», sagte Kaufmann kürzlich gegenüber der «Basler Zeitung». Sein Fazit: «Niemand hat einen Uberblick über diesen Markt, und die Risiken sind deshalb unabschätzbar.»

Bei der Eidgenössischen Bankenkommission muss man Kaufmann recht geben. «Die Globalisierung hat den Durchblick nicht erleichtert», sagt Chef Daniel Zuberbühler, «die Wahrscheinlichkeit für einen Flächenbrand ist grösser geworden, und jede Kontrolle hat ihre Grenzen.» Neben der Konzentration auf wenige Bankenkolosse könnten vor allem die finanziellen Verbindungen zwischen den Grossbanken einen verheerenden Brandbeschleuniger abgeben.

Anzeige

Es droht ein Dominoeffekt
UBS&Co;. geben sich nämlich gegenseitig sogenannte Interbankkredite in Milliardenhöhe. Im Fall einer Grosspleite könnte dieses weitgehend unerforschte Geflecht einen Dominoeffekt im asiatischen Stil provozieren. «Das ist ein beträchtliches Risiko», bestätigt Zuberbühler. Die Bankenkommission will deshalb bei der Nationalbank demnächst ein Meldewesen installieren, wo die Finanzgiganten mit ihren jeweils zehn grössten Interbankforderungen registriert werden.

Doch die Angst vor dem Flächenbrand kennen nicht nur Banker. Die Vernetzung treibt derzeit auch Informatikern rund um den Globus den Schweiss auf die Stirn. Ob aufgrund des Jahr-2000-Problems am übernächsten Silvester tatsächlich der GAU passiert, weiss zwar niemand, aber dass ein Computer aufgrund einer falsch interpretierten Jahrzahl lebenswichtige Systeme gleich reihenweise lahmlegt, kann nicht ausgeschlossen werden.

Anzeige

Der «worst case» ist also unbekannt, Anschauungsunterricht aus der Vergangenheit gibt es nicht. In der Risikoszene der neunziger Jahre ist das kein Einzelfall. Für die politisch umstrittene Gentechnologie gilt dasselbe Handicap: Die Erfahrung mit dem Ernstfall fehlt. Die Modelle der Versicherungen laufen ins Leere. Denn im Gegensatz zu Naturkatastrophen lassen sich hier keine Erkenntnisse aus vergangenen Unfällen auf die Zukunft übertragen.

Zwar sind Gentechrisiken heute noch durch die normale Betriebshaftpflichtversicherung gedeckt, doch es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese Versicherungsform an ihre Grenzen stösst. «In der Gentechnologie sind die Risiken noch nicht bemessbar, weil die Schadenserfahrung fehlt», sagt Thomas Epprecht von der Schweizer Rückversicherung, «die Szenarien sind so unterschiedlich wie die Risikowahrnehmung der Betroffenen.»

Anzeige

Die Wahrnehmung ist dabei der Schlüsselfaktor. Wird die Mehrheit der Bevölkerung eine gentechnisch bedingte Reduktion der Artenvielfalt künftig als teuren Grossschaden oder nur als unerfreuliche Nebenerscheinung interpretieren? Sind fluoreszierende Mäuse wünschbar oder nicht?

Solche und andere Fragen beschreiben das gesellschaftspolitische Änderungsrisiko, das über das Engagement der Versicherungen mitentscheiden wird.

Nur den Nutzen vor Augen
Ob AKW, Klimaveränderung oder Finanzmärkte: Generell ist und bleibt der gesellschaftliche Umgang mit der anscheinend grenzenlosen Risikopalette von der Wahrnehmung abhängig.

Deren Entwicklung ist unsicher. Wird sich die «tiefgehende Skepsis gegenüber der technisierten Zivilisation» (Schweizer Rück) weiter verstärken oder ins Gegenteil umschlagen? Sehen die Menschen in komplexen wissenschaftlichen Entwicklungen künftig ausschliesslich das Zerstörungpotential? - Niemand weiss es.

Anzeige

Die Antworten werden erst nach allfälligen Grossschäden in der Zukunft bekannt sein. Denn laut dem Psychologen Oswald Huber von der Universität Freiburg werden neue Risiken prinzipiell eingegangen, weil man «den Nutzen zuerst sieht» und der Wissensstand über mögliche Gefahren hinterherhinkt: «Zudem schätzt der Mensch Zukunftsrisiken harmloser ein, weil er darauf vertraut, dass die Wissenschafter bis dann eine Lösung gefunden haben.»

Für den Berliner Philosophen Gerhard Banse bleibt deshalb nur eine Gewissheit weiterhin gültig: «Erst der GAU löst einen Lernprozess aus.»

Risiko Mensch: Die Automatisation provoziert Fehlreaktionen

Flughöhe 1000 Meter. Im Cockpit herrscht plötzlich Ausnahmezustand. Denn während des Landeanflugs der Lockheed L-1011 hat ein ungesichertes Fahrgestell Alarm ausgelöst. Auf der Suche nach der Problemlösung merkt die Crew nicht, dass der Autopilot durch ein versehentliches Bewegen der Steuersäule ausgeschaltet wird. Das Flugzeug verliert unbemerkt an Höhe und zerschellt schliesslich am Boden. Die Ursache: Menschliches Versagen.

Doch so einfach ist das nicht. Obwohl bei Verkehrs-, Chemie- oder Nuklearunfällen oft dieser Grund angegeben wird, ist er nur ein Symptom. «Die Bedingungen, die ein menschliches Fehlverhalten provozieren, müssen als Grund mitberücksichtigt werden», sagt Barbara Klampfer, Arbeitspsychologin an der ETH Zürich.

Zusammen mit der Schweizer Rückversicherung und der Swissair arbeitet Klampfer seit zwei Jahren am Projekt «Human Factor» . Ziel ist es, allgemeingültige Muster zu formulieren, die die Wahrscheinlichkeit eines Fehlverhaltens positiv oder negativ beeinflussen.

Die Automatisierung ist dabei eine entscheidende Bedingung. «Je höher ihr Grad, um so weniger aktiv ist die Rolle des Menschen», erklärt Klampfer. Die zunehmende Passivität im Cockpit oder in einer AKW- Schaltzentrale führt zu einer Abnahme der Aufmerksamkeit, was im Fall eines Notfalls die Wahrscheinlichkeit für eine falsche Reaktion erhöht.

«Das ist die Ironie der Automatisation», sagt Klampfer. Der Ausschluss des Risikofaktors Mensch führt wiederum zu einem Sicherheitsrisiko. Denn Systemüberwacher kämpfen nicht nur mit einer schwindenden Aufmerksamkeit, sondern auch mit dem Verlust manueller Fähigkeiten. Ein gefährlicher Effekt, denn bei einem Systemabsturz können meist nur noch die richtigen Handgriffe den GAU verhindern.

Doch moderne Systeme schliessen den Menschen nicht nur aus. Sie überfordern ihn auch. Die Komplexität nimmt stetig zu, und damit sinkt die Transparenz. «Je undurchsichtiger ein System, um so schwieriger wird die Fehlerentdeckung in einer Alarmsituation», erklärt Klampfer. Dieser Entwicklung versuche man mit der Bildung von Teams entgegenzuwirken, denn «heute hat niemand mehr allein den Uberblick».

Anzeige