Europäische Gotteskrieger in Syrien, mittelalterlich gekleidete Salafisten in Schweizer Städten, Zwangsverheiratete und Ganzkörperverhüllte. Die Auswüchse im Namen des Islam setzen mittlerweile alle Muslime unter Druck, sich zu erklären, sich abzugrenzen.

Wenn das eine der zahlreichen musli­mischen Organisationen tut, ist ihr ein Einwand sicher: Es fehle ihr die Berechtigung, überhaupt im Namen der Muslime zu sprechen. Alle stehen sie für Minderheiten. Und alle möchten sie mehr sein als das. Jüngst hat ­sogar der ultrakonservative, salafistisch geprägte Islamische Zentralrat behauptet, er sei die grösste islamische Organisation der Schweiz.

Welcher Verein spricht für wen?

«Wir Muslime haben weder einen Papst als Oberhaupt noch demokratisch gewählte Vertreter, die eine grös­sere Gemeinschaft repräsentieren könnten», räumt Farhad Afshar ein. Letzteres will der Soziologe mit iranischen Wurzeln ändern: Alle Muslime sollen sich unter dem Namen Umma Schweiz demokratisch organisieren.

Afshar steht der Koordina­tion ­Islamischer Organisationen Schweiz (Kios) vor. Gemäss eigenen Angaben steht sie für ein halbes Dutzend anderer Verbände, die 50 Vereine vertreten. Kritiker sagen, die Kios sei eine One-Man-Show.

Ein Schulterschluss mit der konkurrenzierenden Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids) soll die demokratische Umma möglich machen. Die beiden Verbände repräsentieren laut eigenen Angaben über 200 Vereine, die auch Moscheen betreiben.

Das Projekt zur Schaffung einer demokratischen Umma ist nicht neu. Ein erster Versuch, die Gruppierungen zu einen, scheiterte 2012 wegen recht­licher Unklarheiten.

Schritt für Schritt zur Anerkennung

Die Kios beauftragte darauf die Universität Luzern mit einem juris­tischen Gutachten. Der 190-seitige ­Bericht liegt seit einem Jahr vor und zeigt den Weg zur staatlichen Anerkennung der Muslime. Als Haupthindernis nennt er das Problem der muslimischen Ver­tretung gegenüber dem Staat. «Wir ­haben Konsequenzen aus dem Gutachten gezogen und wollen Schritt für Schritt auf eine Anerkennung hin­arbeiten», sagt Farhad Afshar.

Anzeige

Zuerst soll es die einfache Anerkennung sein, die Vertrauen aufbaut, aber auch muslimische Friedhöfe und den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erlaubt. Später soll die staat­liche Anerkennung folgen, die das ­Einziehen einer Religionssteuer bei Muslimen ermöglicht – und vom Volk angenommen werden muss.

Die neue Gemeinschaft soll streng demokratisch organisiert sein mit einer gleichberechtigten Vertretung ­von Män­nern und Frauen. Alle ­450'000 Muslime und Muslima in der Schweiz sollen ein aktives und passives Wahlrecht in der Umma erhalten – ohne dass sie dafür einem Moscheenverein angehören müssen. Das öffnet die Umma auch Muslimen, die ihren Glauben privat oder weniger streng ausüben – wie die grosse Mehrheit der Schweizer Muslime.

Demokratie und Gleichstellung der Frauen? Das erinnert eher an Forderungen islamkritischer Organisationen als an Anliegen konservativer Verbände, wie sie die Kios reprä­sentiert. «Es ist wichtig, die Dualität zwischen der Umma und den praktizierenden Vereinen zu sehen», sagt Afshar, «die in rund 300 Vereinen ­organisierten Muslime sollen ja weder durch die Umma ersetzt noch von ihr über den richtigen Weg zum Glauben instruiert werden.» Vielmehr werde sie ein demokratisch legitimierter Partner für den Staat und die Gesellschaft sein – eine Bedingung für eine spätere staatliche Anerkennung.

Kios und Fids kopieren das Modell der Landeskirchen. So übernimmt auch die römisch-katholische Kirche Glaubens- und Organisationsprinzi­pien aus dem Kirchenrecht, das vom Vatikan festgelegt wird – wenig demokratisch und ohne Gleichstellung der Frauen. Parallel dazu bestehen welt­liche, demokratische Organisationen – die Landeskirchen –, die in den meisten Kantonen anerkannt sind.

Eine Testwahl ist für 2016 geplant

Demokratiefeindlichkeit, wie sie in ­islamischen Ländern zum Teil kultiviert wird, sieht Farhad Afshar nicht als Stolperstein für die Umma. «Die gros­se Mehrheit der Schweizer Muslime schätzt die Demokratie, auch wenn viele mangels Staatsbürgerschaft nicht daran teilnehmen können.»

Der Fahrplan für die Umsetzung einer ersten Umma ist ehrgeizig. Derzeit werden Statuten ausgearbeitet, die den Verbänden zur Vernehmlassung vorgelegt werden sollen. Eine erste Testwahl kann sich Afshar schon in einem Jahr im Kanton Basel-Stadt vorstellen. Dort haben Aleviten und Juden bereits den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft erlangt. Wei­tere Kantone sollen folgen.

Wozu eine Testwahl? «Wir wollen sicher sein, dass die einzelnen Vereine die Wahl breit unterstützen. Wird sie aber boykottiert oder sollten Frauen dazu gedrängt werden, sich nicht zur Wahl zu stellen, dann hätten wir ein Glaubwürdigkeitsproblem», so Afshar.

Erst wenn sich eine Umma demokratisch konstituiert hat, kann sinnvollerweise die staatliche Anerkennung beantragt werden.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat das Projekt schon heute, zumindest aus Sicht des Forums für einen fortschrittlichen Islam. «Wenn sich die Verbände für Demokratie und Gleichberech­tigung einsetzen, können wir das eigent­lich nur unterstützten – obwohl sie 20 Jahre lang kaum etwas in diese Richtung unternommen haben», sagt Präsidentin Saïda Keller-Messahli.

Die Anliegen sollten besser in die Vereine getragen werden, wo der Islam ja praktiziert wird. «Dort haben wir die Probleme mit der Gleichberechtigung, mit salafistischen und schlecht ausgebildeten Predigern», so Keller-Messahli. Eine von den Vereinen und Moscheen abgekoppelte Parallelorganisation löse dieses Problem nicht – auch wenn sie demokratisch sei. «Hilfreicher wäre es, die Bedürfnisse bei den Gläubigen selbst, in den Vereinen zu erfassen.»

Fünf Prozent der Bevölkerung sind Muslime

Rund 450'000 Muslime leben gemäss dem Luzerner Zentrum für Religionsforschung heute in der Schweiz, Kinder und Jugendliche eingerechnet. Ihr ­Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich durch Zuwanderung in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdreifacht: auf rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Obwohl Muslime die grösste nichtchristliche Gemeinschaft stellen, sind sie als Religionsgemeinschaft nicht anerkannt.

Ein Affront gegen Nichtmuslime?

Eine staatliche Anerkennung zu beantragen hält sie für verfrüht. Unter­stützung erhält Keller-Messahli von ungewohnter Seite: Qaasim Illi vom Isla­mischen Zentralrat befürchtet, die Umma-Debatte könnte von der Mehrheit der Schweizer als Affront aufgefasst werden, weil die gesellschaftliche Anerkennung der Muslime fehle.

Farhad Afshar dagegen kann sich positive Effekte auf die Vereine gerade durch eine Umma vorstellen. «Wenn Frauen sich dort erfolgreich einbringen, dann wird ihr Einfluss sicher auch in den Vereinen wachsen.» Klar ist, dass über die staatliche Anerkennung an der Urne entschieden wird – mehrheitlich von Nichtmuslimen. In den Kantonen Zürich und Luzern sind 2003 und 2014 entsprechende Vorhaben gescheitert. Eine demokratische Organisation allein dürfte nach den aktuellen Ereignissen noch weniger für eine Mehrheit sorgen.