Gesellschaft«Leute mit Kindern sollten mehr Rente erhalten»

Der Ökonom Thomas Straubhaar im Gespräch über «Alterungs-Tsunami», den «Schmusekurs der Politik» und attraktive Arbeitgeber. Bild: Henning Bode/Laif

Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar fordert staatliche Massnahmen wegen der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft.

von Jessica King

Zur Person

Thomas Straubhaar, 58, ist Ökonom und Migrationsforscher. Er war bis 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Straubhaar ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Beobachter: In Ihrem neuen Buch «Der Untergang ist abgesagt» schreiben Sie, auf Deutschland rase ein «Alterungs-Tsunami» zu. Auf die Schweiz ebenso?
Thomas Straubhaar: Ja. Auch hier werden deutlich zu wenig Kinder geboren. Und die Zuwanderung kann die Alterung nicht auffangen.

Beobachter: Müssen wir den Tsunami fürchten?
Straubhaar: Nein. Im Prinzip sind diese Ängste massiv überbewertet. Die Sorgen sind nämlich nicht demografischer Art, sondern politischer.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Straubhaar: Nehmen wir die AHV: Sie wurde Mitte des letzten Jahrhunderts geschaffen, als es vergleichsweise viele Junge gab, die wenige Alte unterstützten. Das verändert sich, aber die Politik hält trotzdem am hergebrachten Modell fest.

Beobachter: Sie kritisieren das als «Schmusekurs der Politik» gegenüber den Rentnern.
Straubhaar: Das ist das eigentliche Problem: Regierungen wollen nicht gegen die Interessen der Senioren Politik machen. Wenn immer mehr alte Menschen in der Schweiz leben, steigt in der Demokratie das Durchschnittsalter der Wählerschaft. Und damit spielen die älteren Leute das Zünglein an der Waage, das zwischen einem Ja und einem Nein an der Urne entscheidet. Als Ergebnis wird die Politik tendenziell immer weniger Geld für Projekte der Jungen ausgeben, dafür mehr für Seniorinnen und Senioren. Salopp gesagt: weniger Spielplätze, dafür mehr Pflegeplätze.

Beobachter: Müsste die Regierung denn gegen die Interessen einer Mehrheit ein höheres Rentenalter beschliessen?
Straubhaar: Mittel- bis langfristig führt kein Weg daran vorbei. Mit jedem Jahr steigt in der Schweiz die Lebenserwartung bei Geburt um zwei Monate. Mein Vorschlag ist, dass jeder Jahrgang davon einen Monat länger arbeitet und einen Monat an Altersfreizeit gewinnt.

Beobachter: Jeder Jahrgang hätte also ein anderes Rentenalter?
Straubhaar: Genau.

Beobachter: Aber die Firmen wollen schon heute kaum Leute anstellen, die über 55 sind.
Straubhaar: Es ist verheerend, dass die Wirtschaft Alte als weniger leistungsfähig sieht. Medizinisch ist das nämlich nur in geringem Ausmass korrekt. Gewisse kognitive Fähigkeiten wie die Kreativität nehmen ab oder werden langsamer, dafür nehmen die Lebenserfahrung und die Urteilsfähigkeit zu. Ebenso die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Firmen müssten viel mehr Möglichkeiten für Ältere schaffen, statt sie abzuschreiben.

Beobachter: Indem man ältere Leute besser integriert, könnte man also dem Fachkräftemangel entgegenwirken?
Straubhaar: Der Fachkräftemangel ist eigentlich ein Führungsmangel. Ein Versäumnis der Firmen, auf die demografischen Verhältnisse zu reagieren und sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen für Ältere. Auch für Frauen – da liegt noch viel Potenzial brach.

Beobachter: Die Überalterung der Gesellschaft könnte auch abgebremst werden, indem mehr Kinder auf die Welt kommen. Sie schlagen zum Beispiel als Anreizsystem vor, dass Leute mit Kindern eine höhere Rente erhalten.
Straubhaar: Ich erwarte nicht, dass die Geburtenhäufigkeit des Geldes wegen dramatisch steigt. Frauen werden nicht viel mehr Kinder zur Welt bringen, nur weil sie später eine höhere Rente erhalten. Es ist aber von der Gerechtigkeit her eine Überlegung wert. Leute mit Kindern unterstützen nämlich die Finanzierung und den Erhalt des Rentensystems. Und verzichten dafür im Gegensatz zu Kinderlosen auf vieles – gerade Frauen, die Karriereknicks in Kauf nehmen müssen.

Beobachter: Die Idee hat etwas Unangenehmes. Frauen sollen Gebärmaschinen für den Staat sein?
Straubhaar: Nun ja, es ist Fakt, dass Leute ohne Kinder viel weniger Kosten tragen und ökonomisch gesehen auf weniger verzichten müssen. Und dass Familien zudem eine wichtige Leistung für die Gesellschaft erbringen, indem sie unsere Sozialsysteme stützen. Ich finde es deshalb gerecht, Leute mit Kindern im Alter besser zu behandeln als solche ohne Kinder.

Beobachter: Wieso kann die Zuwanderung nicht gegen die Überalterung helfen?
Straubhaar: Sie ist keine nachhaltige Lösung. Sie kann zwar vorübergehend eine leichte Entspannung bringen. Aber auch junge Flüchtlinge werden älter. Spätestens wenn ein Flüchtling das AHV-
Alter erreicht, verpufft der Effekt endgültig. Die Zuwanderung wird aber unsere Gesellschaft verändern: Die Schweiz wird in Zukunft nicht nur grauer, sondern auch bunter.

Beobachter: Bunter?
Straubhaar: Ja. Die Vielfalt wird zunehmen. Wegen der Flüchtlinge, aber auch wegen der Individualisierung. Weil wir länger leben, werden unsere Biografien immer unterschiedlicher. Früher gab es drei relativ klar abgegrenzte Lebensphasen: Kindheit, Arbeit und Pension. Heute gehen Leute nach der ersten Arbeitszeit aber wieder studieren, machen eine Weiterbildung, ein Jahr Pause, üben dann eine andere Arbeit aus und bleiben bis ins hohe Alter aktiv.

«Wir müssen dringend die Diskussion führen: Was meinen wir, wenn wir von ‹der› Schweiz sprechen?»

Thomas Straubhaar

Beobachter: Birgt diese Vielfalt eine Gefahr?
Straubhaar: Je unterschiedlicher zusammengesetzt eine Gesellschaft wird, desto geringer ist die gemeinsame Basis, das Gefühl der Zugehörigkeit. Wenn alle in einer Gesellschaft Einzelkämpfer werden, erodiert der soziale Kitt.

Beobachter: Empfinden Sie die Schweiz als zu wenig vereint?
Straubhaar: Wir müssen dringend eine Diskussion führen: Was meinen wir wirklich, wenn wir von «der» Schweiz sprechen? Was meinen wir mit Swissness? Was macht die Schweiz aus, was ist eine Willensnation im Zeitalter der Individualisierung? Diese Fragen sind eine viel grössere Herausforderung für die Zukunft als der demografische Wandel und die Überalterung.

Beobachter: Diese Diskussion wird derzeit vor allem von der politischen Rechten geführt.
Straubhaar: Ja. Und es kann nicht sein, nur konservative Kreise bestimmen zu lassen, was Schweizertum bedeutet – und sich alle anderen danach zu richten haben. Die Schweiz braucht eine viel breiter abgestützte Definition.

Beobachter: Was wäre denn die Ihrige?
Straubhaar: Mir gefällt die Einigung auf eine  Schweiz als Willensnation ganz gut. Das verstehe ich als gemeinsamen Willen aller, für alle in der Schweiz die Voraussetzungen für ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu schaffen.

Veröffentlicht am 2016 M03 14