Die Absicht des Bundesrats ist klar: Hanf als Droge bleibt verboten, doch soll der Konsum nicht mehr bestraft werden. Damit kommt das Opportunitätsprinzip zur Anwendung. Die Landesregierung glaubt, auf diese Weise nicht gegen internationale Verträge zu verstossen, aber auch ausländische Kiffer von der Schweiz fern zu halten. Ob auch eine Lockerung des Hanfanbaus und des Handels erfolgen soll, ist unklar.

Die Grundlage für diese neue Politik liefert der Hanfbericht, den Experten im Rahmen der Revision des gesamten Betäubungsmittelgesetzes verfasst haben. Der Bericht spricht Klartext: Die vorwiegend jugendlichen Konsumenten lassen sich mit Verboten nicht vom Konsum von Cannabisprodukten abhalten. Die Experten traten für Straffreiheit des Konsums und der Vorbereitungshandlungen ein. Bei Handel und Anbau rieten die Experten dazu, das Opportunitätsprinzip walten zu lassen. Diese Vorschläge schickte der Bundesrat in die Vernehmlassung.

Die Antworten sind bereits im Lauf dieses Sommers eingegangen. Für die Straffreiheit des Konsums sprachen sich FDP, SP, CVP und Grüne aus. Konsequent dagegen sind SVP und EVP. Das Opportunitätsprinzip bei Handel und Anbau wollen FDP, SP und Grüne walten lassen. Dies geht der CVP zu weit: Für einmal vereint mit der SVP und der EVP, will sie Handel und Anbau weiterhin verbieten.

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Die konkreten Vorschläge wird der Bundesrat dem Parlament jedoch erst nächstes Jahr unterbreiten. Nach bewährtem helvetischem Muster werden sich dann zunächst die Kommissionen der Räte damit befassen. Bis National- und Ständerat alle Differenzen bereinigt haben, wird ein weiteres Jahr vergehen. Ein Referendum ist angesichts der Gegnerschaft der SVP und der Skepsis der lateinischen Schweiz nicht auszuschliessen. Bis Kiffer ganz legal paffen können, dürften also noch rund drei Jahre ins Land ziehen.

Doch schon jetzt greifen sie immer mehr in aller Öffentlichkeit zum Joint. Und dies nicht nur in den grossen Städten. Auch am Solothurner Aareufer ist der markante Hanfduft oft unverkennbar. Als kürzlich der Vollmond-Shop in Wetzikon ZH geschlossen wurde, demonstrierten rund 80 bekennende Kiffer für die Wiedereröffnung und die Freilassung des Betreibers.

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In kecker Offenheit bekannte Adrian Weisskopf, Mitbegründer des Vollmond-Shops, dass bei ihm auch Minderjährige den gewünschten Hanf erhielten. Begründung: «Wir schicken die Schwächsten der Gesellschaft nicht zu den Kriminellsten.» Die Schwächsten, also die Teenager, wären ansonsten nämlich auf skrupellose Strassenhändler angewiesen, die ihnen auch harte Drogen verkauften.

Geschäftstüchtigkeit kann man den Betreibern des Vollmond-Shops nicht absprechen: Sie koppelten den Hanfladen mit einer Videothek und waren damit nicht mehr an die Ladenöffnungszeiten gebunden. Das zahlte sich aus: Weisskopf spricht von 250000 Franken Umsatz pro Monat.

Cannabisprodukte übers Internet

Auch ein Teil der Produzenten macht keinen Hehl mehr aus ihrem Geschäft. In Ossingen ZH schloss die Polizei eine Gärtnerei, die sich seit geraumer Zeit auf den Anbau von Hanf verlegt hatte – was für viele ein offenes Geheimnis war. Einheimische Hanfbauern bieten ihre Ware recht unverhohlen im Internet an. So zum Beispiel «Hanf-Housi» aus Jegenstorf BE, der Hanfsäcklein ab Hof liefert – Vorauszahlung via Raiffeisen-Bank.

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François Reusser, Präsident der Hanfkoordination Schweiz, schätzt, dass dieses Jahr 150 bis 200 Hektaren Hanf angebaut werden, wobei pro Hektare ein bis anderthalb Tonnen Hanf anfallen. Die Anbaufläche nimmt jedes Jahr zu. Beim Hanf aus den Bündner Bergen gerät Reusser ins Schwärmen: «An sonnigen, nebelfreien Hanglagen bis 1500 Meter wachsen die besten Pflanzen. Die Böden sind gut, die Luft ist schadstoffarm, und das politische Klima stimmt auch.»

Vielerorts werden modernste Verfahren angewandt. Ruedi Baumann, Landwirt und heutiger Präsident der Grünen Partei der Schweiz, berichtet, dass bereits weibliche Hanfpflanzen geklont würden. Das hat seine Logik: Nur weibliche Pflanzen können zu Marihuana und Haschisch verarbeitet werden. Auch die Züchtung von Sorten mit hohem THC-Gehalt ist laut Baumann schon weit fortgeschritten – und je höher der THC-Gehalt, desto berauschender die Wirkung.

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Das einheimische Angebot wird auch wesentlich von Kleinstproduzenten mitbestimmt. Auf Terrassen und Balkonen gedeihen unzählige Hanfpflanzen. Wegen der daraus resultierenden Samenverteilung wachse der Hanf nun auch wild, führt Ruedi Baumann weiter aus.

Auch die «Indoor»-Produktion hat sich etabliert. Das mussten die Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Dietikon ZH erfahren, als plötzlich Wasser von der Stubendecke tropfte. Die Feuerwehr öffnete die darüber liegende Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. In den künstlich beleuchteten Räumen blühten 800 Hanfpflanzen. Die Zimmer waren untereinander mit Lüftungskanälen, Steuerungsanlagen, elektrischen Leitungen und – dummerweise defekten – Feuchtigkeits- und Entwässerungssystemen verbunden. Solche Anlagen sind in Kellern also wesentlich sicherer aufgehoben.

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François Reusser glaubt, dass die einheimische Produktion gut die Hälfte des Konsums abdeckt. Bei einer Liberalisierung wäre gar eine komplette Versorgung aus einheimischer Produktion möglich.

Drakonische Strafen für Anbauer

Doch dies ist vorerst Wunschdenken. Das Bundesgericht hat im Urteil vom 13. März dieses Jahres unmissverständlich festgehalten, dass immer noch die jetzigen Gesetze gelten. Der Betreiber eines St. Galler Hanfladens hatte Duftsäcklein mit einem THC-Gehalt von 0,5 bis 1,5 Prozent verkauft. Dafür bestrafte ihn das Kantonsgericht mit acht Monaten Gefängnis bedingt. Das Bundesgericht bestätigte das Urteil. Begründung: Anbau von und Handel mit Hanf seien generell verboten. Eine Ausnahme bilde der Industriehanf mit einem THC-Gehalt unter 0,3 Prozent.

Weitere Urteile folgten. Im Kanton Freiburg wurden zwei Bauern, die Hanf im grossen Stil anpflanzten, zu drakonischen Strafen verurteilt. Sie erhielten 30 und 24 Monate Gefängnis und mussten 1,2 Millionen respektive 215000 Franken Gewinn abliefern. In verschiedenen Kantonen wurden Hanfläden geschlossen – und nicht wieder eröffnet. Allzu grosse Offenheit kann eben auch ins Auge gehen.

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Die Zukunftsaussichten sind somit durchzogen: hier die Konsumenten, Verteiler und Produzenten, die die Ächtung des Hanfs schon bisher nicht verstanden haben und nach der Absichtserklärung des Bundesrats erst recht nicht verstehen; dort die Behörden, die seit dem Urteil des Bundesgerichts die Schliessung der Verkaufsstellen mit aller Härte durchsetzen können. Wenn sie dies denn wollen.

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