Während Erika Portenier erzählt, senkt sich das Lid ihres linken Auges und verschliesst es beinahe. Auch ihr Mund steht leicht schräg. Das, worüber sie spricht, hat mit diesen Beeinträchtigungen direkt zu tun: Die 79-Jährige aus dem Bernbiet leidet bis heute an den Folgen von Nebenwirkungen, die Ende 2000 nach der Einnahme des GrippeImpfstoffs Nasalflu aufgetreten sind.

Erst kam es zu Gesichtslähmungen, dann zur Senkung des Augenlids. Eine Operation brachte nur vorübergehende Besserung. «Es belastet mich, dass ich ständig auf mein entstelltes Gesicht angesprochen werde», sagt die vitale Seniorin. Von einer angemessenen Entschädigung durch die Herstellerin des Medikaments, die Berna Biotech, erhoffte sich Portenier wenigstens eine finanzielle Kompensation für die eingeschränkte Lebensqualität. Und nun dies: Die Berna, mittlerweile dem holländischen Konzern Crucell einverleibt, offeriert ihr gerade mal 4'500 Franken als Genugtuung; hinzu kommen 2'000 Franken für ungedeckte Heilungskosten. «Das ist doch ‹gschämig›», entrüstet sich die Bernerin.

«Affront gegenüber den Patienten»



Erika Portenier ist eine von 17 Nasalflu-Geschädigten, die seit 2003 mit Hilfe der Schweizerischen PatientenOrganisation (SPO) um Schadenersatz kämpfen. Es ist ein zähes Ringen unter Anwälten, die sich gegenseitig die Argumente zu zerzausen versuchen. Dabei scheint die Sachlage klar: 2001 zog die Herstellerfirma den Grippespray vom Markt zurück, und 2004 bestätigte eine Studie der Universität Zürich, dass Nasalflu ein erhebliches Risiko für Gesichtslähmungen berge. Dennoch anerkennt die Berna bis heute keine Haftung. Auch ihre vor kurzem endlich vorgelegte Entschädigungsofferte erfolgt ausdrücklich als freiwilliger Vergleich: 200'000 Franken, nach bestimmten Kriterien aufzuteilen auf sämtliche Betroffenen.

Margrit Kessler, Präsidentin der SPO, ist empört: «Angesichts des gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schadens ist diese geringe Genugtuung ein Affront gegenüber den Patienten.» Unzufrieden ist auch deren Anwalt. Sein Brief an die Betroffenen lässt jedoch durchblicken, dass er die Waffen weitgehend gestreckt hat; auf der Gegenseite sei «der Verhandlungsspielraum nicht mehr gross». Auf seinen Rat hin haben die Geschädigten Ja gesagt zum «Spatz in der Hand» - alle ausser Erika Portenier: «So lasse ich mich nicht abspeisen!»

Die Herstellerfirma schweigt sich aus



Als Alternative könnte sie die Haftungsfrage gerichtlich klären lassen - was indes mit einem beträchtlichen Prozess und Kostenrisiko verbunden wäre. Und selbst im Erfolgsfall wäre fraglich, ob sich erheblich mehr herausschlagen liesse, sind doch in der Schweiz die Genugtuungen traditionell tief. Thomas Koller, Privatrechtler an der Universität Bern, kritisiert in diesem Zusammenhang die Praxis des Bundesgerichts, «das sich konstant weigert, bei der Bemessung der Genugtuungssumme mit einer gewissen Regelhaftigkeit vorzugehen». So bleibt ein grosser Ermessensspielraum - kaum je zum Vorteil der Geschädigten.

Bleibt im vorliegenden Fall die Frage: Was sagt der Verursacher, die Berna Biotech? So gut wie nichts. Eine Sprecherin bestätigt lediglich, man stehe in Verhandlungen, verzichte aber auf jeden Kommentar. Diese Zurückhaltung kontrastiert stark mit den grossen Tönen bei der Einführung von Nasalflu. Damals, im Herbst 2000, wurde das Medikament als bahnbrechende Entwicklung mit einem Marktpotenzial von einer halben Milliarde Franken gepriesen. Nur die Patienten hatte schon damals niemand auf der Rechnung.

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