Die durchgeladene Pistole in der Bürotischschublade gab ihm nach Jahren des Leidens eine innere Ruhe. «Ich fühlte mich erleichtert, dass ich dem Mobbing durch meine Vorgesetzte endlich selber ein Ende setzen konnte», sagt Gerhard Dennler. Die Stimme des frühpensionierten Beamten klingt monoton, sein Gesicht bleibt regungslos. Fünf Jahre sei er von seiner Chefin blossgestellt worden: «Ich hatte Suizidgedanken.»

Dass es vor gut sieben Jahren an seinem Arbeitsplatz in der Basler Kantonsverwaltung nicht zu einem Blutbad kam, ist Dennlers Frau Kathrin zu verdanken: Der Psychiatriekrankenschwester fiel auf, dass die Waffe zu Hause fehlte. Sie sah eine Kurzschlusshandlung voraus und konnte noch rechtzeitig veranlassen, dass die Waffe sichergestellt wurde. Daraufhin zeigte sich ihr Mann bereit, erste Hilfe in der Kriseninterventionsstation des Kantonsspitals Basel in Anspruch zu nehmen.

Zwei Monate später löste der heute 57-jährige Familienvater während der anschliessenden stationären Behandlung in der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (PUK) doch noch eine Katastrophe aus: Unter dem Einfluss von Medikamenten bestieg der Patient am 4. April 1998 auf dem Parkplatz der PUK unbeaufsichtigt sein Motorrad, um nach Hause zu fahren. Vor einem Rotlicht brauste er aus dem Stand abrupt los und stiess mit einem Auto zusammen. Mit einer Hirnquetschung, Rippenbrüchen und einem zertrümmerten Oberschenkel wurde er ins Spital eingeliefert. Glücklicherweise gab es keine weiteren Verletzten. «Ich kann mich an nichts mehr erinnern», so Dennler. «Er war mit Medikamenten vollgepumpt», sagt seine Frau. «Die Spitalverantwortlichen hätten die Fahrt verhindern müssen.»

Auch finanziell ein Desaster
Seither leidet Dennler unter einem so genannten «organischen Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma», er ist arbeitsunfähig und IV-Rentner. Existenzängste und Suizidgedanken machen ihm und der Familie das Leben noch schwerer. Zudem erträgt er es nicht, allein gelassen zu werden, lässt aber praktisch keinen körperlichen Kontakt mehr zu.

Auch finanziell stehen Dennlers vor einem Scherbenhaufen. Die bisherigen Anwaltskosten von 140000 Franken brachten sie ans Ende ihrer Ressourcen. Die Hoffnung, die PUK zur Rechenschaft ziehen und zur Kasse bitten zu können, zerschlug sich.

Die Strafuntersuchung gegen die verantwortlichen Ärzte wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung, Fehldiagnose, Fehlbehandlung, Vernachlässigung der Aufklärungs- und Überwachungspflichten sowie wegen Nichtverhinderns der fatalen Motorradfahrt wurde nach drei Jahren eingestellt. Die beigezogenen Gutachter beurteilten eine Mitverantwortung oder gar eine Schuld der Klinikverantwortlichen unterschiedlich. So stand Aussage gegen Aussage. Der Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» gelte selbstverständlich auch für Ärzte, liess die Rekurskammer verlauten.

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«Er hatte einen wackligen Gang»
Viele Gutachten, viele Meinungen. Schon über die Diagnose und die Medikation nach dem Eintritt in die PUK Basel scheiden sich die Geister. Aufgrund einer so genannten «schizoaffektiven Störung» verabreichten die Ärzte dem Patienten ein bestimmtes Medikament, das schläfrig machen und das Denken verlangsamen kann. «Er verlor den Bezug zur Realität und hatte einen wackligen Gang», erinnert sich seine Frau an verschiedene Krankenbesuche. In einem solchen Zustand habe er sich unbeaufsichtigt auf den Töff gesetzt und sei losgefahren. Dass er an den Unfall keine Erinnerung hat, führt sie auf die Medikamente zurück. Er selber schliesst einen weiteren epileptischen Anfall nicht aus, wie er ihn 1972 erstmals erlitt. Deshalb wurde er vom Militärdienst freigestellt.

Martin Kiesewetter, leitender Arzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, stützt in seinem Gutachten die Einschätzung der PUK und spricht von einer «schizodepressiven Störung». Der Gutachter Fritz Ramseier wiederum, stellvertretender Chefarzt der IPD Klinik Königsfelden, stellt nach eingehenden Gesprächen mit dem Patienten und seiner Frau eine «Erschöpfungsdepression» und «neurotische Störung» fest. Piet Westdijk, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sieht in seiner Stellungnahme beim Patienten eine «kombinierte Persönlichkeitsstörung» vorliegen. Seiner Meinung nach fehlt in der PUK-Diagnose die Fremdeinschätzung von Bezugspersonen. Die Abklärungen seien somit nicht sorgfältig genug durchgeführt worden.

Drei Jahre Hoffen und Bangen
Entsprechend umstritten ist die Behandlung. Es steht zur Diskussion, das verabreichte Medikament sei bei schizophrenen Störungen angezeigt, nicht aber in einer depressiven Phase und auch nicht bei einer möglichen epileptischen Veranlagung. Unklar bleibt, ob der Patient – wenn überhaupt – ausreichend über die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt wurde. In der Krankengeschichte jedenfalls fehlen diesbezügliche Aufzeichnungen. Auch die Abgabe einer Aufklärungsbroschüre ist nicht schriftlich dokumentiert. Während sieben Tagen fehlen in der Krankengeschichte die ärztlichen Einträge gänzlich.

Einig sind sich die Fachleute darin, dass Dennler bereits beim Eintritt kein Motorfahrzeug hätte führen dürfen, geschweige denn unter dem Einfluss von Medikamenten. Die Klinikleitung ging davon aus, dass sich der Patient und seine Frau darüber im Klaren waren. Von einem Fahrzeug auf dem PUK-Gelände wollen die Verantwortlichen nichts gewusst haben.

Wegen Überlastung der Gerichte sind bis zur Einstellung des Verfahrens drei Jahre vergangen – für Gerhard und Kathrin Dennler drei lange Jahre zwischen Hoffen und Bangen. Jetzt ist ihnen das Hoffen vergangen. Denn die verschiedenen Versicherungsstellen liessen sich ebenfalls drei Jahre Zeit, bis sie sich auf eine definitive Rente einigen konnten, auch wenn Dennlers Rechtsvertreter immer wieder gedrängt hatte. Letztlich trat zutage, dass die Pensionskasse Fr. 203448.60 zu viel ausbezahlt hatte. Grund des Debakels: Der Patient war zusammen mit Suva und IV überversichert.

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«Es gibt auch seelische Härtefälle»
Die Pensionskasse lehnte das Härtefallgesuch ab und fordert nun den vollen Betrag zurück – für die vierköpfige Familie ein weiterer Schlag. Besonders bitter stösst Kathrin Dennler auf, dass die Pensionskasse die psychische Belastung der ganzen Familie ausser Acht liess. «Es gibt doch neben materiellen auch seelische Härtefälle», merkt sie an.

Die Notsituation erforderte für die Eltern und ihre mittlerweile volljährigen Kinder, die noch zu Hause leben, mehr Freiraum. Die permanente Anwesenheit des Vaters strapazierte die Einzelnen. So zog die Familie in eine grössere Wohnung, was die PK im Streitverfahren als «Luxus» monierte. «Im Wohnheim wäre ein Platz für meinen Mann viel teurer gewesen», so Kathrin Dennler. Zudem hätte sie so die Familie zusammenhalten können: «Ohne unsere tragfähige Beziehung wäre das nicht möglich gewesen.» Ihr selber setzte die neue Situation so zu, dass auch sie arbeitsunfähig ist. Auch den 21-jährigen Sohn warf der Schicksalsschlag aus der Bahn: Noch immer bemüht er sich um eine Ausbildung. Und die 23-jährige Tochter muss wegen einer schwer therapierbaren Epilepsie die Lehre gelegentlich zurückstellen.

«Nichts ist mehr wie früher», sagt Kathrin Dennler. Es wird auch nie wieder sein wie früher. Das Gerangel um die Gutachten hat sie zermürbt. «Mit dem Kopf im Gips hätte ich es leichter, dann wäre die Behinderung auch sichtbar», sagt Gerhard Dennler mit monotoner Stimme.

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Quelle: Dominik Labhardt