Das Handynetz stösst an seine Grenzen: Die Zahl der Smartphones steigt ständig, immer öfter werden datenintensive Videos konsumiert. Der Bundesrat hat angekündigt, er prüfe eine gesetzliche Anpassung, die eine Erhöhung der Sendeleistung der Antennen ermög­lichen würde. Dabei sei mit Widerstand aus der Bevölkerung zu rechnen.

Bereits heute stuft jeder Zehnte die Handyantennen als «sehr gefährlich» für die eigene Gesundheit ein. Und vier von zehn betrachten sie als «eher gefährlich».

Die geharnischten Reaktionen auf die Ankündigung des Bundes liessen nicht lange auf sich warten. Der Baubiologe Hansueli Stettler vom Verein Mobilfunk mit Mass bezeichnete den Entscheid als «fatal». Eine erhöhte Strahlenbelastung führe innerhalb Monaten zu mehr Schlafstörungen und mit einer Verzögerung von einigen Jahren zu mehr Krebsleiden.

So gefährlich wie eingelegtes Gemüse

Der Präsident des mobilfunkkritischen Vereins Gigaherz, Hans-Ulrich Jakob, schreibt auf der Webseite des Vereins: «Sehr schön, dann erhalten wir endlich den Beweis, dass Mobilfunkstrahlung Krebs erzeugt. Schade für diejenigen, die für diesen menschenverachtenden Versuch noch ins Gras beissen müssen.»

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft hochfrequente elektroma­gnetische Felder von Mobilfunkantennen oder Handys in die Kategorie «möglicherweise kanzerogen für Menschen» ein. Das klingt dramatischer, als es ist. In der gleichen Kategorie findet sich Diesel, Kaffee oder eingelegtes Gemüse. Die Einstufung bedeutet, dass ein Verdacht besteht auf krebserregende Wirkung, aber kein abschliessender Nachweis. Bis 2016 überprüft die WHO die Klassifizierung bei der Handystrahlung.

Der Finne Dariusz Leszczynski kämpft seit Jahren dafür, dass die Einstufung geändert wird auf «wahrscheinlich kanze­rogen». Der international bekannte Biochemiker, der an der Gigaherz-Generalversammlung vom Samstag, 7. März, in Thalwil ZH einen Vortrag zur Mobilfunkstrategie der WHO halten wird, arbeitete bei der finnischen Strahlenschutzbehörde. Er verlor gemäss eigener Darstellung diesen Posten, weil er sich weigerte, seine wissenschaftlichen Aussagen zugunsten einer mobilfunkfreundlicheren Auslegung zu zensieren.

«Wahrscheinlich krebserregend»

Leszczynski führt neben zwei anderen Studien die französische Cerenat-Studie von 2014 ins Feld. Sie biete ausreichende Hinweise für die Höherstufung auf «wahrscheinlich krebserregend». Die Forscher in Frankreich haben herausgefunden, dass Personen, die mehr als 15 Stunden pro Monat mit dem Handy telefonierten, ein erhöhtes Risiko für bestimmte Hirn­tumoren aufwiesen.

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In seinen Forschungen konnte Leszczynski nachweisen, dass menschliche Zellen bei der Bestrahlung mit Handystrahlung eine Stressreaktion zeigen: «Die Zellen identifizieren die Strahlung als potenziell gefährlich. Diese Reaktion kann zur Ausbildung eines Krebses beitragen.»

«Die Forschungen zur Stressreaktion sind ein interessanter Erklärungsansatz für die Krebsentstehung. Wie relevant dieser Beitrag ist, ist aber schwer abschätzbar», sagt Aline Binggeli von der Krebsliga Schweiz. Sie sieht für eine Höherstufung des Gefährdungs­potenzials keinen Anlass. «Die WHO-Klassifizierung beruht auf der Beurteilung der gesamten verfügbaren Literatur durch ein Gremium von über 30 Wissenschaftlern, inklusive Tier- und Zellstudien.»

Allein die Resultate der Cerenat-Studie reichten nicht als Legitimation für eine Höherstufung. «Generell muss für solche Klassifizierungen immer der gesamte wissenschaftliche Kontext angeschaut werden und nicht nur einzelne Studien.»

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