Wie ein Revoluzzer sieht er gar nicht aus. Brille mit Goldrand, schwarze Helmut-Schmidt-Mütze. Nicht mal ein subversives Spitzbärtchen. Eher erinnert er mit seinem gutmütigen Gesicht an einen Knuddelopa, mit dem man stundenlang «Mensch ärgere dich nicht» spielen kann. Auch ist Fred Dietsché mit seinen 90 Lenzen nicht mehr ganz der Jüngste für einen Revolutionär. Zur Begrüssung legt er einem kumpelhaft die Hand auf die Schulter. Und lächelt.

Es ist das Lächeln eines Mannes, der nicht die Faust im Sack macht, sondern die herrschenden Zustände mit einem Gegenmodell, einer Utopie, kritisiert. Sie trägt den ulkigen Namen «Hammock» und hat nicht weniger als eine Gesellschaft ohne Arbeitslose, Ausgesteuerte und Sozialhilfebezüger zum Ziel. Seine Idee: Der Staat kümmert sich nicht mehr um die soziale Wohlfahrt, das tun an seiner Stelle 500 lokale Vereine (Hammocks). Der Staat erlässt dafür den Hammock-Mitgliedern einen Teil der Steuern, die den Hammocks zufliessen. Die Mitglieder profitieren von einem Mindesteinkommen. Und weiter heisst es im Manifest: «Das absolute Minimum jedes Hammock muss immer sein: Obdach, Verpflegung, physische und psychische Hilfe.» Es wäre so etwas wie eine Mischung aus Kibbuz, Kolchose und sozialer Hängematte. Daher auch der Begriff Hammock: Er ist englisch und bedeutet Hängematte.

Vor etwa drei Jahren wachte Dietsché eines Morgens auf, und er wusste: Das ist es! Alles war da. Alle 58 Leitsätze. Alles im Kopf. «Es war ein Zufall im buchstäblichen Sinne. Es ist mir einfach so zugefallen», erzählt Dietsché, schaltet den Vierradantrieb seines blauen Mitsubishi-Geländewagens zu und fährt bergwärts, die Serpentinen hoch. Dietsché wirkt überhaupt nicht verrückt oder senil. Er ist vierfacher Familienvater und hat ein Arbeitsleben lang als Elektrotechniker gearbeitet. Der Mann steht auf dem Boden der Tatsachen. 20 Minuten später, auf 1350 Metern über Meer, eine Sonnenterrasse über Sitten, die Bergstrasse endet vor einem Föhrenwald, am Hang liegt sein Chalet «Wildhorn». Das Revolutionsnest, sozusagen. Hier wohnt der Bieler Dietsché seit fast 20 Jahren mit seiner Frau Hedi, 91. Und von hier aus plant er die Umsetzung seines Gesellschaftsentwurfs.

Kein Zuckerschlecken in einem Land, in dem das Wort Vision schon fast ein Schimpfwort ist. Dietsché hat seine Schrift in mehrhundertfacher Ausführung drucken lassen. Da stehen Sätze drin wie: «Diätküchen in jedem Hammock bewirken eine weitere Entlastung der Spitäler und damit der Krankenkassen.» Oder: «Schrebergärten gehören in fast jedem Hammock zum Alltag.» Über 10'000 Franken hat er für Druck und Übersetzung ins Englische, Französische und Italienische investiert. National-, Stände- und Bundesräte, einschliesslich Bundesverwaltung und Medien, erhielten schon Post von ihm. Längst nicht immer bekommt er Antwort.

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Doch Dietsché hat in der Jugend geboxt, Max Schmeling war sein Vorbild, er weiss, was es heisst, durchzuhalten und im richtigen Moment den entscheidenden Treffer zu landen. Ursprünglich trug seine Utopie den Titel «Plan Hammock», doch ein Freund riet ihm, das Wort Plan durch Modell zu ersetzen – Plan rieche zu sehr nach Planwirtschaft. Er selber stuft sich politisch bei «Mitte links» ein, um das «links» sofort wieder zurückzunehmen. Die Hammock-Leitung, eine Art Generalsekretariat, würde den Laden führen.

Das Grundübel: motorisierter Verkehr

Altersheime gäbe es im Hammock nicht mehr, denn jeder wohnt bis ins Alter in seinen eigenen vier Wänden. Eine Invalidenversicherung wäre obsolet, denn Hammock-Mitglieder leisten ehrenamtlich Pflegearbeit – als Gegenleistung für ihre Privilegien. Und damit das alles nicht zum Kuschelcamp wird: «Betrug, Lüge oder Unanständigkeiten» würden sofort geahndet. «Kifferei soll durch Annahme einer Therapie abgewöhnt werden», sonst droht «Ausschluss». Polizei wäre gar nicht nötig, denn «man kennt sich».

Jeder Hammock unterhält einen Fahrradpark («in Bergregionen vielleicht Mopeds oder Reittiere»), denn der motorisierte Pendelverkehr ist laut Dietsché das Erzübel der Zivilisation. Während er erzählt, blickt er traurig ins Tal hinunter und klagt: «Wir haben den Feinstaub sogar hier oben.» Seine Frau Hedi lauscht dem Gespräch und seufzt zustimmend. Sie liegt auf einem Gesundheitssofa, stellt mit der Elektrobedienung die Kopfstütze bequemer. Manchmal kommentiert sie auch, indem sie die Bibel zitiert, besonders Stellen aus der Apokalypse. «Die Zungen werden den Menschen verfaulen in ihren Mündern.» Es sei klar, was damit gemeint sei: die radioaktiven Schäden. Er nickt zustimmend.

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Blocher sagt nichts dazu, Maurer schon

Was treibt Dietsché an? Einerseits ist es die Empörung über soziale Ungerechtigkeit, anderseits: «Was soll ich sonst tun? Ich habe ja Zeit.»

Natürlich leidet seine Utopie noch an Ungereimtheiten. Zum Beispiel, dass er selber einen Geländewagen fährt und Fahrräder propagiert. Doch das haben Utopien so an sich. Und man stellt sich vor, wie sich Christoph Blocher die Nackenhaare sträubten beim Lesen von Sätzen wie: «Niemand soll, wenn er dazu Lust hat, gehindert werden, mehr zu leisten; soll aber auch in Ruhe gelassen werden, wenn er vielleicht mal kürzertreten muss.» Auch ihm hat Dietsché nämlich seine Schrift geschickt. Blocher schrieb zurück, er wolle sich nicht «materiell» zu diesem «Elaborat» äussern. Und wünschte alles Gute. Auch andere antworteten: Bundesrätin Calmy-Rey, natürlich höflich; der IV-Chef des Bundes, ebenfalls sehr höflich; mehrere kantonale Steuerämter, das Eidgenössische Finanzdepartement, «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel, sogar Dietschés Krankenkasse. Alle sehr höflich. Ueli Maurer war ehrlich: Er erachte das Modell «als nicht praktikabel».

Dietsché entmutigen solche Antworten nicht. 20 Exemplare seines Traktats brachte er sogar persönlich im Bundeshaus vorbei. Der Sekretär einer Parlamentskommission empfing den Bürger Dietsché und nahm seine Ideen als Petition entgegen. Seine Hoffnungen liegen nun in Bern. Was für ein wunderbarer Staat, möchte man ausrufen, der Utopieentwürfe seiner Bürger entgegenimmt und prüft. Die Kommission wird das Anliegen denn auch gewiss beantworten – ablehnend, aber sehr höflich. Gegen eine solche Überdosis Höflichkeit hat selbst Ex-Boxer Dietsché einen schweren Stand.

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