«Mindestens drei Mitschüler wussten von meinen Plänen. Sie haben mich nicht ernst genommen.» Gérard (Namen aller Betroffenen geändert) ist von schmächtiger Statur. «Man traut mir so etwas nicht zu. Auch im Erziehungsheim glaubten mir die Leute die Tat zuerst nicht.» Er spricht leise. «Eigentlich begreife ich selbst nicht, was damals geschah.»

Über ein Dutzend Messerstiche
An einem sonnigen Herbstnachmittag des Jahres 1997 lockte Gérard einen Schulkollegen in den Wald und tötete ihn mit über einem Dutzend Messerstichen. Gérard war damals 13 Jahre alt. Seine Tat wurde in den Medien als spektakulärer Einzelfall dargestellt.

Im Frühsommer 2003 ist das Thema Jugendgewalt in aller Munde. Innerhalb weniger Tage ereigneten sich vier schwere Gewalttaten – begangen von Heranwachsenden. «Unsere Kinder schlagen zu wie die Grossen», stand im «Blick». In Vauderens starb ein 16-Jähriger nach einer Messerstecherei; auch in Yverdon endete eine Schlägerei tödlich. In Frauenfeld prügelten Jugendliche zwei Altersgenossen spitalreif, und in Bern wurde ein Mann ohnmächtig geschlagen. Die CVP rief nach härteren Strafen. Die SP forderte eine «Stopp Gewalt»-Kampagne. Das Parlament debattierte die Verschärfung des Waffenrechts.

Gérard wurde 1984 in der Romandie geboren. Er ist ein Einzelkind. Als «glücklichste Zeit» bezeichnet er die Jahre zwischen sieben und zehn, als die Eltern in Frankreich einen Heroinentzug versuchten. «Dort war ich eine Art Sonnyboy in der Schule. Die Leute hatten mich gern.» Gérards Vater ist gebürtiger Franzose. Die Mutter, eine Schweizerin, plagte das Heimweh. Der Entzug missglückte. 1994 kehrte die Familie in die Schweiz zurück.

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«Meine Eltern stritten oft um die Droge. Es war auch Eifersucht im Spiel. Sie redeten von Scheidung und schrien sich an. Ich stand daneben. Ich hätte gern geholfen, aber ich konnte nicht.» Der Junge weinte oft allein im Zimmer. Vor dem Fenster lag die dicht befahrene Hauptstrasse. Der Verkehrslärm beruhigte ihn.

«Die traditionell normierte Familie ist am Verschwinden», sagt Claus-Heinrich Daub, Lehrbeauftragter am Soziologischen Institut der Uni Basel. «Aus den vielfältigen Formen des Zusammenlebens ergeben sich vielfältige Spannungen. Viele Jugendliche sind dadurch überfordert.» Teenager brauchten Klarheit, sie seien ratlos, wenn sie hörten: «Du kannst machen, was du willst.» Fehlen Anhaltspunkte, «kann es zu radikalen Lösungen kommen», sagt Daub. «Die Jugendlichen schliessen sich Sekten, Streetgangs, Skinhead-Gruppen an».

Gérard gehörte keiner Bande an. «Ich knüpfte nicht leicht Kontakt.» In ihm lebte die Angst: «Da waren diese Gedanken.» Dass die Decke sich langsam senkte in seinem Zimmer und ihn begrübe. Dass er seine Mutter verlieren könnte, plötzlich. Dass er blind sei am nächsten Morgen. Was konnte er, der mit niemandem über sein Befinden sprach, denn tun? «Ich wurde abergläubisch. Ich begann an Dinge zu glauben, die ich mir selber zurechtlegte. Nach neun Uhr machte ich das erste Mal das Licht im Zimmer aus; fünf Minuten später machte ich es wieder an, nochmals fünf Minuten später dasselbe. Erst nachdem ich das dreimal durchgespielt hatte, konnte ich einschlafen. Vielleicht schenkte ich mir damit den Glauben, dass alles irgendwie in Ordnung war. Oder jedenfalls unter Kontrolle.» Die Ideen beherrschten ihn. So ging das während Jahren.

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«Ich galt als Schwächling»
Im Kanton Zürich haben sich die Delikte gegen Leib und Leben zwischen 1990 und 2000 mehr als verdoppelt – rund ein Viertel der Straftäter sind jünger als 18 Jahre. Von 2653 befragten Zürcher Jugendlichen erlitten 17 Prozent im Verlauf eines Jahres Gewalt; 14 Prozent gaben an, im letzten Jahr selbst Gewalt ausgeübt zu haben. Etwa ein Drittel aller Gewaltakte erfolgen in der Schule oder auf dem Schulweg. Nur die wenigsten Delikte werden angezeigt.

In Vorortgemeinden kommt es deutlich häufiger zu Gewalt als in der Stadt. Verschiedene Untersuchungen haben nachgewiesen, dass mangelnde Bildung gewalttätiges Verhalten fördert. Zudem fallen die Delikte schwerer aus, je schlechter die Sprachkenntnisse der jugendlichen Täter sind.

Gérards Leben ist geprägt von Umzügen. Nach der Primarschule wechselte sein Vater die Arbeitsstelle. «Das Alleinsein begann irgendwie zu wachsen.» Er war jetzt auch in der Schule allein. «Es fiel mir schwer, mich zu behaupten. Es gab Leute, die schauten, wie gross meine Kraft war.» Oft gab es Fusstritte auf dem Heimweg. «Ich stand als Schwächling da. Der Lehrer sagte nichts. Einmal klemmten mich drei Kollegen in einem Türeingang fest. Ich konnte mich losreissen, rannte davon. Dann aber hielt ich ihnen den Stinkefinger entgegen. Als ich dieses Zeichen machte, spürte ich eine unwahrscheinliche Wut in mir. Das war das erste Mal, dass ich ihnen die Stirn bot.»

Fachleute stellen bei Jugendlichen eine wachsende Erbarmungslosigkeit fest: Oft prügeln Täter weiter, wenn die Opfer längst wehrlos sind. «Wir orten eine Gruppe von Jugendlichen, die einen das Fürchten lehren könnten», sagt die Zürcher Jugendanwältin Barbara Schellenberg. 1993 registrierte das Bundesamt für Polizei 347 schwere und einfache Körperverletzungen durch Minderjährige – 2002 waren es 787. Die Zahl der vorsätzlichen Tötungen sank hingegen von sechs (1993) auf zwei (2002).

1997 wurden zwei Klassen zusammengelegt. Für Gérard stand wieder ein neuer Anfang an. «Zuerst gelang mir der Anschluss ganz gut. In der Freizeit traf ich mich mit denselben Leuten. Wir gingen auf Klautour, stahlen Getränke von einem Lastwagen oder Lebensmittel im Laden. Im Tunnel drückten wir uns an die Wand, wenn der Zug vorbeifuhr. Ich war nie bei denen, die bloss zuschauten.» Gérards Selbstvertrauen wuchs. Aber einschlafen konnte er erst, nachdem er das Licht dreimal aus- und wieder angemacht hatte.

Es begann als Gedankenspiel
«Dann kam Andrej in die Klasse. Er war kein guter Kollege. Er wollte mich fertig machen. Immer, wenn ich etwas sagte, äffte er mich nach. Er stellte mich als den hin, der nichts begriffen hat. Er beschimpfte mich – nicht aus Wut, sondern grundlos. Er war ein ganz anderer Typ. Für Mädchen interessierte er sich nicht. Ich glaube nicht, dass er eifersüchtig war.»

Andrej plagte auch Karl. Gérard war oft mit Karl zusammen. Die beiden wogen ab, wie sie «das Problem» lösen könnten. Einen Monat nach den Herbstferien wurde die Schulklasse in Zweiergruppen aufgeteilt. Gérard war jetzt regelmässig mit Karl zusammen. «Eigentlich aus Langeweile spielten wir mit dem Gedanken, wie wir Andrej aus der Welt schaffen könnten. Zum Beispiel mit einem Luftgewehr. Zum Beispiel mit einem Messer. Zum Beispiel im Lordenwald. Zum Beispiel in der Saane. Das ging etwa einen Monat so.» Es war eher ein Gedankenspiel – ob es so weit kommen sollte, war nicht klar; auch nicht, wer die Sache in die Hand nehmen sollte. Mehr und mehr aber wurde deutlich, dass sich Karl für weniger geeignet hielt.

«Grössenwahn und Angst»
Eine Reihe von Studien zeigen, dass bei schweizerischen und ausländischen Jugendlichen dieselben Faktoren für Gewalt verantwortlich sind. Immigrierte Minderjährige, die erst seit wenigen Jahren in der Schweiz sind, weisen ein unterdurchschnittliches Gewaltrisiko auf. «Die Gewaltwahrscheinlichkeit junger Immigranten erreicht nach fünf bis zehn Jahren einen Höhepunkt», sagt Renato Rossi, Direktor der Arbeitserziehungsanstalt Arxhof in Niederdorf BL: «Oft handelt es sich um eine Häufung von Erlebnissen des Scheiterns. Die Ohnmachtsgefühle verwandeln sich in Wut, Hass und schliesslich Gewalt.»

«Ich schwankte immer mehr zwischen Grössenwahn und Angst», erinnert sich Gérard. Der Tattermin stand dann «einfach einmal fest». Am Freitag, als es geschehen sollte, ging Gérard «ganz normal» zur Schule. Sein Kollege hatte ihm ein Küchenmesser mitgebracht. Gérard steckte es zwischen Gurt und Hose. Als er sich in die Schulbank setzte, fiel es zu Boden. «Ich erschrak. Der Lehrer sah es. Er sagte nichts.»

Gérard hatte Andrej vorgeschlagen, nach der Schule im Wald ein kleines Feuerwerk zu zünden. Andrej war einverstanden. Karl begleitete die beiden ein Stück weit. Dann verabschiedete er Gérard mit den Worten: «Viel Glück.» Es war klar, dass Gérard den Plan ausführen sollte.

«Zuerst kam Andrej zu mir nach Hause. Während er auf dem Balkon ein paar Knaller zündete, packte ich die Plastikhandschuhe in meine Tasche. Dann machten wir uns mit dem Velo auf den Weg in den Wald. Ich weiss nicht mehr, was wir redeten. Ich weiss nur noch, dass ich mich dauernd fragte: ‹Soll ich? Soll ich nicht?›»

Gérard sitzt vornübergebeugt. Er erzählt stockend. Die Fingerspitzen beider Hände presst er gegeneinander. «Wir gingen durch den Wald. Das Messer versteckte ich an der Innenseite des Unterarms. Einmal bückte sich Andrej. Ich hatte rasendes Herzklopfen. Eine Frau kreuzte den Weg und grüsste. Ich schaffte es nicht.»

Gérard lockte Andrej in den Hinterhalt, sagte, er wolle ihm etwas zeigen. Sie balancierten auf einem liegenden Baumstamm. «Als er mir den Rücken zukehrte, stach ich zu. Ich kann mich erinnern, wie das Messer auf Widerstand stiess im Fleisch. Er schrie meinen Namen, rief: ‹Was tust du?› oder ‹Spinnst du?› Ich weiss es nicht mehr. Ich sah nur noch rot. Ich kann nicht sagen, was dann geschah. Als ich ihn seitlich gekrümmt am Boden liegen sah, wie er zuckte, erschrak ich. Er lebte noch. Sollte ich ihn mit einem Stein erlösen?» Er liess es sein.

«Ich bin nicht verrückt»
«Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: ‹Ich werde den Leuten sagen, dass wir Verstecken gespielt haben. Dass wir uns verloren haben.›» Gérard raste den Hügel hoch und tat, als ob er Andrej suchte, rannte wieder hinunter ins Gestrüpp. Dann schwang er sich aufs Velo, raste nach Hause, verbrannte seine Kleider und brachte Karl das Messer zurück.

«Ich sagte: ‹Ich habs getan.› Karl schaute ungläubig. Ich fragte: ‹Hast du jetzt Angst vor mir?› Er sagte: ‹Ich weiss echt nicht.›»

Am Dorfbrunnen traf er einen anderen Kameraden. Die beiden fuhren eine Runde Velo. «Ich wusste, dass jetzt nichts rückgängig zu machen war. Es war das schlimmste Gefühl, das ich je in meinem Leben hatte.» Im Pub, im Halbdunkel, spielte er noch eine Weile am Automaten.

In dieser Nacht schlief Gérard zwischen Vater und Mutter, wie schon seit Jahren nicht mehr. «Ich hatte Angst. Sie fragten mich nicht, warum. Ich hätte auch keine Antwort gehabt.»

Am anderen Tag holte die Polizei Gérard aus der Turnstunde. Man hatte Andrej gefunden – und Gérards verkohlte Kleider. «Ich bin nicht verrückt, ich bin nicht verrückt», schluchzte er auf dem Revier immer wieder.

Gérards Tat wurde als vorsätzliche Tötung qualifiziert, Karl machte sich der Gehilfenschaft schuldig. Gérard wurde in ein Erziehungsheim eingewiesen. «Warum hast du getötet?», fragte man ihn oft. «Ich sagte meistens: ‹Das geht dich nichts an.› Oder: ‹Das ist eine lange Geschichte.›»

Gérards Blick ist leer. Nein, er habe «die Geschichte selber noch nicht begriffen». In den letzten Jahren habe er aber gelernt, «dass es immer Leute geben wird, die stärker sind als ich. Auch, dass man die eigene Wut in den Griff bekommen kann.» Pläne hat er keine. Wünsche schon. «Ich möchte 2004 eine Lehre anfangen. Nur welche, das weiss ich noch nicht.»

Die Soziologie hat eine Reihe typischer Risikofaktoren für Jugendgewalt ausgemacht: Verlust alter Geborgenheit, mangelnde Bindungsfähigkeit, Selbstbezogenheit der Eltern, Unausgeglichenheit, sprachliche Defizite. Eltern, die keinen einheitlichen Erziehungsstil pflegen, begüns- tigen bei Kindern die Neigung zu Gewalt. Ebenso, wer physische oder psychische Gewalt als Mittel zur Erziehung pflegt.

Die Leiche von Andrej wurde fünf Tage nach der Tat in seine Heimatstadt im Balkan zurückgeflogen.