Beobachter: Fühlen Sie sich sicher in Basel?
Thomas Kessler: Ich fühle mich in Basel und der ganzen Schweiz sehr sicher. Ich arbeitete zehn Jahre im Ausland und stelle fest, dass wir trotz Problemen zu den sichersten Ländern der Welt gehören.

Beobachter: Droht Basel zu verslumen?
Kessler: Es gibt tatsächlich heruntergekommene Häuserblocks, vor allem entlang der Grossbaustelle Nordtangente. Nach Abschluss der Arbeiten werden sie durch familienfreundliche Neubauten ersetzt. Der Kanton tut und plant jedoch viel für die Aufwertung dieser Stadtteile.

Beobachter: Vier Bluttaten in Basel innert kurzer Zeit: ein Zufall?
Kessler: Es gibt keine eindeutige Erklärung für diese Häufung, auch nicht für die lange, ruhige Phase vorher. Eine These besagt, dass die starke Medienpräsenz potenzielle Täter zur Nachahmung ermuntert. Über längere Sicht gibt es keine sprunghafte Veränderung der Delinquenz. Sorgen macht uns vielmehr die schleichende Verrohung im Alltag: Machismo, Spucken, Anmachen, die Hemmschwellen sinken. Die Prävention muss früh ansetzen.

Beobachter: Momentan sieht es so aus, als ob das Integrationsmodell gescheitert ist.
Kessler: Das ist ein Fehlschluss. Paradoxerweise sind diese Beziehungsdelikte, die jetzt für Schlagzeilen sorgen, eine Nebenerscheinung einer erfolgreichen Integrationsarbeit. Dank ihr haben viele Ausländerinnen hier Tritt gefasst und sich emanzipiert. Das kann Probleme geben – wenn der Mann zum Beispiel gesellschaftlich in Rückstand gerät. Wenn die Frau die Beziehung dann auflösen will, kommt es zur Krise. Die Erfolge unserer Integrationspolitik seit 1998 sind aber messbar. Die Nachfrage an Deutsch- und Integrationskursen wächst, die Gymnasialquoten und das Niveau bei den Bildungsabschlüssen steigt. Wir sind der einzige Kanton, der neben der Projektkontrolle auch übergeordnet Methoden entwickelt hat, um die Ausländerintegration zu erfassen.

Beobachter: Nutzen Frauen Ihre Angebote besser?
Kessler: Bei den Frauen herrscht schlicht grosser Nachholbedarf. In den achtziger Jahren und Anfang der neunziger Jahre wurden schweizweit die nachziehenden Mütter integrationspolitisch viel zu wenig erfasst. Die Integration der Kinder überliess man den Schulen, Männer integrierten sich am Arbeitsplatz. Wir schätzen, dass man bis zu 3000 Erziehende – meist sind es Mütter – nacherfassen muss, weil sie zu wenig Deutsch sprechen. Die Nacherfassung dieser Frauen, die meist schon weit über zehn Jahre hier sind, ist die grösste Herausforderung der Integration. Im Vergleich dazu funktioniert der Kontakt mit den neuen Migrantinnen und Migranten einfach: Sie werden am Ankunftstag informiert, auf die Deutschkurse und Gesetze hingewiesen und im Quartier nochmals erfasst.

Beobachter: Wie erreichen Sie potenzielle Täter? Haben Sie Kenntnis davon, wo sich ein Beziehungskonflikt abzeichnet?
Kessler: Konflikte im ganz privaten Rahmen bleiben lange verborgen. Die Fachstellen und wir wissen aber, welche Vereine gute Kontakte zu gefährdeten Personengruppen haben. Dort ist unsere Präsenz viel stärker. Unsere Beraterinnen und Berater stammen oft aus dem jeweiligen Kulturraum und sind mit den dortigen Ehrbegriffen und Familienvorstellungen vertraut. Manchmal gelingt es auch, eine Drohung «umzupolen» – etwa nach dem Motto: «Es gehört zum Stolz unserer Familie, dass wir im neuen Land erfolgreich sind und vor unseren Enkeln bestehen können.»

Beobachter: Droht Ihrer Stelle nach diesen Vorfällen eine Budgetkürzung?
Kessler: Der letzte Kürzungsversuch wurde im Parlament sehr deutlich abgelehnt. Integration gehört zu den Schwerpunktthemen der Regierung; besonders Ausländerprobleme müssen wenn schon mit zusätzlichen Integrationsmassnahmen angegangen werden. Bisher ist kaum jemand der Versuchung erlegen, die schlimmen Beziehungsdelikte für billige Parteipolitik zu missbrauchen.

Beobachter: Wie wirken sich die Negativschlagzeilen aus?
Kessler: Nach den Verbrechen herrschten Verunsicherung und Wut. Es ist wichtig, dass jetzt alle Ängste und Probleme, Chancen und Lösungen intensiv diskutiert werden. Die Basler Behörden informieren schon lange offensiv, sie benennen die Probleme klar und kommunizieren auch die Forderungen an die Zuziehenden: Integrationswille, Gesetzestreue, Spracherwerb. Jetzt sind die Medien aufgesprungen und helfen, eine breite Debatte zu führen. Das ist für ein so komplexes Thema auch dringend nötig – Integration ist für Basel und die ganze Schweiz existenziell wichtig für die Zu-kunftsgestaltung. Im Herbst werden die Regierungen beider Basel dazu ein modernes Integrationsgesetz präsentieren.

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