Wasser ist unser wichtigstes Grundnahrungsmittel. Dennoch gehen wir mit Quellen nicht immer pfleglich um: Häufig werden in Wasser­fassungszonen Pestizide und Gülle ausgebracht oder ungeniert Häuser gebaut. Zwar gibt es Schutzzonen mit gesetzlichem Bauverbot, doch die Nutzungsauflagen bestehen oft nur auf dem Papier.

So sind etwa die drei Oberholz-Quellen im aargauischen Oberwil-Lieli dicht von Einfamilienhäusern umstellt – jeder Rasenmäher und jeder Pool ist eine potentielle Gefahr fürs Trinkwasser. Die Gemeinde hat ihren Schutzzonenplan mit Segen des Kantons dem Wohnquartier angepasst: Die Schutzzone 2 wurde in 2a und 2b unterteilt – eine aargauische Spezialität, die laut Gewässerschutzverordnung nicht vorgesehen ist. Zone 2b mutierte dabei zur «Schutz­zone mit beschränkter Wirkung» und darf nun überbaut werden.

Übrig geblieben ist ein schmaler, grüner Streifen, der nun weiter schwindet. Drei an die Schutzzone grenzende Grundstücke – sie gehören der Gemeinde – werden zu mindestens 1400 Franken pro Quadratmeter an solvente Interessenten verkauft. Das spült fast fünf Millionen Franken in die Gemeindekasse. Ein schlagendes Argument.

Wäre es da nicht konsequenter, die Oberholz-Quellen stillzulegen? Gemeindeammann Andreas Glarner weist das von sich: «Wir werden diese Quellen nicht aufgeben.» Die Wasserqualität entspreche ja den Anforderungen. Stilllegen sei beim Kanton zwar schon ein Thema gewesen. Dagegen würde sich die Gemeinde aber ­juristisch wehren.

«Das Bauverbot wird missachtet»

Gemeinden interpretieren den Gewässerschutz oft elastisch. «Als Folge des starken Nutzungsdrucks wird das Bauverbot vielerorts missachtet», weiss Daniel Hartmann, Chef der Sektion Grundwasserschutz im Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Zudem herrscht beim Gewässerschutz keine Eile. Obwohl die entsprechenden Vorschriften seit über 30 Jahren gelten, sind fast ein Drittel der Grundwasserfassungen nicht einmal durch rechtskräftig erlassene Schutzzonen gesichert. Laut einer Bafu-Hochrechnung waren 2007 rund 30 Prozent der Schutzzonen erst provisorisch aus­geschieden. Meist fehlen die notwendigen hydrogeologischen Abklärun­gen und eine Unterteilung nach Schutzzonen.

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Aber selbst dort, wo detaillierte Zonenpläne und Reglemente gelten, sind die Stan­dards unterschiedlich. So wird vor allem in ländlichen Gebieten das zwingende Gülleverbot in der engeren Schutzzone nicht überall durchgesetzt. Wie in Malters LU, wo ein Landwirt vor zwei Jahren in der engeren Schutzzone zu viel Jauche ausbrachte. Das Trinkwasser wurde verschmutzt, und die Quelle musste einige Tage vom Netz genommen werden. In St. Gallen verschickte das kantonale Labor im selben Jahr neun Schnellverfügungen, ebenfalls wegen starker fäkaler Verunreinigung.

Während die geplante zentrale Datenbank zur Trinkwasserqualität beim Bundes­amt für Gesundheit noch einige Hürden nehmen muss – jeder Kanton erfasst Daten nach Gutdünken –, wird das Grundwasser landesweit von 590 Messstellen der nationalen Grundwasserbeobachtung Naqua regelmässig und einheitlich untersucht.

Die neusten Naqua-Messergebnisse zeigen häufig Spuren von unerwünschten Substanzen, «die Anlass zur Sorge geben», sagt Bafu-Vertreter Daniel Hartmann. Bei jeder zehnten Messstelle finden sich heikle Pestizidkonzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter, vor allem im Mittelland und in den grösseren Tälern von Wallis, Tessin und Jura. Und erhöhte Kohlenwasserstoffkonzentrationen, meist aus Lösungsmitteln, lassen sich bei sieben Prozent der Messstellen nachweisen.

Nitrat-Grenzwerte oft überschritten

Häufigster Problemstoff ist jedoch Nitrat aus Düngemitteln. Die Gewässerschutzverordnung legt einen Anforderungswert von höchstens 25 Milligramm pro Liter fest. Bei jeder vierten Messstelle wird der überschrit­ten, in Ackerbaugebieten bei jeder zweiten. Bei fünf Prozent übersteigt die Konzen­tration gar den Toleranzwert von 40 Milligramm pro Liter nach Lebensmittelrecht.

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Beunruhigend ist ein erneuter Anstieg der Nitratkonzentrationen seit 2003. Experten machen dafür sowohl klimatische Effekte als auch die gelockerten Vorschriften beim ökologischen Leistungsnachweis in der Landwirtschaft verantwortlich: Mehr Ackerland liegt in den Wintermonaten wieder brach. So kann auch mehr Nitrat ausgewaschen werden.

Grosse Qualitätsunterschiede gibt es ferner beim Unterhalt der Trinkwasser­fassungen und -leitungen. Unter den rund 3000 öffentlichen Wasserversorgungen sind auch verlotterte Anlagen. «Viele Gemeinden wissen nicht einmal, wie alt ihre Versorgungsleitungen sind», so Urs Kamm vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfachs. Es fehlen gesamtschweizerisch vergleichbare Daten über Alter und Zustand dieser wichtigen Infrastruktur.

Vor allem in ländlichen Gebieten – mit 2500 Fassungen die grosse Mehrheit – kümmern sich meist nebenamtliche Brunnenmeister um die Trinkwasserversorgung. Und Gemeinden mit wenig Einwohnern sparen häufig beim Unterhalt, um den Was­serpreis tief zu halten. Doch ohne Investi­tionen leidet früher oder später die Wasserqualität. Dann wird es richtig teuer.

Trinkwasser: So müsste es laut Gesetz laufen

Quelle: Bernd Boscolo, pixelio.de
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Gut 80 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz stammen von Quellen und Pumpbrunnen, die aus dem Grundwasser gespeist werden. Es gelten strenge gesetzliche Auflagen. Vor allem in un­mittelbarer Nähe der Wasserfassung: Die Schutzzone 1 (S1) sollte eingezäunt sein. Daran schliesst die Schutzzone 2 (S2) an. Sie wird so bemessen, dass das Grundwasser auf dem Weg zur Fassung mindestens zehn Tage in dieser Zone bleibt. Das genügt, um einen Grossteil der allenfalls enthaltenen Mikroorganismen zurückzuhalten und absterben zu lassen. Die Schutzzone 2, mit Gülle- und Bauver­bot, muss in der Fliessrichtung mindestens 100 Meter breit sein. Daran schliesst die Schutzzone 3 (S3) an. Diese Puffer­zone soll den Schutz vor Anlagen und Tätigkeiten gewährleisten, die das Grundwasser gefährden können. Für jede Wasserfassung sind ein hydrogeologischer Bericht, ein Schutzzonenplan und ein Schutzzonenreglement vorgeschrieben.