Beobachter: Warum bewaffnen sich Menschen?
Georg Kohler: Zumindest die menschlichen Männchen mögen normalerweise Waffen. Sie bedeuten Macht, und Menschen wollen generell mächtiger sein, als sie sind. Man kann die Geschichte der Technik deuten als Verlängerung dessen, was wir haben oder besser nicht haben. Waffen zum Beispiel sind die Fortsetzung von Zähnen und Klauen. Wer starke Waffen hat, steht oben in der Nahrungskette.

Beobachter: Anders als die Steinzeitmenschen brauchen wir heute doch keine Waffen mehr, um in unserem Dasein zu bestehen.
Kohler: Der Prozess der Zivilisation scheint ­tatsächlich Waffenbesitz überflüssig zu machen. Allerdings läuft dieser Prozess schneller ab, als sich unsere grund­legenden emotionalen Konditionierungen ändern. Verstandesmässig sind wir vielleicht schon modern, gefühlsmässig aber funktionieren wir noch wie unsere Ur­ahnen.

Beobachter: Ist Gewalt etwas unveränderlich Menschliches?
Kohler: Natürlich spielt sie auch in der modernen Zivilisation eine grosse Rolle. Denn wir stehen immer vor der Möglichkeit, dass Gewalt die letzte Richterin wird. Wenn es dann doch nicht dazu kommt, verdankt sich das der Erfahrung, dass der momentan weitaus Stärkere bald auch verlieren kann und dass das Faustrecht langfristig in der Tat nur Verlierer produziert. In Europa hat es furchtbare Kriegsserien gebraucht, bis man endlich begriffen hat, dass es besser ist, Konflikte über Recht und Verträge zu regeln statt mit Waffen. Aber das ist eine junge Erkenntnis.

Beobachter: Sie sprechen von Kriegsgewalt, organisiert von Staaten. Was bedeuten Waffen in den Händen Privater?
Kohler: Da besteht ein grosser Unterschied. Die Gewaltchancen privater Waffenbesitzer werden stets ein grosses Gefahrenmoment bilden. Anders gesagt: Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, desto mehr wird sie sich bemühen, private Waffen zu kontrollieren und weitgehend einzuziehen.

Beobachter: Privater Waffenbesitz ist also etwas ­Antizivilisatorisches?
Kohler: Ja, menschheitsgeschichtlich gesehen ist es ein Zeichen des Fortschritts, wenn man auf Waffen verzichten kann. Historisch betrachtet ist die Sache komplizierter: Waffen waren immer auch Zeichen gesellschaftlicher Stellungen. Der Aristokrat, der mit dem Degen herumspazierte, signalisierte damit seine eminente gesellschaftliche Position im Rahmen der feudalen Ordnung. In der Schweiz, sehr vereinfacht gesagt, war das anders: Ein Bürger, ob Handwerker oder Bauer, durfte seine Waffe als Zeichen von Gleichheit, Freiheit, individueller und kollektiver Unabhängigkeit tragen. Der allgemeine Waffenbesitz konnte in vielen Teilen der Schweiz seit dem Mittelalter als anti­feudale Demonstration verstanden ­werden. Entsprechend war man stolz darauf. Und als im 19. Jahrhundert die moderne Schweiz entstand, drückte sich nicht zuletzt in republikanischen Schwing- und Schützenfesten eine solche Übereinstimmung aus. Man denke etwa an Gottfried Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten». Bei solchen An­lässen begegnete man sich von Gleich zu Gleich und machte klar: Wir sind fähig, ­unser Land zu verteidigen und dabei verantwortungsvoll mit der Waffe wie mit der politischen Macht umzugehen.

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Beobachter: Ist privater Waffenbesitz nicht gerade in einer Demokratie, wo das Volk souverän ist, überflüssig?
Kohler: Der Demokrat bewaffnet sich ja nicht gegen seine eigenen Repräsentanten. Er ist als Bürger auch Soldat, bereit zur Verteidigung seiner «Polis», seiner Gemeinschaft. Ein Fundament der «Polis» ist meist die strenge Innen- und Aussenunterscheidung, wobei das «Aussen» immer als Bedrohung empfunden wird, gegen die sich die «Polis» wappnen muss. Wenn aber unter den Staaten nicht mehr der bedrohliche «Naturzustand» herrscht, ist auch der Waffenbesitz der Bürgermiliz nicht mehr sinnvoll.

Beobachter: An einer Tagung von Pro Tell hiess es aber, ein waffenloses Volk sei ein wehrloses Volk, das problemlos unterdrückt und seiner Freiheit ­beraubt werden könne. Das klingt, als lebten wir in einem Obrigkeitsstaat, gegen den sich der Untertan schützen muss.
Kohler: Ja, das ist, mit Verlaub, Mumpitz! Das könnte bei der amerikanischen Waffen­lobby und ihrer Propaganda abgeschrieben sein. Aber zwischen den USA und der Schweiz besteht nicht zuletzt bei der traditionellen Legitimierung der Freiheit zum Waffenbesitz ein entscheidender Unterschied. In den USA basiert der Waffen­besitz auf der Vorstellung des Pioniers, der sich in exponiertes Gelände vorwagt, wo er allein sich selbst vertrauen kann. Und gerade in den USA lässt sich zeigen, dass historisch der Waffenbesitz sofort fragwürdig wird, sobald sich der «Wilde Westen» zivilisiert; grossartig wird das dargestellt im berühmten Film von John Ford «Der Mann, der Liberty Valance erschoss». Etabliert sich also eine rechtsstaatliche Gewalt, müssen Waffengebrauch und -besitz eingedämmt werden. Der Pistolero wird zur Gefahr für die zivilisierte Gesellschaft.

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Beobachter: Und in der Schweiz?
Kohler: Die Schweizer verstanden sich nie als einsame Trapper im Niemandsland, sondern als Angehörige einer Genossenschaft. Auch wenn man diesen eidgenössischen Mythen nicht immer ganz glauben darf – die Schweiz ist insofern etwas Besonderes, als sie nicht durch eine absolutistische Staatsgründung entstanden ist. Sie hat sich in weiten Teilen in der Tat als ein nach Gleichheit strebendes Gemeinwesen entwickelt, wo der Bauer notfalls eine Mistgabel zur Verteidigung des Kollektivs einsetzt. Und jedenfalls die staatstragenden Schweiz-­Mythen des 19. Jahrhunderts nährten diese Vorstellung mit nachhaltiger Wirkung. Deshalb überlebte die Idee, dass auch die zivilisierten Bürger und Bauern ihre Waffen nicht abliefern. Kurz: Man kann das alles gut verstehen, und ich glaube, dass man ­diese Tradition lange auch mit guten Gründen rechtfertigen konnte, doch das ist jetzt eben vorbei. Privater Waffenbesitz hat sich überlebt. Man kann ihn historisch erklären, aber das reicht jetzt nicht mehr.

Beobachter: Was ist passiert?
Kohler: Die Staaten Westeuropas leben nicht mehr im «Naturzustand», wo jeder jeden ­bedroht. Wir sind von Freunden umzingelt, das ist natürlich ein Problem für die Schweiz, die ihre Identität immer stark von der bewaffneten Neutralität her definierte. Das war durchaus eine grossartige Idee, aber sie ist historisch erledigt. Weil das Selbstbild des Kleinstaats inmitten gefährlicher Grossstaaten falsch geworden ist, ist auch die Konzeption des schweizerischen Bürgersoldaten vorbei. Meine Generation war wohl die letzte, für die mit der Wirklichkeit des Kalten Kriegs noch eine reale Vorstellung von Krieg vorhanden war. Der Krieg stellte eine sehr ernsthafte Möglichkeit dar, und dies führte dazu, dass man auch mit der Waffe sehr ernsthaft umging. Die reale Gewaltvorstellung war kollektivpsycho­lo­gisch wirksam, und sie sorgte für den nötigen Respekt im Umgang mit der Waffe.

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Beobachter: Und dieser Respekt ist nun weg?
Kohler: Es scheint so. Damals wusste man: Das ­Gewehr ist für den Krieg, und der Krieg ist schrecklich. Doch was bedeutet es, wenn wir nun seit mehr als 60 Jahren in Frieden leben? Ich glaube, dadurch ist das Furchtbare von Krieg und Gewalt auf die schwache Gestalt der bloss virtuellen Realität geschrumpft. Das dichte Wissen ist verloren, und sein Comic-Schatten ist im Kino, im Fernsehen und in Kriegsspielen als blasses, aber faszinierendes Gespenst tätig. Dass ­einer blutend liegen bleibt, wenn er von ­einer Kugel getroffen ist, haben die Leute verdrängt oder vergessen. Der Respekt vor der Waffe ist dadurch verbleicht. Anderseits sind die archaischen Wünsche nach Macht nicht mehr durch historische Erfahrungen eingedämmt, sie können sich täglich am Joystick oder beim Paintball erneuern. Und dann ist es nicht mehr weit, es doch mal auch in der Realität zu probieren. Da stossen wir auf eine ungute kollektivpsychologische Tendenz, die uns Angst machen sollte – und die wir korrigieren müssen. Es ist wichtig, dass der Staat den Waffenbesitz einschränkt. Das bedeutet, ich bestreite es nicht, einen Verlust des «Schweizerseins», von helvetischen Traditionen. Ich verstehe sehr gut, dass sich die Traditionswächter, die Schützenvereine und die Auns-Schweiz wehren, aber sie verkennen die Zeit, in der wir nun einmal zu leben haben.

Beobachter: Die Veteranen der Schweizer Armee können die Dienstwaffe nach der Militärzeit in privaten Besitz übernehmen. Welches Interesse hat der Staat an der Verbreitung von Waffen?
Kohler: Er kann kein Interesse daran haben. Das ist ein Zugeständnis an historische Bräuche, reine Traditionspflege. Spätestens als das Sturmgewehr kam, wäre es Zeit gewesen, damit aufzuhören. Denn das Sturmgewehr ist nicht ein musealer Karabiner, sondern ein Kriegsgerät. Dass viele die Ordonanzwaffe behalten, kann man psychologisch erklären: Das Armeegewehr ist Teil des musée sentimental der eigenen Biografie geworden. Man erhielt es als Rekrut weihevoll überreicht, als eine Art Initiation, dass man nun ein Mann sei. Vielleicht wehrt man sich als Veteran dann gegen die Einsicht, dass man älter geworden ist, indem man das Potenz-Symbol behält. Im Militär wird der Respekt vor dem Schiesseisen wach gehalten durch Ritualisierung und Wiederholung. Aber das bleicht aus, wie die reale Gewalterfahrung ausbleicht. Auch das Vertrauen in die Waffenbesitzer sinkt. Früher fühlte man sich durch die Bewaffnung des Volkes sicherer, heute eher bedroht. 

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Beobachter: Hat sich unser Verhältnis zu Gewalt verändert?
Kohler: Es gibt diesen archaischen Wunsch, Tyrannosaurus Rex zu sein. Auf der andern Seite hält ein Bewusstsein diese Wünsche in Schach, nämlich, dass man Gewalt unter Umständen gebrauchen muss und auch Gewalt erleiden kann. Heute wird Gewalt immer weiter banalisiert und verniedlicht in Filmen und Kriegsspielen am Computer oder im Gelände. Dort bleibt die Gewalt virtuell aber gerade deshalb nicht folgenlos: Die Tötungshemmung wird wegtrainiert, während die abschreckende reale Erfahrung von Gewalt unterbleibt. Wir wären ja nicht einmal mehr in der Lage, unser Poulet selbst zu schlachten, so sehr ist Gewalt wegdefiniert aus der Gesellschaft. Der Staat müsste also nicht nur die Gewaltmittel eindämmen, sondern gleichzeitig das Bewusstsein vom Schrecken der Gewalt real halten, damit es als Barriere wirkt. Wie man das machen könnte, weiss ich aber nicht.

Beobachter: Männer sind potenzielle Täter, Frauen sind die potenziellen Opfer von Waffengewalt. Ist der Streit um den Waffenbesitz auch ein Geschlechterkampf?
Kohler: Ja. In unserer Gesellschaft ist eine Machtverschiebung vom Männlichen zum Weiblichen sichtbar. Das traditionelle Machtsymbol des Mannes ist das Schwert oder eben der bleispritzende Phallus Gewehr; deswegen ist es für den Macho-Mann ein wichtiger Selbstbeweis. Faktisch läuft die Zeit aber gegen diese Art von Männlichkeit. Und diejenigen die sich nicht so gut anpassen können, einfachere Gemüter und rauere Gesellen, hängen halt mehr an diesen alten Symbolen.

Beobachter: Daneben tauchen in Filmen zunehmen martialische Frauenfiguren auf. Warum?
Kohler: Ja, Amazonen à la Lora Croft und Beatrix Kiddo in «Kill Bill». Das hat ebenfalls damit zu tun, dass unsere Gesellschaft nicht mehr dominiert ist von der Erfahrung des Kriegs, der schliesslich Männersache war. Wo dieses Bewusstsein zurückgeht, werden die Männerrollen nicht zufällig verflüssigt. Die Geschlechterverhältnisse können sich dadurch anders definieren. Und so wird es möglich, dass bisher maskuline Attribute von Frauen übernommen werden.

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Beobachter: Was bedeuten diese Veränderungen für die männliche Identität?
Kohler: Gewaltfähigkeit, wie sie traditionell dem Mann zugeschrieben wird, ist in unserer Welt nicht mehr unmittelbar nötig. Komisch gesagt: Das Schnitzel wächst in den Tiefen der Supermarktkühltruhe. Dass die männliche Aufgabe des Tötens nicht mehr gebraucht wird, kann man als Prozess der Feminisierung beschreiben. Oder wie es der Philosoph Arnold Gehlen bezeichnet hat – als «Verhausschweinung des Mannes». Ich halte die Domestizierung natürlich für erfreulich. Doch die männlichen Sehnsüchte nach dem Heroischen, nach Härte und Bewährung in der Gefahr äussern sich in Kompensationshandlungen wie Bungy Jumping, Speedflying oder Paintball. Das gehört zur Ambivalenz der Zivilisation: Sie beschützt uns, aber macht uns auch «faul, fett und impotent», um es in Macho-Vokabular zu formulieren, so dass das Bedürfnis, sich im Extremfall zu bewähren, sich anderswo auslebt. Wir sehen also viele Symptome eines Wandels in den kollektivpsychologischen Bedingungen der Gesellschaft. Die Frage ist, wie man damit umgehen kann. Der Waffenbesitz in der hergebrachten Form können wir wohl nicht mehr als sinnvolle Umgangsweise mit diesen Möglichkeiten, Wünschen und Gefährlichkeiten des Menschenwesens sehen.

Georg Kohler, 64, ist Professor für Philo­sophie an der Uni Zürich mit besonderer Berücksichtigung der politischen Philosophie. Im Militär bekleidete er den Rang eines Oberleutnants der Gebirgsinfanterie.

Quelle: Mara Truog