Ich bin nicht gegen die Gleichstellung von Mann und Frau, aber…» – würde man die Debatte um die Zukunft der Gleichstellungsbüros auf die am häufigsten verwendeten Sätze überprüfen und eine Hitliste erstellen, wäre dieser halbfertige Satz mit Abstand Sieger. Dem Aber folgt dann ganz lange nichts. Und dass nichts folgt, sagt eigentlich alles. Es ist ein spontanes Unbehagen, das da zum Ausdruck kommt, ein Bauchgefühl, noch nicht zu Ende gedacht.

Das Bauchgefühl ist das eine. Daneben gibt es das Gesetz, das auf Bauchgefühle keine Rücksicht nimmt. Der 1981 in die Bundesverfassung aufgenommene Gleichstellungsartikel und das Gleichstellungsgesetz von 1996 verpflichten Bund, Kantone und Gemeinden nämlich, für die «tatsächliche» Gleichberechtigung von Mann und Frau zu sorgen, also nicht nur in rechtlicher Hinsicht, sondern in allen Lebensbereichen. Um das zu erreichen, empfahl der Bund den Kantonen damals, Gleichstellungsbüros einzurichten. Inzwischen gibt es 16 kantonale Büros. Die meisten entstanden zwischen 1987 und 1996. Und sie haben viel geleistet.

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte

Sie haben etwa erreicht, dass häusliche Gewalt kein Tabuthema mehr ist. Dass es für die Opfer heute in jedem Kanton eine Interventionsstelle gibt. Sie haben auch immer wieder auf die kantonale Gesetzgebung eingewirkt, diskriminierende Gesetze verhindert oder den Aspekt der Verein­barkeit von Familie und Beruf eingebracht. So hat das baselstädtische Gleichstellungsbüro erreicht, dass die Kantonsverfassung allen Eltern das Recht auf einen externen Betreuungsplatz für ihr Kind einräumt.

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Die Büros waren und sind auch in der Forschung aktiv. Der «Lohngleichheits­report» und die «Lohnstudie» des kantonalen Zürcher Büros beispielsweise sind wichtige Orientierungshilfen für Unternehmen und Verwaltung.

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Nur dass da dieses Unbehagen ist, das nicht so recht ins Bild passt. Und die Frage ist jetzt, ob die Büros wirklich noch lange so weitermachen sollen; ob es schlau ist, dieses Unbehagen einfach zu ignorieren.

Lieber eine gemischtgeschlechtliche WG

Auch bei Markus Theunert ist das Unbehagen zu spüren. Theunert ist Präsident von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, sein Unbehagen bezüglich der Gleichstellungsbüros widerspiegelt also die Stimmung einer gan­zen Reihe von Männern in diesem Land. Es sind «emanzipatorische» Männer, wie es auf der Website heisst: Männer, die sich in der Haus- und Familienarbeit engagieren wollen, die Rot oder Grün wählen, oft Teilzeit arbeiten. Ausgerechnet diese Männer, von denen man es zuletzt erwartet hätte, üben jetzt Kritik an den Gleichstellungsbüros. «Die Büros stossen dort an ihre Grenzen, wo es darum geht, in den Männern Leidenschaft zu wecken für die Gleichstellung», sagt Theunert. Mit der Folge, dass die Männer nicht mitzögen.

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Solange die eine Hälfte nicht mitmacht, geht es mit der Geschlechterdemokratie nicht vorwärts. Aus Theunerts Sicht sind die Gleichstellungsbüros in eine Sackgasse geraten. Kann das sein? Ist die heutige Form der Büros überholt – ein Auslaufmodell, das dringend überarbeitet werden muss?

Theunert will aus den Büros eine Art Wohngemeinschaft machen. Natürlich ist das nur ein Bild, aber es sagt viel dar­über aus, was Männern im Kampf um mehr Gleichstellung fehlt: Lockerheit, Kollegialität, Wir-Gefühl zwischen den Geschlechtern. «In den meisten Büros sitzen nur Frau­en. Logisch, fühlen wir uns dort nur als Gäste», sagt er. In seiner WG hätten die Männer ein eigenes Zimmer mit einem Männerbeauftragten. Die Frauen hätten einen eigenen Raum mit einer Frauenexpertin. Und im gemeinsamen Wohnzimmer finde der Geschlechterdialog statt.

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Eine reine Frauen-WG funktioniert nicht, ist Theunert überzeugt. Weil es keine Gleichstellungspolitik von Frauen für alle gibt. Weil Männer anders ticken als Frauen. Nur Männer könnten Männer abholen, sagt er.

«Woher das Geld nehmen?»

Sabine Kubli seufzt. Sie leitet die Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau, wie das kantonale Gleichstellungsbüro in Baselland heisst. Gleichzeitig ist sie Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG), eines Gremiums, in dem alle öffentlichen Gleichstellungsbüros vertreten sind. Sie ist Gegenwind gewohnt. Seit es die Büros gibt, stehen sie unter Legitimationsdruck. Kubli erinnert sich noch gut an die Initiative der SVP Baselland zur Abschaffung ihrer Fachstelle. Das war 2008, als im ganzen Kanton Plakate hingen mit Hühnern drauf und einem Besen, der das Federvieh wegfegt. Die neuen Kritiker aber wollen den Wandel, suchen den Dialog. Und der ist oft komplizierter als ein simpler Schlagabtausch. Vielleicht seufzt Kubli auch deshalb.

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Sie unterstütze die Idee, mehr Männer in Gleichstellungsbüros zu beschäftigen, sagt Kubli. Nur sei das nicht so einfach. Zweimal schon hat sie die zur Verfügung stehenden akademischen Teilzeitstellen ausgeschrieben – beim ersten Mal meldeten sich 47 Frauen und 5 Männer, beim zweiten Mal stand es 42 zu 8. Auch gegen Theunerts Forderung, jedes Büro mit einem Männerexperten aufzustocken, habe sie nichts einzuwenden. «Aber woher das Geld für die zusätzliche Stelle nehmen? Machen wir uns doch keine Illusionen!»

2010 bekam der Politologe Werner Seitz von der SKG den Auftrag, die wechselvolle Geschichte der kantonalen Gleichstellungsbüros zu untersuchen. Was Seitz vorlegte, ist auch eine Studie darüber, wie viel den Politikern die Gleichstellung wert ist. Eigentlich ist es eine Auflistung von Budgetkürzungen – mal nennt sie Seitz «massiv», mal «happig» oder «nennenswert». Mittlerweile muss etwa das Büro des Kantons Zürich mit einer Million Franken pro Jahr auskommen, das sind 0,008 Prozent des Gesamtbudgets des Kantons. Das ist, auch im Vergleich zu anderen Stellen, wenig. Die Fachstelle Sport beispielsweise verfügt über mehr als doppelt so viel Geld.

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«Männeranliegen sind sehr wohl vertreten»

Zieht man von dieser Million, die dem Büro zur Verfügung steht, die Kosten für Personal, Miete, Heizung und Hauswartung ab, bleiben für die Gleichstellungsprojekte selbst noch 170'000 Franken. Damit werden dann Datenbanken finanziert, in denen Gemeinden, Personalverantwortliche, Führungskräfte oder Juristen praxiserprobte Gleichstellungsmassnahmen zur Nachahmung finden. Oder Studien zur Familienfreundlichkeit von Unternehmen. Oder gleichstellungssensible Unterrichtsmaterialien für Schüler im Berufswahlalter.

Das alles zählt Sabine Kubli auf, aber was sie an Theunerts Forderung wirklich stört, ist dieses Bild der Wohngemeinschaft. Eine Fachstelle für Gleichstellung sei eben gerade kein privater Haushalt, in dem das Zusammenleben individuell diskutiert und frei geregelt werden könne, wie viele meinten. «Wir sind eine Verwaltungsstelle mit einem gesetzlichen Auftrag.»

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Kubli betont das so, weil in vielen Köpfen ein Bild vorherrscht – von Büros, die im luftleeren Raum handeln, von einer eingeschworenen Frauenrunde, die nach Lust und Laune Projekte anreisst. «Unsere Auftraggeber sind die Regierung und das Parlament, wir halten uns an deren Legislaturziele.» Für die Periode 2008 bis 2011 heis-sen die: vorzurücken ins erste Drittel des Schweizer Gleichstellungsindexes, einer Art Rangliste der Geschlechterdemokratie, mit dem Kanton Genf an der Spitze und dem Kanton Uri als Schlusslicht; sich in der Gleichstellungsarbeit mindestens zwei neu­en Zielgruppen zu öffnen, etwa Alleinerziehenden oder Männern; ein Gleichstellungscontrolling in der Verwaltung einzuführen. Und noch etwas will Kubli klarstellen: «Die Regierung Baselland besteht im Moment aus vier Männern und einer Frau. Und der Landrat hat einen Männeranteil von 65 Prozent. Männeranliegen sind sehr wohl vertreten.»

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Sich vernetzen, die Zusammenarbeit mit politischen und privaten Organisationen weiterentwickeln, Männeranliegen als Thema in die Arbeit aufnehmen – das ist Kublis Sicht auf die Zukunft der Büros. Aber reichen Projekte zur Förderung der Teilzeitarbeit für Männer? Reicht es, aus dem «Nationalen Tochtertag» einen «Na-tionalen Zukunftstag – Seitenwechsel für Mädchen und Jungs» zu machen, um den Männern das Gefühl zu nehmen, sie seien die ewigen Juniorpartner im Gleichstellungsprozess? Anscheinend nicht.

Eigentlich sollte 2011 ein Jahr sein, in dem die jüngere Frauengeneration ihren älteren Geschlechtsgenossinnen anerkennend, vielleicht auch dankbar die Hand reicht. Schliesslich wurde vor 40 Jahren nach langen Kämpfen das Frauenstimmrecht eingeführt, vor 30 Jahren wurde der Gleichstellungsartikel in die Verfassung gehievt, vor 20 Jahren kam es zum Frauenstreik, und vor 15 Jahren wurde das Gleichstellungsgesetz in Kraft gesetzt. Stattdessen fuhr kürzlich die Berner Jungsozialistin und Stadträtin Tanja Walliser den SP-Frauen an den Karren. Die Gleichstellungspolitik, die diese im Namen der Partei betrieben, sei «abschreckend». Vor allem für Män­ner. «Die sind gar nicht erst willkommen.»

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«Es geht nur gemeinsam»

Walliser und eine ganze Reihe weiterer SP-Nachwuchspolitiker möchten nun Mitte Juni ein «Manifest für eine visionäre Gleich­stellungspolitik» auf den Tisch legen. Visionär heisst für sie: Frauen- und Männerprobleme sollen endlich gleich gewichtet werden. Das gilt auch für die Gleichstellungsbüros, von denen sich Walliser wünscht, dass sie Männer- und Bubenfragen konsequent angehen. Hier die diskriminierte Frau, dort der mächtige Mann – solches Denken verhindere eine fortschrittliche Position. «Es geht nur gemeinsam.»

Hier gärt eine Unzufriedenheit, die sich allmählich zu Unverständnis auswachsen könnte. Die Gleichstellungsbüros laufen Gefahr, die gesellschaftliche Gunst, die schon immer eher schwach war, vollends zu verlieren.

Kathrin Arioli nimmt die Gefahr ernst. Seit 1999 leitete sie die Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich, bis sie Mitte Mai zurücktrat. «Weite Teile der Bevölkerung sehen die Relevanz unserer Arbeit nicht mehr, obwohl sie von ihrer Kontinuität profitieren», sagt sie. «Der gesellschaftliche Rückhalt nimmt ab.» Aber mit der Forderung der Jungsozialisten und Männerorganisationen, in Zukunft Frauen- und Männerprobleme gleich zu gewichten, damit hat sie Mühe. Denn die Frauen haben ihrer Meinung nach immer noch Nachholbedarf gegenüber den Männern: «Lohnungleichheit, sexuelle Gewalt, Unter­vertretung im Topkader – es gibt Frauendiskriminierung, auch heute noch.»

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Prioritäten setzen – aber welche?

Die Gleichstellungsbüros tun sich schwer mit dem Wandel. Es wirkt ein bisschen, als wären sie nach jahrzehntelangem Kampf in ihrer Verteidigungshaltung erstarrt. Zwar hält der Politologe Werner Seitz die Büros und die Menschen, die dort arbeiten, «grundsätzlich für beweglich und offen für neue Themen», aber das scheint nicht genug, um das Unbehagen einzudämmen.

Dass die Büros sich nur langsam öffnen, liegt zum einen sicher an den knappen Mitteln, die grosse Experimente nicht erlauben. Die Büros sind gezwungen, Prioritäten zu setzen. Aber muss die Priorität die diskriminierte Frau sein? Vielleicht wäre es jetzt, im Jubiläumsjahr, an der Zeit, dass die Büros die Männer bei ihrer Arbeit nicht bloss mitdenken, sondern als vollwertige Partner miteinbeziehen. Statt Adressaten wären die Männer dann auch Absender. Und sie könnten auch nicht mehr behaupten, den Brief nicht erhalten zu haben. Ein schöner Nebeneffekt.

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