Das Behindertenheim mit dem wohlklingenden Namen «Résidence à la Fontaine» liegt an der Hauptstrasse des jurassischen Strassendorfs Courtemaîche – ein denkmalgeschützter Gutshof. Heimleiter Reto K. trägt eine Brille mit chromfarbener Fassung, dunkle Hose, modische Lederschuhe und einen schwarz-rot gemusterten Markenpullover. Nichts von muffiger Sozialarbeiterkluft. In seiner Korrespondenz nennt sich der gelernte Kleiderverkäufer stolz «Directeur». Der Mann hat es zu etwas gebracht.

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Wäre da nur nicht diese giftige Kritik ehemaliger Angestellter. Fachliche Inkompetenz werfen sie dem Heimleiter vor. Und der Vereinsvorstand, der kontrollieren müsste, unternehme nichts. Eine entlassene Betreuerin sagt: «Ich arbeite seit 30 Jahren im Pflegebereich und muss sagen: So etwas wie die Führung dieses Heims habe ich noch nie erlebt.» Die ausgebildete Psychiatriekrankenschwester arbeitete knapp drei Jahre unter K. Dann wurde ihr wegen «Negativität» gekündigt. «Wer anderer Meinung ist oder Fragen stellt, fliegt raus», sagt sie.

Ungebremster Sexualtrieb

Drei Ex-Mitarbeiterinnen erzählen übereinstimmend folgende Geschichte: M., ein 44-jähriger Bewohner mit ausgeprägtem Sexualtrieb, habe mehr oder weniger jede Bewohnerin belästigt. Immer wieder soll er Sex mit zwei geistig behinderten jüngeren Frauen gehabt haben, die man laut ehemaligen Betreuerinnen vor ihm hätte schützen müssen. Trotz seiner sexuellen Problematik habe ihm die Heimleitung erlaubt, regelmässig in einer gemischten Sauna zu schwitzen. Als eine Betreuerin interveniert habe, sei sie als prüde hingestellt worden. «Kritik an der Teamsitzung liess der Heimleiter einfach ins Leere laufen.» Ihr Vorschlag, eine «caresseuse», eine Prostituierte für Behinderte, kommen zu lassen, wurde als zu teuer verworfen.

Des Weiteren besuchte eine Betreuerin mit einer geistig behinderten Bewohnerin eine Kickbox-Veranstaltung. «Eine offensichtliche Fehlentscheidung», kommentiert eine Ex-Mitarbeiterin. Die Behinderte – Opfer mehrfacher Vergewaltigung – sei angesichts der gezeigten Männergewalt in eine Psychose geraten und musste in eine Klinik eingewiesen werden. Ein anderer Bewohner habe ganze Nächte auf der Gasse verbracht, obwohl er suchtgefährdet war. Im Heim habe man es nicht für nötig gehalten, nach ihm zu suchen.

Maulkorb für die Mitarbeiter

Angestellte würden, so die Kritik, schon mal von Teamsitzungen ausgeschlossen, oder es werde ihnen verboten, am Jahresgespräch mit dem Vormund eines Behinderten teilzunehmen. Einer Betreuerin habe der Heimleiter sogar untersagt, dieses Verbot dem Vormund telefonisch mitzuteilen. «So konnte ich die Interessen des Bewohners nicht vertreten.»

Ex-Angestellte berichten von einem Mitarbeiter mit einem Alkoholproblem, der sogar schon einmal angetrunken den Heimbus chauffiert habe. Die Bewohner hätten sich geängstigt. Ein Brief einer Angestellten an den Vorstand sei folgenlos geblieben. «Der Mann arbeitet immer noch dort.»

Die Vorwürfe sind anekdotisch und lassen sich von aussen nur schwer beurteilen. Vielleicht steckt hinter gewissen Massnahmen, so bizarr sie scheinen, ein therapeutisches Konzept. Doch sowohl Heimleitung wie Vorstand schweigen zu den konkreten Vorwürfen. Eine ehemalige Angestellte bilanziert: «Erst der Blick aufs Ganze enthüllt, was in diesem Heim schiefläuft.»

Heimleiter K., 42, ein kleingewachsener, schlanker Mann, führt federnden Schrittes von Raum zu Raum. Im Esssaal sitzen drei der zwölf Bewohner und trinken Kaffee. In der Küche nebenan hantiert die Köchin. Hinter dem Wohnhaus erstreckt sich ein Garten, wo bald wieder Karotten, Kartoffeln und Kürbisse gepflanzt werden. Ab Sommer sollen auf Wunsch der Bewohner draussen auch Hühner gackern und Zwergziegen herumspringen, erwähnt Reto K. stolz.

Verantwortliche weisen Vorwürfe zurück

Der Trägerverein «Pinos» (Associations des Petites Institutions du Nord-Ouest de la Suisse) wirbt mit «einer individuellen Tagesstruktur» um Bewohner. Ein Heimplatz kostet um die 240 Franken im Tag. Eine Ehemalige behauptet aber, die Bewohner würden ausschliesslich putzen, waschen, in der Küche rüsten oder herumstehen. «Es gibt zwar ein Konzept, aber das wird überhaupt nicht gelebt», kritisiert die Frau, die wegen «Negativität» und «schlechten Einflusses auf Bewohner und Kollegen» entlassen wurde.

Bewohner und Betreuer könnten sich nicht einmal alle miteinander verständigen, weil die einen nur Deutsch, andere nur Französisch sprächen. Ausserdem seien Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen zusammengewürfelt, geistigen und psychischen. Individuelle Förderung sei unmöglich.

Seit 2003, dem Gründungsjahr des Trägervereins, der noch weitere Wohngemeinschaften führt, zog das Heim dreimal um und änderte mehrmals das Konzept. Im Vorstand, der die Heimleitungen beaufsichtigt, sitzt auch die Frau des Leiters K. Auf die Kritik geht die Pinos-Präsidentin, Ex-Staatsrätin Madeleine Amgwerd, gar nicht erst ein. Sie teilt mit: «Unsere Wohngemeinschaften unterliegen regelmässigen Kontrollen.» Keine Behörde habe Pinos oder das betreffende Heim je kritisiert. Die Vorwürfe seien «boshaft und unbegründet».

Jakob Egli ist Geschäftsführer des Vereins Chupferhammer, der zehn Wohngruppen für Behinderte in der Ostschweiz anbietet. Pinos ist aus diesem Verein hervorgegangen. «Seither hört man immer wieder von Zwischenfällen, seien es fristlose Kündigungen, überhaupt sehr viele Abgänge, arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen vor Gericht», sagt Egli. «Pinos scheint einfach nicht zur Ruhe zu kommen. Da ist irgendwie der Wurm drin.»

Auf politischem Weg passiert nichts

Auch weil die Heimplätze mit Geldern der Sozialversicherung berappt werden, wollte der jurassische SVP-Nationalrat und Arzt Dominique Baettig vom Bundesrat wissen, was es mit diesen «Turbulenzen» beim Verein Pinos auf sich habe und wer solche Heime kontrolliert. Der Bundesrat teilte ihm Anfang März mit, die Kontrolle sei Sache des Kantons.

Doch bereits 2007 hatten ehemalige Angestellte der jurassischen Kantonsbehörde über Missstände im Heim berichtet. Das Sozialdepartement des Kantons Jura machte sich die Sache einfach: Es bat die Heimleitung um eine Stellungnahme – und kam zum Schluss, es seien «keine zusätzlichen Nachforschungen nötig».