«Ladri», «coglioni», «cretini», «cazzo!» – wer Giuliano Bignascas atemlosen Diskursen folgen will, hat sich mit italienischen Schimpfwörtern mindestens so gut auszukennen wie in politischen Sachgeschäften.

Mit Kraftwörtern auf den Putz hauen will der Tessiner Berserker bald auch bei den Landvögten in Bern, wie er die Parlamentarier nennt. Bignasca, der mit seinem Bruder ein Bau- und Immobiliengeschäft mit heute noch 40 Angestellten führt, kandidiert auch dieses Jahr für den National- und den Ständerat – mit guten Chancen. Im Juni 1995, als er in den Nationalrat nachrutschte, hatte er seine Auftritte noch als Amüsement deklariert. Bignasca verlor darauf seinen Sitz im Herbst 1995 an Franco Cavalli (SP). Jetzt aber, sagt er, gebe es Dinge zwischen Bern und dem Tessin, über die man «ernsthaft reden» müsse.

Zum Beispiel die Steuerfrage: Viel zu viele Steuereinnahmen flössen vom Tessin zum Bund – verglichen mit dem, was Bern als Subventionen in den Südkanton zurückspediere. Oder die Spielbankenfrage: Das Theater um die Anzahl Konzessionen und die Höhe des Steuersatzes sei «ein Witz». Das Tessin, schlägt Bignasca vor, zahle eine Pauschale von 35 Millionen Franken jährlich nach Bern und erhalte dafür den Freipass, so viele Casinos zu eröffnen, wie es wolle. Uberhaupt: Was ihn aufrege, seien die Beamten, die Fürstenlöhne abkassierten, aber nicht imstande seien, die Interessen der Tessiner angemessen zu berücksichtigen.

In Bern könnten sie schon Gesetze und Vorschriften erlassen, sie müssten ja nicht als Unternehmer bestehen in der Nachbarschaft Italiens mit seinen tiefen Löhnen: «Das Tessin braucht mehr Autonomie. Punto, basta.»

Er duzt jeden ungefragt
Mit oft widersprüchlichen Forderungen, die zwischen genial (selten) und abstrus (meistens) schwanken, machte der heute 54-Jährige eine einzigartige politische Karriere. 1990 gründete der bis dahin unbekannte, enttäuschte FDP-ler die Tessiner Sonntagszeitung «Il mattino della domenica». Anfang 1991 erfand er zusammen mit seinem wichtigsten Mitstreiter Flavio Maspoli die «Lega dei Ticinesi». Bei den kantonalen Wahlen nur drei Monate später verhalfen 12,8 Prozent der Tessiner Stimmberechtigten der Partei zu einem spektakulären Erfolg. Es war keine Eintagsfliege – im April 1999 bestätigten die Tessiner die Lega an der Urne hinter FDP und CVP als drittstärkste politische Kraft.

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Der Selfmade-Politiker, der ungefragt jeden duzt, gebietet damit über eine Gefolgschaft, die die grossen Tessiner Parteien nicht übergehen können. Und «gebieten» ist das richtige Wort: Der Präsident ist auf Lebzeiten gewählt, Gremien oder Kongresse gibt es nicht. Wie zu denken ist, gibt Bignasca in seiner Sonntagszeitung vor, für die er jährlich 1,5 Millionen Franken aufbringt: «Die Lega ist der "Mattino", der "Mattino" ist Bignasca. Wenn ich aufhöre, wird die Lega verschwinden.»

Kein Wort eines andern Tessiners wiegt so schwer wie der Tarif, den der füllige Haudegen von seinem Firmensitz im Luganeser Arbeiterquartier Molino Nuovo aus durchgibt. Es kommt schon vor, so sagt er selber, dass er Tessiner Chefbeamte anrufe und ihnen drohe, sie per «Mattino» abzuschiessen, wenn sie nicht spurten.

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Fehltritte, die Politiker normalerweise ins Abseits befördern, machen Bignasca nur noch stärker: «Ohne scharfe Attacken», so sein Credo, «erreichst du gar nichts.» Keiner weiss die Marktgesetze des Tessiner Politgeschäfts so virtuos zu nutzen wie der nur scheinbar ohne Berechnung wütende Lega-Populist. Sein Erfolgsgeheimnis ist die Doppelrolle als rechtskonservativer Stimmenfänger und libertärer Revolutionär.

Für die GsoA, gegen Asylbewerber
Da die SVP im Tessin bedeutungslos ist, vermag die Lega die politische Rechte zu sammeln, die sich in der Deutschschweiz hinter Christoph Blocher schart. Sorgsam passte Bignasca, dessen Lega 1992 noch Unterschriften für die GsoA-Initiative gegen die FA/18-Jets sammelte, seinen Kurs dem konservativen Trend an – etwa gegen die Integration in Europa oder für eine repressive Asylpolitik. Zupass kommt ihm, dass sich der von den Rechtskonservativen bemühte Eigenständigkeitsmythos der Schweiz im Südkanton verstärken lässt. Das Tessin ist eine kleine Willensnation, deren Identität sich auf die Abgrenzung gegenüber der Deutschschweiz und Italien stützt. Bignascas Feindbild Bern entspricht Blochers Aversion gegen Brüssel.

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Seine Rolle dient ihm als Tarnkleid
In der Tessiner Kantonspolitik wechselt Bignasca behände ins Kleid des Kämpfers gegen den Parteienfilz, der den Mächtigen respektlos auf die Finger klopft. Skandale, wie etwa die millionenschwere Kostenüberschreitung bei der Untertunnelung der Centovalli-Bahn in Locarno, kamen dank der Lega ans Licht.

Dass der Rabauke ein frenetischer Verfechter des Bankgeheimnisses ist, passt zwar schlecht zu dieser Rolle – der Rettung seines von der Immobilienkrise gebeutelten Geschäfts ist es aber nicht abträglich.

Im Aufzug des Rebellen weiss er sogar seine Verurteilungen wegen Kokainkonsums, Verleumdung und Nichtbezahlung der Sozialversicherungsbeiträge für seine Angestellten zu seinen Gunsten zu nutzen: Er stellt sich als Opfer der Justiz dar, die ihn zum Schweigen bringen will.

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