Das, wovor er warnt, lauert vor seinem Büro. Blickt der Schweizer Chefdatenschützer aus dem Fenster, schaut er ins Auge einer Überwachungskamera. Sein Arbeitsplatz liegt in einem Berner Hochsicherheitstrakt, zusammen mit der Bundesanwaltschaft. Bis sein eigenes Büro renoviert ist, hat man Thür und seinen 20 Mitarbeitern hier vorübergehend einen Büroschlauch zugewiesen. Im obersten Stock des Gebäudes lagerte die Bundespolizei früher die sogenannten Fichen mit den Daten angeblich subversiver Staatsbürger - bis 1989 der Fichenskandal aufflog. Nun arbeitet hier der Datenschützer, der unkontrolliertes Datensammeln verhindern soll. Thür selber ist als Ex-Mitglied der marxistisch-leninistischen Poch ein Opfer der Schnüffelpolizei.
Er trägt ein graues Sakko aus feinem Tuch über einem schwarzen Poloshirt, Blue Jeans und schwarze Slipper. Die Kleidung verrät Sinn für die feinen Unterschiede, signalisiert Angleichung, aber nicht Anpassung. Keine Krawatte. Thür ist ein sozialer Aufsteiger, einer von unten, sein Vater war Maschinenschlosser. Eine Zimmerpalme und bunte Kunst an den Wänden, geometrische Muster, sind der einzige Schmuck. Die Kahlheit des Raumes betont seinen üppigen Schopf: Im Alter, wo andere Haare verlieren, scheinen bei ihm solche neu zu spriessen.

Bruch mit der Vergangenheit
Der 58-Jährige wird von ehemaligen Parlamentarierkollegen und selbst politischen Gegnern als freundlich und anständig beschrieben; als einer, der weiss, wovon er spricht, was er mit Vorliebe auf hohem juristischem Niveau tut. Gerne wäre er nebenamtlicher Bundesrichter geworden. Andrerseits gilt er als nüchtern und temperamentlos, als Mann ohne Leidenschaften.

Das täuscht. Mit 16 trat er aus der katholischen Kirche aus - aus Empörung darüber, dass der Vatikan Schriften des katholischen Theologen Pierre Teilhard de Chardin, der Darwins Evolutionstheorie mit der christlichen Heilslehre versöhnen wollte, auf den Index gesetzt hatte. Mit Ende 20 kehrte Thür der Poch den Rücken. Und mit 51, nach elf Jahren als Nationalrat, zuletzt als Parteipräsident, trat er aus der Grünen Partei aus. Nähme sich ein Leidenschaftsloser die Mühe, mit der Vergangenheit zu brechen? Thür bricht immer wieder, und das endgültig. Nach seinem Abschied von der Parteipolitik liess er sich zum Mediator ausbilden und arbeitete wieder in seinem Beruf als Anwalt in Aarau. Dann, mit 52, fragte ihn die freisinnige Bundeskanzlerin an, ob er eidgenössischer Datenschützer werden wolle - obwohl er sich auf diese Stelle nicht mal beworben hatte. Er wollte.

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«Meine Person ist unwichtig»
«Werte wie Demokratie und Datenschutz verschwinden, wenn sie nicht beansprucht und verteidigt werden», predigte Thür im Vorwort seines ersten Tätigkeitsberichts. Mit so grossen Worten sollte man vorsichtig sein, sie klingen schnell pathetisch. Das weiss er selber. Als Person bleibt er lieber im Hintergrund, damit sich die Stimme des Datenschützers nicht abnützt. Oft spricht er in Wir-Form, als sei er kein Individuum, sondern ein Kollektiv: Der Datenschutz spricht, nicht er. Ein zweites vereinbartes Gespräch mit dem Beobachter über den Menschen Thür sagt er ab. «Meine Person ist unwichtig.» Er sei kein Selbstdarsteller, die Sache sei es, die zähle, nicht die Person. Stolz verweist er darauf, dass es über ihn keine Homestory gebe. Das will etwas heissen: Immerhin war er Präsident einer Partei und elf Jahre in der nationalen Politik. Man bekommt den Eindruck, der Mann wäre am liebsten gasförmig.

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Aber natürlich macht es einen Unterschied, ob der oberste Datenschützer Thür, Müller oder Kramer heisst. So zeigt etwa der amtierende Preisüberwacher Rudolf Strahm, was alles man aus einem bislang betulich wirkenden Amt herausholen kann. Heute ist Strahms Behörde nicht mehr nur Klagemauer für Rappenspalter, sondern eine supereffiziente Eingreiftruppe gegen überrissene Preise für Hörgeräte, Pflanzenschutzmittel oder zu hohe Abwassergebühren. Der Vergleich mit dem populären Preisüberwacher ist natürlich unfair. Es ist leichter, die Konsumenten auf niedrigere Preise einzuschwören als die Bürgerinnen und Bürger auf den Schutz einer abstrakten Privatsphäre. Die Akzeptanz für den Datenschutz muss den Staatsbürgern immer wieder abgerungen werden. Und das ist zurzeit hartes Brot.

Thür hat nämlich zwei Probleme, ein akutes und ein chronisches. Das akute: die Sozialmissbrauchsdebatte. Jeder vierte Drogendealer hänge am Tropf der Fürsorge, der Arbeitslosen- oder Invalidenversicherung, behauptete kürzlich ein leitender Staatsanwalt öffentlich. Und der Datenschutz verhindere die Aufdeckung solcher Fälle, sei Täterschutz, heisst es seither von verschiedenen Seiten. Unsinn, kontert Thür schon fast trotzig, das sei eine «Scheindebatte». Polizei und Sozialämter wollten damit bloss von eigenen Versäumnissen ablenken. «Man tut jetzt einmal mehr so, als ob neue Gesetze notwendig wären. Dabei wäre es gescheiter, die bestehenden Gesetze konsequent anzuwenden.» Und wischt das Thema weg.

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Die Gefahr lauert überall
Das chronische Problem: Er muss warnen vor der Zukunft, ist Alarmist von Amtes wegen - eine Dauersirene. Doch unablässiges Warnen wird irgendwann nicht mehr wahrgenommen, macht die Leute taub. Im neusten Tätigkeitsbericht vergleicht sich Thür mit Sisyphos, der tragischen Figur aus der griechischen Mythologie, die endlos den Stein den Berg hinanschiebt, der kurz vor dem Gipfel stets wieder hinabkullert: «Kaum glaubt man ein Datenschutzproblem gelöst, taucht es in etwas anderer Form gleich wieder auf.»

Überall lauert die Gefahr: schnüffelnde Staatsschützer und Armeedrohnen, Gesichtserkennung in Fussballstadien, Cumulus-Karten, Datenspuren im Internet, Videoüberwachung am Arbeitsplatz, datenhungrige Krankenversicherer, elektronische Gesundheitskarte. Immer wieder warnt er vor einem «Datenschutz-Gau» im Schweizer Gesundheitswesen. «Wenn eine Krankenversicherung weiss, wie das Essverhalten ihrer Versicherten aussieht, und sie damit ihre Gesundheitsrisiken kennt, wäre das eine Katastrophe.» Den Einspruch, er übertreibe ein wenig, pariert er mit der Frage: «Sind Sie naiv?» Er argwöhnt: «Brauchen die Versicherer wirklich diese Daten, um das zu tun, was sie behaupten zu tun? Oder sammeln sie auf Vorrat?» Denn er weiss, jeder Daten-Jackpot kann auch für andere Zwecke als den ursprünglichen angezapft werden.

Er rechnet immer mit dem Schlimmsten. Das ist sein Job.

Dass es den Datenschützer braucht, dieses unabhängige Gewissen, war lange unbestritten - in Zeiten, wo das Private in atemberaubendem Tempo erodiert und dem Sammeln von Daten nur durch die Kapazität der Speicherplatten Grenzen gesetzt werden. Doch zehn Tage nachdem Thür sein Teilzeitamt im September 2001 angetreten hatte, krachten die zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers und legten sie in Schutt und Asche. Seither steht der Datenschutz im politischen Gegenwind; Sicherheit wird wieder wichtiger. «Der orwellsche Überwachungsstaat ist durch die realen Möglichkeiten längst überholt! Damit dieser Horror nicht schrittweise Realität wird, brauchen wir eine offene Debatte mit mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die wissen, dass totale Sicherheit in den Totalitarismus führt», unkte Thür damals.

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Hüter des freiheitlichen Rechtsstaates
Doch die Bürger zeigen sich unmündig, scheinen an der Debatte nicht interessiert. Die Unbekümmertheit, mit welcher Menschen im Internet, also vor der ganzen Welt, ihr Privates preisgeben, ist schon fast frivol. Null Bock auf Datenschutz, die Lust an der Entblössung ist stärker. «Mir ist es eigentlich egal, ob jemand im Internet sein Sexualleben darstellt. Das ist freiwillig. Doch wer Anspruch auf eine Privatsphäre erhebt, soll diesen durchsetzen können», sagt Thür. Auf die Frage, ob er sich nicht als Schäfer fühle, dem die Herde abhandenkommt, entgegnet er: «Wenn dem so wäre, hätte ich nichts mehr zu tun.»

Und er demonstriert an der jährlichen Pressekonferenz, dass er eine Menge zu tun hat. Der neuste Tätigkeitsbericht ist 150 Seiten dick, und seit er auch noch zum «Öffentlichkeitsbeauftragten» verknurrt wurde, klagt er über zu wenig Personal. Nun gilt er als Daueralarmist, der auch noch jammert.

Thür selber sieht sich natürlich nicht so, sondern viel lieber als «Leuchtturm». Wer sehen will, der sehe - wer wegschaut, ist selber schuld. Er will kein Sektierer sein, sondern schlicht ein Hüter des «freiheitlichen Rechtsstaates».

Ein solches Wächteramt scheint nötiger denn je. Sogar ein Profi wie Thür hinterlässt Datenspuren im Internet: etwa die Privatadresse, obwohl er sie aus dem Telefonbuch streichen liess, oder seine Zeit am Engadiner Skimarathon. Persönlichere Details, als in seiner Fiche zu lesen waren.

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