Der Zürcher Gemeinderat und Architekt Joe Manser ist ein lebenslustiger Mann. Aber wenn der 49-Jährige in den Ausgang will, ist für ihn fertig lustig: Manser ist Rollstuhlfahrer, und als Mensch mit Behinderung stösst er überall auf Schranken.

Ein Beispiel: Manser möchte ins Kino «Riffraff» – ein lebendiger Treffpunkt in Zürich. Letzten Herbst wurde der Neubau eröffnet: Zwei neue Säle mit insgesamt 215 Plätzen, ein Bistro und eine Lounge kamen zum bestehenden Teil hinzu.

«Ein unwürdiger Umgang»
Der Besuch wird für Manser zu einer Übung voller Hindernisse: Eine Schwelle verunmöglicht den Zugang durch den Haupteingang, die Kasse ist für ihn nur via Rampe durch eine Seitentür erreichbar. Die Kassendame muss den Operateur rufen. Dieser begleitet den Rollstuhlfahrer wieder hinaus, fährt ihn ums Haus herum zum Nebeneingang und bringt ihn mit dem Lift in den Saal hinunter.

«Ein unwürdiger Umgang», meint Manser. «Es stört mich sehr, dass ich nicht durch den normalen Eingang kann.» Im Kino selber ist der Platz für Rollstühle knapp. Mehr als zwei passen nicht in den Saal. «Bei uns sind die Platzverhältnisse generell nicht luxuriös», räumt Geschäftsführer Frank Braun ein. Man habe sich aber um eine optimale Lösung bemüht.

Für Joe Manser, der die Schweizerische Fachstelle für behindertengerechtes Bauen leitet, ist das «Riffraff» exemplarisch: «Leider läuft es bei den meisten neu gebauten Kinos so skandalös.» Und nicht bloss dort: Laut einer städtischen Erhebung verfügten im Jahr 1997 von 1200 Restaurants in der Stadt Zürich nur 50 über ein Rollstuhl-WC. Die rund 700'000 behinderten Menschen in der Schweiz – immerhin zehn Prozent der Bevölkerung – stossen beinahe überall auf Barrieren. Unüberwindbar sind diese für die rund 50'000 Rollstuhlfahrer, die stark Gehbehinderten, Blinden und Gehörlosen.

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Die Volksinitiative «Gleiche Rechte für Behinderte» will dies ändern. Stimmt das Volk am 18. Mai dem Begehren zu, könnten Behinderte auf dem Gerichtsweg die Beseitigung der Hindernisse fordern – falls dies «wirtschaftlich zumutbar» ist. «Das Klagerecht wird zu einer Sensibilisierung der Verantwortlichen führen und vorbeugend wirken», sagt Marc F. Suter, FDP-Nationalrat und Präsident des Initiativkomitees. Eine Prozesslawine werde es aber nicht geben, schliesslich trügen die Kläger das Prozessrisiko.

«Klagen nach amerikanischem Muster» befürchtet hingegen sein Parteikollege im Nationalrat, Duri Bezzola. «Mit dem neuen Behindertengleichstellungsgesetz hat das Parlament bereits wichtige Verbesserungen beschlossen.» Das Bundesgesetz schreibt vor, dass öffentlich zugängliche Bauten sowie Gebäude ab acht Wohnungen oder fünfzig Arbeitsplätzen behindertengerecht zu gestalten sind.

Das gilt jedoch bloss für Neubauten und grössere Umbauten. Bei bestehenden Gebäuden greift das Gesetz erst bei der nächsten Renovation – Behinderte müssten sich also noch lange gedulden, bis zum Beispiel der Neubau des «Riffraff» ihren Bedürfnissen entspricht.

Gelten soll das Bundesgesetz ab dem 1. Januar 2004. «Es muss ohne Wenn und Aber vollzogen werden», betont Nationalrat Bezzola. Doch die Erfahrungen auf kantonaler Ebene sind für die Behinderten wenig ermutigend. Bereits heute ist behindertengerechtes Bauen in fast allen Kantonen vorgeschrieben. Es hapert jedoch beim Vollzug. Im Kanton Bern waren zum Beispiel noch 1997 zwei Drittel der neu gebauten oder renovierten Restaurants mangelhaft, obwohl seit den siebziger Jahren fortschrittliche Vorschriften gelten.

Gelegentlich werden Bauauflagen auch ignoriert. So etwa beim Umbau des Kongresshauses in Biel. Obwohl die Baubewilligung klar festhielt, dass im Konzertsaal eine Höranlage für Schwerhörige eingebaut werden sollte, verschob die Stadt als Bauherrin den Einbau auf später. «Dieses Verhalten ist unverzeihlich», sagt Ernst Stocker, Bauberater der kantonalen Beratungsstelle Bauen für Behinderte. «Gerade die öffentliche Hand sollte mit gutem Beispiel vorangehen.» Auf Verlangen der Baubewilligungsbehörde muss die Anlage nun nachträglich eingebaut werden.

Auch bei der Renovation des Schulhauses Schachen in der St. Galler Gemeinde Jona bewirkte das kantonale Baugesetz wenig: Es wurden kein Lift und keine Toiletten für Behinderte eingebaut. «Das ist eine verpasste Chance», sagt Primarschulpräsident Thomas Rüegg. Immerhin seien zwei andere Schulhäuser in Jona behindertengerecht erstellt.

«Relativ tiefe Kosten»
Auch im Kanton Graubünden werden Chancen vergeben. «Bei uns wandern Leute im Rollstuhl ab ins Unterland», sagt Roman Brazerol, Architekt und Berater für hindernisfreies Bauen bei der Bündner Pro Infirmis. Es gebe zu wenige gute Angebote und zu viele Hindernisse für Behinderte.

Seit 1998 kämpft die Behindertenkonferenz Graubünden vergeblich für einen rollstuhlgängigen Zugang der Hauptpost in Chur: Ins denkmalgeschützte Gebäude kommt man nur über eine Treppe. Dass man historische Gebäude ohne Schaden rollstuhlgängig gestalten kann, beweist die Graubündner Kantonalbank direkt gegenüber: Eine Rampe führt zum Eingang.

Mächtige Wortführerin gegen die Behinderteninitiative ist die Economiesuisse: Eine Annahme der Initiative würde «einen übermässigen Kostenschub» verursachen, argumentiert der Dachverband der Schweizer Wirtschaft.

Anders sieht dies Manfred Huber, Architekt und Leiter einer Nationalfondsuntersuchung über behindertengerechtes Bauen: «Die Kosten sind relativ tief.» Bei Neubauten seien zusätzliche Ausgaben im Promillebereich zu erwarten, bei Umbauten zwischen einem halben und vier Prozent. Gefragt seien nicht teure, sondern intelligente Lösungen, betont Huber, zudem nützten diese breiten Bevölkerungskreisen: «Wenn ein Bahnhof behindertengerecht gebaut ist, freut das auch ältere Leute und Eltern mit Kinderwagen.»