Lokalpolitische Auseinandersetzungen finden nur selten Echo in der internationalen Presse. Doch eine Motion der Grossratsfraktion der Basler Frauenliste war sogar der Londoner «Financial Times» eine Meldung wert. Die Forderung: eine Gewaltsteuer für Männer. Und zwar für alle. Denn, so Ursula Glück, damalige Fraktionspräsidentin der Frauenliste: «Der ganz normale Mann ist der Täter. Eine Frau muss bei jedem Mann von einer potenziellen Gefährdung ausgehen.»

Gewalt gegen Frauen und sexueller Missbrauch von Kindern war lange ein Tabuthema – besonders wenn es sich bei den Opfern um die Ehefrauen und Kinder der Täter handelte. Doch seit Mitte der achtziger Jahre ist das Schweigen gebrochen. Es ist das Verdienst der Frauenbewegung, dass das Problem endlich an die Öffentlichkeit gelangte. Zu Recht wurde das Klischee vom «Unhold im dunklen Park» ins Reich der Legende geschickt. Heute ist erwiesen, dass sich sexuelle Ubergriffe und Gewalt gegen Frauen und Kinder vor allem in der Familie und in deren engerem Umkreis ereignen.

Doch wie genau sind die von unzähligen Studien erhobenen Zahlen? Laut der «Aktion Halt-Gewalt Bern» hat in der Schweiz jede fünfte Frau in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in einer Beziehung erlitten. Eine holländische Studie besagt, dass jede dritte Frau als Kind sexuell missbraucht wurde. Laut dem Magazin «Emma» wird nur jede fünfzigste sexuelle Misshandlung angezeigt. Einige Studien behaupten gar, dass nur jede hundertste Vergewaltigung angezeigt wird. Das hiesse, dass in der Schweiz über 35'000 Vergewaltigungen jährlich begangen würden – mit Abstand das häufigste Gewaltdelikt.

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Martin Killias, Kriminologieprofessor an der Universität Lausanne, hält solche Zahlen für übertrieben. Die Dunkelziffer bei den Vergewaltigungen sei nicht nachvollziehbar. «Alle vorhandenen Daten aus Opferbefragungen deuten darauf hin, dass ungefähr 60 Prozent aller vollzogenen und 30 Prozent aller versuchten Vergewaltigungen angezeigt werden.»

Aber auch andere Aspekte der Männergewalt würden in diversen Studien falsch quantifiziert. «Oft werden für solche Studien so genannte Convenience Samples verwendet. Das heisst, dass man für die Umfragen zum Beispiel Telefon-Hotlines einrichtet oder Klientinnen und Klienten befragt. Die Befragten werden also nicht zufällig ausgewählt. Das ist in Ordnung, wenn man die daraus resultierenden Verzerrungen bei der Auswertung berücksichtigt.» Gerade das aber sei häufig nicht der Fall. Ausserdem sei die Zahl der Stichproben – mit unter tausend Befragten – meist viel zu klein für zuverlässige Zahlen.

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Die Forscherinnen und Forscher behelfen sich damit, dass man verschiedene Opferkategorien kurzerhand zusammennimmt und die Tatbegriffe aufweicht. So wurden etwa unter der Kategorie «Missbrauch durch den Vater» auch schon mal die Taten der Stiefväter, Freunde der Mutter, Grossväter, Brüder, Onkel und sogar der Nachbarn mitgezählt.

Damit werden die eigentlichen Inzesttäter multipliziert, ja potenziert. Denn nach Erkenntnissen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) stammt die überwiegende Mehrheit der Missbrauchstäter zwar aus dem näheren Umfeld der Familie. Die leiblichen Väter sind dabei aber deutlich in der Minderheit. Ihnen werden weniger als zehn Prozent der schweren Fälle zugeordnet.

Alle in einen Topf geworfen
Ein weiteres Problem ist die statistische Durchmischung von verschieden schweren Vergehen. Killias: «Manchmal werden relativ harmlose Vorfälle mit schwersten Verbrechen in einen Topf geworfen, und es entsteht der Eindruck, die schweren Fälle seien der relevante Teil.» So werden unter der Kategorie Missbrauch anzügliche Bemerkungen in der gleichen Rubrik genannt wie Notzucht. Das führt zu Meldungen wie «Jedes dritte Mädchen sexuell missbraucht». Damit wird automatisch Inzest und Vergewaltigung assoziiert.

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Doch die bislang umfangreichste Umfrage im deutschsprachigen Raum durch das KFN kommt zu ganz anderen Ergebnissen. Demnach haben tatsächlich 20 Prozent aller Frauen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit gemacht. Zu Körperkontakt kam es aber nur bei fünf bis acht Prozent. Die Zahl der weiblichen Inzestopfer dürfte also deutlich unter einem Prozent liegen.

«Das Problem ist real, und es besteht Handlungsbedarf», sagt Martin Killias. Doch gegen den pauschalen Vorwurf, jeder Mann sei ein potenzieller Gewalttäter, wehrt er sich vehement: «Gewalt gegen Frauen und Kinder ist kein normal männliches, sondern ein pathologisches und kriminelles Verhalten. Auch wenn diese Verhaltensweise durch patriarchalische Strukturen gefördert wird: Die Ursache ist eine Gewaltpathologie. Wenn man diese Tatsache nicht sehen will, verpasst man auch Chancen, wirksame Massnahmen gegen das Problem zu ergreifen.»

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