Die Zahl erwachsener Schweizer mit vormundschaftlichen Massnahmen ist innert zehn Jahren um über einen Drittel angestiegen. Meist sind es Hochbetagte, psychisch Angeschlagene oder Drogen­abhängige, die den Alltag nicht mehr bewältigen können. Fehlen Angehörige, die Defizite kompensieren, ist der Staat verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen. Das tut er immer öfter: Um gar 60 Prozent hat laut Vormund­schaftsstatistik die Anzahl betroffener Kinder zwischen 1998 und 2007 zugenommen. Anlass sind meist Konflikte zwischen Eltern, vor denen die Kinder geschützt werden sollen.

Mit dem Bevölkerungswachstum kann die Zunahme nicht erklärt werden. Für Christoph Häfeli, ehemaliger Rektor der Luzerner Hochschule für Soziale Arbeit, führen vor al­lem die steigende Lebenserwartung und dadurch die Zunahme von Demenzerkrankun­gen zu mehr Fällen. Yvo Biderbost, Rechts­dienstleiter der Zürcher Vor­mund­schafts­behörde, nennt einen weiteren Grund: «Die zunehmende Verrechtlichung und Regulierung des täglichen Lebens. Wir haben immer mehr Möglichkeiten, gesellschaftliche Pflichten und Erwartungen nicht zu erfüllen.»

Ob und wann jemand bevormundet wird, hängt entscheidend vom Wohnort ab. Die regionalen Unterschiede sind enorm: So leben in Uri anteilmässig doppelt so viele bevormundete Erwachsene wie in Baselland. Dafür sind in Uri fast zehnmal weniger Kinderschutzmassnahmen verfügt worden als im Kanton Neuenburg. Solche regionalen Unterschiede können Experten kaum erklären. Ein Trugschluss wäre die Annahme, dass es wegen eines professionelleren Vormundschaftswesens in urbanen Regionen dort weniger Fälle geben müsste. Im Gegenteil: «Je professioneller gearbeitet wird, desto mehr vormundschaftliche Massnahmen werden ergriffen», bestätigt Christoph Häfeli.

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Werden Betroffene überhaupt angehört?

Wollen Profis so womöglich ihre eigene Arbeit besser legitimieren? «Kein Sozialdienst reisst sich um solche Massnahmen, da sie mit viel Mehrarbeit verbunden sind. Wenn ein Problem niederschwelliger gelöst werden kann, wird dies sicher auch getan», sagt Häfeli. «Weil das Sozial- und Freiwilligennetz in manchen ländlichen Regionen noch intakter ist, lassen sich eher Lösungen ohne Bevormundungen finden als in der anonymen Stadt», sagt Urs Vogel, der als Consultant für Sozialfragen Gemeinden berät. Allerdings sind es gerade die dort tätigen Laienbehörden, die oft lange mit Massnahmen warten – was später dann ein um so einschneiden­deres Eingreifen nötig macht.

Brisante Hintergründe zu den Mass­nahmen bei Kindern zeigt eine Nationalfondsstudie. Eine Analyse von 164 Kindesschutzfällen zeigt, dass für die Hälfte aller Beistandschaften 15 oder noch mehr Fachleute – Sozialarbeiter, Psycholo­gen, Ju­risten – bei­gezogen wurden. Dieser Trend zum Experten für jedes Teilproblem stösst selbst bei Experten auf Kritik. «Das erhöht die Gefahr, dass die Verantwortung für schwie­rige Entscheide herumgeschoben wird», sagt Christoph Häfeli, Mitautor der Studie.

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Die Untersuchung bringt weitere Mängel an den Tag: Nur in knapp einem Viertel der Fälle sind Unterlagen vorhanden, aus denen eine Anhörung der betroffenen Kinder hervorgeht. Sogar bei Jugendlichen über zwölf Jahren sind schriftliche Protokolle über die gesetzlich vorgeschriebenen Gespräche nur in zwei von drei Fällen vorhanden. Und in fast jedem dritten Fall fehlen obendrein Unter­lagen, die eine persönliche Anhörung der Eltern belegen.

Korrigendum

In diesem Artikel haben wir an mehreren Stellen ungenaue Verkürzungen vorgenommen.

Es handelt sich nicht durchwegs um Vormundschaften, sondern generell um vormundschaftliche Massnahmen. Darunter fallen insbesondere auch Kindsschutzmassnahmen und Verbeistandungen. Wir bitten um Entschuldigung für das Versehen.

Die Redaktion

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